EIN BILD AUS DER VERGANGENHEIT: Auch die Sammelstelle im Renchener Ortsteil ist von der Schließung betroffen.
Ein Bild aus der Vergangenheit: Auch die Sammelstelle im Renchener Ortsteil ist von der Schließung betroffen. | Foto: Alfred Heptig

Eine Ära geht zu Ende

Schließung von Obstsammelstellen

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Kurz vor dem Ende der Obstsaison rief der Obstgroßmarkt Oberkirch (OGM) seine Sammelstellenleiter zusammen und verkündete: Die Kündigung für neun von ihnen kommt zum 31. Dezember (der ABB berichtete). Das bedeutete nichts anderes, als dass dieser Sommer ihr letzter in dieser Funktion war. In mehreren Ortschaften, darunter in Kappelrodeck, Mösbach, Renchen und Ulm geht damit eine Ära zu Ende. Das könnte mittelfristig Auswirkungen auf das Landschaftsbild haben.

Von unserer Mitarbeiterin Michaela Gabriel

Die Sammelstellenleiter waren die Ansprechpartner der Obsterzeuger vor Ort. Sie standen für kurze Wege. Sie organisierten das Leergut für das Obst. Sie nahmen die frisch geernteten Erdbeeren und Himbeeren, Johannisbeeren und Stachelbeeren, Kirschen, Mirabellen und Zwetschen entgegen, kontrollierten und palettierten sie. Und sie transportierten sie täglich weiter zur Vermarktung nach Oberkirch.

Frisch geerntete Bühler Zwetschgen in Sasbachried.
Frisch geerntete Bühler Zwetschgen. In Kappelrodeck, Mösbach, Renchen und Ulm können sie zukünftig nicht mehr abgeliefert werden. | Foto: Uli Deck/dpa

Mir blutet das Herz

„Mir blutet das Herz“, sagt Renate Heptig, die 33 Jahre lang von Mai bis September fast täglich mehrere Stunden in die Annahme des frischen Obstes aus Ulm investierte. Ihr Mann Ewald Heptig leitete die Annahmestelle in der Ullenburgstraße 38 Jahre lang. Am 14. September habe sie mit Tränen in den Augen zum letzten Mal Zwetschgen angenommen.

Die Erzeuger hat niemand gewarnt

Bis zum 12. September habe man nichts vom Ende dieser Tätigkeit für den OGM gewusst, berichten die Heptigs. Einziger Hinweis sei eine Aussage im vergangenen Jahr gewesen, man soll möglichst nicht mehr investieren. Die Erzeuger habe niemand gewarnt. Sie erfuhren erst am 13. September in einem Brief per Mail, dass ihre Anlaufstelle ab 2020 geschlossen bleibt. „Wir waren in der Erdbeerzeit jeden Tag da, manchmal auch zweimal am Tag, danach dann von Montag bis Samstag täglich“, zählt Landwirt Alois Huschle aus Renchen auf: „Das war ein Standbein unseres Betriebs.“ 1961 haben seine Eltern damit begonnen, die Renchener Obstsammelstelle im Auftrag des OGM zu führen. Seit 25 Jahren habe er das mit seiner Frau Irene gemacht: „Da endet eine Tradition.“

Zahl der Erzeuger geht zurück

Die Zahl der Erzeuger sei in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, so Alois Huschle. Von ehemals 50 blieben 2019 noch sieben, die in Renchen anlieferten. Für viele habe sich das Abliefern des Obstes nicht mehr gerechnet, seitdem sie die Kosten für die erforderliche Zertifizierung selbst tragen mussten. Dadurch sei auch der Umsatz deutlich zurückgegangen. In Ulm habe früher fast jedes Haus eine Erzeugernummer gehabt, erzählt Renate Heptig. Es seien stets überwiegend Nebenerwerbslandwirte gewesen. Von mehr als 400 in den 1980er Jahren seien jetzt noch 30 zertifizierte Erzeuger übrig.

Auswirkungen auf das Landschaftsbild befürchtet

Wie Alois Huschle will auch sie ihre Anlieferer nochmal einladen. Dann könnte auch zur Sprache kommen, dass viele ihre Obstbäume nun am liebsten los werden wollen: Viel Arbeit, lange Wege zum Obstgroßmarkt und wenig Erlös verlocken nicht zum Durchhalten. „Ich sehe kommen, dass das Landschaftsbild sich verändern wird“, sagt Renate Heptig. Das sieht auch Friedrich Haberle aus Mösbach so. Er lieferte am Freitagmorgen die letzte Fuhre Zwetschgen zur Mösbacher Sammelstelle von Ewald und Maria Streck im Renchener Weg – mit Tränen in den Augen. „Ich habe immer gegen die Schließung der Sammelstellen gekämpft“, sagt er. Seine Familie werde jetzt mit dem Obstanbau aufhören, die Bäume verpachten oder umsägen. Denn mit Schlepper und Anhänger nach Achern zu fahren, das sei ihm zu gefährlich. „Wenn die Erzeugerpreise sich nicht verbessern, wird in Zukunft auf so manchem gerodeten Obstfeld Getreide oder Mais angepflanzt“, so Friedrich Haberle. Auch verwilderte Felder werde es geben.

Auch Kommunen sind betroffen

Wenn eine Gemeinde eine Obstsammelstelle hatte, dann verbuchte sie aus den hier geschriebenen Umsätzen auch Gewerbesteuereinnahmen. Die waren zwar zuletzt rückläufig. Doch durch die Entscheidung zur Schließung von neun Obstsammelstellen versiegt diese Quelle für manche Kommunen ganz. Sie wurden im Auftrag des Obstgroßmarktes auf der Grundlage einer Umsatzbeteiligung geführt.

Weitere Wegstrecken sind Zumutung für Nebenerwerbslandwirte

Gabi Bär, Ortsvorsteherin von Mösbach, denkt vor allem an die Erzeuger: Für die vielen, die als Nebenerwerb Obst anbauen, sei es „eine Zumutung“, künftig weitere Wegstrecken in Kauf zu nehmen. Mancher müsste sich dafür einen Pkw-Hänger anschaffen, weil die Fahrt mit dem Traktor zu lange dauere. Die Ortsvorsteherin hofft, dass sich Mösbacher Erzeuger künftig zusammentun, um ihre Ware gemeinsam beim Obstgroßmarkt abzuliefern.

Jährliche Ersparnis von 300.000 Euro durch Schließung

Sie verstehe, dass dieser kosteneffizient arbeiten wolle und eine jährliche Einsparung von 300.000 Euro durch die Schließung von neun Sammelstellen kalkulatorisch für diesen Schritt sprechen. Dass dieser Schritt aber so plötzlich gekommen sei, ohne dass man darüber reden konnte, das finde sie nicht gut.

Zur Anlieferung der letzten Zwetschgen in Mösbach kam auch Ortsvorsteherin Gabi Bär. Sie sprach mit Sammelstellenleiter Ewald Streck (links) und Erzeuger Friedrich Haberle (rechts).
Zur Anlieferung der letzten Zwetschgen in Mösbach kam auch Ortsvorsteherin Gabi Bär. Sie sprach mit Sammelstellenleiter Ewald Streck (links) und Erzeuger Friedrich Haberle (rechts). | Foto: Michaela Gabriel

Wichtige Infrastruktur geht verloren

Die Nutzer der Obstsammelstelle Kappelrodeck müssen künftig in Achern oder Oberkirch „abliefern“. Es seien wohl rund 20 aus dem Achertal, so Bürgermeister Stefan Hattenbach. Er findet es schade, dass die bisherige Infrastruktur verloren geht. Sie habe betriebsnah und unkompliziert funktioniert. „Unsere landwirtschaftlichen Betriebe stehen unter enormem Kostendruck, wenn es um die Erzeugung regionaler Lebensmittel geht“, weiß Hattenbach. Die Einsparungen des OGM sollten sich deshalb in barer Münze für sie auszahlen. Bürgermeister Hattenbach hat bereits das Kaufinteresse der Gemeinde für Grundstück und Gebäude der Obstsammelstelle Kappelrodeck angemeldet.