Im Krisenmodus ist der Schaeffler-Standort Bühl. Aktuell wird über eine Verringerung der Wochenarbeitszeit verhandelt. | Foto: Bernhard Margull

Autozulieferer in der Krise

Schaeffler verhandelt in Bühl über geringere Wochenarbeitszeit

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Die Krise der Automobilbranche hat auch die Zulieferer infiziert. Der Schaeffler-Standort Bühl ist im Krisenmodus. Aktuell wird über eine entgeltwirksame Reduzierung der Wochenarbeitszeit verhandelt; Betriebsrat und IG Metall wollen Arbeitsplatzverlagerungen ins Ausland verhindern.

Die Nachrichten aus der Automobilbranche verfolgt Matthias Zink mit Sorge. Die Krise manifestiert sich dort in Stellenstreichungen in großem Stil. Am Freitag hat Daimler den Wegfall Tausender Jobs bestätigt. „Die Krise geht langsam in die Breite und erreicht die Anlagenbauer“, sagt Zink, der Vorstand Automotive OEM bei der Schaeffler AG. Der Zulieferer ist ebenfalls im Krisenmodus.

In Bühl, wo Schaeffler 5 200 Mitarbeiter beschäftigt, zeigt sich das in zweifacher Weise: Das 60 Millionen Euro teure Entwicklungszentrum für die E-Mobilität ist vorerst gestoppt, und die geringere Auslastung der Werke führt zu Veränderungen beim Personal.

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Es fehlen 700 Millionen Euro

Beim Entwicklungszentrum, das für das Herzogenauracher Unternehmen zur Triebfeder der E-Mobilität werden sollte, gilt laut Zink: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“ Die Entscheidung, den Bau vorerst zu stoppen, begründete er mit der wirtschaftlichen Situation.

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Weltweit würden derzeit pro Jahr sieben Millionen weniger Autos gebaut. Für Schaeffler, das mit 100 Euro pro Auto kalkuliert, bedeute dies einen Umsatzverlust von 700 Millionen Euro: „Das ist eine brutale Zahl.“ In eine ungewisse Entwicklung hinein könne nicht investiert werden. Sobald die Kurve wieder nach oben gehe, kämen die Pläne aber aus der Schublade: „Wir wollen das Entwicklungszentrum weiterhin bauen und haben trotz des Stopps sämtliche Genehmigungsverfahren weitergetrieben“, versichert Zink.

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Arbeit am E-Motor

Auch ohne das Entwicklungszentrum werde das Thema vorangetrieben: Ab 2021 wolle Schaeffler auch Motorenbauer sein. Entwickelt werde der Motor in Bühl, nach der Serienreife aber in Ungarn gebaut. Zink räumt ein, dass dies auch aus Kostengründen geschehe, aber das Kundenwerk sitze in Ungarn. „Wir können die Motoren nicht durch ganz Europa fahren.“ Grundsätzlich sei dies die Strategie: Die Anlagen- und Prozessentwicklung erfolge in Bühl, „hier entwickeln wir neue Produkte und bringen sie zur Serienreife. Gefertigt wird dann je nach Kunde oder wirtschaftlicher Situation“, sagt Zink.

Deutschlandweites Frewilligenprogramm

Er hofft, das Bühler Personal trotz der Krise weitgehend halten zu können. Aktuell soll die Kurve jedoch etwas nach unten gehen. Anfang November ist ein Freiwilligenprogramm gestartet worden, mit dem Schaeffler deutschlandweit 1 300 Stellen einsparen möchte.

Vor allem betreffe dies die Standorte Bühl, Schweinfurt und Herzogenaurach. „Weil dort auch die meisten Leute sitzen“, erklärt Zink. Dass dies ausreicht, um die Lücken in den Auftragsbüchern auszugleichen, scheint fraglich: „Wir haben für das, was im Moment gebaut wird, zu viel Mannschaft an Bord. Da müssen wir sehen, wie wir uns organisatorisch anpassen können.“ Gleichwohl betont Zink, dass dieses Programm auf Freiwilligkeit basiere, betriebsbedingte Kündigungen solle es nicht geben.

Auch Aufträge für Maschinen gestoppt

Gestoppt ist indes nicht nur das Entwicklungszentrum, sondern auch Aufträge für Maschinen. „Und dennoch haben wir Maschinen und Schichten, die wir bei der aktuellen Auftragslage nicht benötigen“, so Zink. In dieser Situation setzt Schaeffler weiter auf Schließtage, die es schon gab, als das Unternehmen in Bühl noch unter seinem bis zum vergangenen Jahr geführten Namen LuK lief. „Wir müssen die Arbeitszeit an unser Arbeitsvolumen anpassen“, sagt Werkleiter Trudbert Kraus. Dafür seien die auch vergleichsweise gut gefüllten Zeitkonten da. Sie müssten genutzt werden, wenn es mal weniger Arbeit gebe.

Der Bühler Werkleiter Trudbert Kraus und Schaeffler-Vorstand Matthias Zink. Foto: Ulrich Coenen

Von 40 auf 38 Stunden

Doch um das Ziel, die Stammbelegschaft zu halten, erreichen zu können, wird nun mit den Arbeitnehmervertretern über die entgeltwirksame Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 40 auf 38 Stunden verhandelt. Eine weitergehende Reduzierung auf 35 Stunden sei aber nicht Gegenstand der Verhandlungen. Auch Kurzarbeit sei bislang nicht geplant: „Unser Ansatz sind bis dato die 38 Stunden“, sagt Zink. „Wir müssen davon ausgehen, dass sich 2020 auf dem Markt nichts Wesentliches ändert. Da ist es besser, zwei Stunden abzugeben, bevor es an die Arbeitsplätze geht.“

„Stellen uns auf eine weitere Durststrecke ein“

Die entscheidende Frage sei: Wann erholt sich die Automobilbranche? Für 2020 erwartet Zink weltweit ähnliche Zahlen an Neuwagen wie zuletzt. Das heißt: „Wir fahren weiter auf Sicht und stellen uns auf eine weitere Durststrecke ein. Die halten wir mit den erwähnten Maßnahmen auch durch. Unser Ziel ist es, in die neuen Technologien zu kommen, und wir sind bei der E-Mobilität gut dabei. Aber irgendwann muss bei all den Anlagen, die wir haben, auch wieder Volumen kommen.“

Unruhe in der Belegschaft

Die Stimmung in der Belegschaft habe sich verändert, sagt  derweil der Bühler Betriebsratsvorsitzende von Schaeffler, Volker Robl. Die diversen Instrumente, mit denen der Krise begegnet werde, hätten jedem klargemacht, wie es stehe. Es sei zehn Jahre lang nur aufwärts gegangen, viele Kollegen hätten es gar nicht anders gekannt. Unruhe sei aufgekommen, weil die Geschäftsleitung ihre Entscheidungen und Vorhaben nicht immer gut kommuniziert habe: „Der Ton ist rauer geworden.“

Robl bestätigt die Verhandlungen zur Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 40 auf 38 Stunden, Entscheidungen gebe es aber noch nicht. Der Wunsch der Geschäftsleitung sei verständlich. Zudem verschaffe er der Belegschaft Zeit, bis sich die Branche wieder erhole. Die Bedingung dafür ist aus Robls Sicht allerdings, betriebsbedingte Kündigungen auszuschließen. Dies sei mit Blick auf die Standortsicherung wichtig.

Bei der IG Metall in Offenburg fordert der zweite Bevollmächtigte Norbert Göbelsmann eine Ausdifferenzierung. „Es geht nicht nur darum, Zeit zu gewinnen. Das ist keine Entwicklung nach vorne.“ Die unterschiedlichen Abteilungen seien unterschiedlich ausgelastet: „Wir können aber nicht dort, wo die Arbeitsbelastung eher noch zunimmt oder gleich bleibt, einfach kürzen. Das wäre eine zusätzliche Leistungsverdichtung bei geringerer Entlohnung, ein Entgeltverzicht bei gleich bleibender Arbeit. Das geht nicht.“ Das gelte auch für die Bürobereiche.

Werk in Ungarn treibt Betriebsrat und IG Metall um

Sorgen machen sich sowohl Betriebsrat als auch IG Metall über mögliche Auswirkungen des in Ungarn geplanten Werks auf Bühl. Es sei gut, dass der E-Motor hier entwickelt und zur Serienreife gebracht werden soll, sagt Volker Robl. „Es wäre aber fatal, wenn in Bühl nur noch entwickelt und dann im Ausland produziert würde. Das hätte Auswirkungen auf die Arbeitsplätze und auch auf die Stadt, weil die Gewerbesteuer sinken würde“, so Robl.

Er kündigte an, auf die Politik zugehen zu wollen: „Sie muss aufpassen, dass nicht alles weggegeben wird.“ Es müsse alles getan werden, um im Land die Arbeitsplätze zu halten; auch über Subventionen solle geredet werden.

Für Göbelsmann kommt eine Verlagerung der Produktion nicht infrage – vor allem dann, wenn es keine Lohnerhöhung gebe. Der einzelne Mitarbeiter trage mit seiner Arbeit dazu bei, die Verlagerung zu finanzieren: „Das geht gar nicht.“ Es sei ein langfristige Arbeitsplatzsicherung durch Investitionen und sichere Produkte anzustreben: „Wir können nicht verzichten und gleichzeitig verlagern. Irgendwann haben wir sonst keine Industrie mehr in Bühl.“