In den Notaufnahmen der Krankenhäuser hat es die ersten Übertragungen der Masern im Ortenaukreis gegeben. | Foto: dpa

Landesweit niedrigster Wert

Schon 15 Masernfälle in der Ortenau – ist die niedrige Impfquote ein Grund?

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Mit wachsender Sorge beobachten Ärzte die Ausbreitung der Masern im Ortenaukreis. Die nach jüngsten Zahlen 15 bestätigten Infektionen verteilen sich fast über das gesamte Gebiet des flächengrößten Landkreises im Südwesten. Möglicherweise ist dies eine Folge von Versäumnissen in der Vergangenheit: Vor zehn Jahren hatte der Kreis die landesweit niedrigste Impfquote.

In Oberkirch sind bereits Masern an zwei Schulen aufgetreten, Kinder ohne nachgewiesene Immunität wurden für die kommenden Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Sorgen macht man sich besonders an der Grundschule in Zusenhofen.

Dort waren praktisch alle Kinder mit dem infizierten Schüler und dem Erreger in Kontakt, weil die gesamte Schule ausgerechnet am Tag der höchsten Ansteckungsgefahr zum „gesunden Frühstück“ eingeladen hatte.

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Impfschutz hat immer noch erhebliche Lücken

Doch der Verbreitung der Masern in der Ortenau haftet keinesfalls etwas Amüsantes an. Der Fall macht deutlich, dass der Impfschutz der Menschen noch immer erhebliche Lücken hat – und dass man im Ortenaukreis nun möglicherweise für Sünden der Vergangenheit zahlt. Denn der Kreis hatte geraume Zeit die niedrigste Impfquote im gesamten Südwesten gehabt.

Ausgerechnet in Notaufnahmen und Arztpraxen ist das Virus von einem Patienten auf den anderen übergesprungen. Denn dort, so sagt Evelyn Bressau, Leiterin des Gesundheitsamts in Offenburg, seien die Infizierten „rege unterwegs“ gewesen.

Eingeschleppt aus Straßburg

An die mutmaßlich aus dem benachbarten Straßburg nach Deutschland eingeschleppten Masern hatte Mitte Januar, beim Auftreten der ersten unspezifischen Symptome, niemand gedacht – auch nicht die behandelnden Ärzte.

Das hat sich geändert. Schulen, Kindergärten, Ärzte sind vorgewarnt, das Ortenau Klinikum appelliert an Menschen ohne Impfschutz oder Immunität durch eine vorherige Masernerkrankung, auf den Besuch von Freunden und Verwandten im Krankenhaus zu verzichten, um den hoch ansteckenden Keim nicht einzuschleppen.

Evelyn Bressau leitet das Gesundheitsamt im Ortenaukreis. | Foto: Landratsamt Offenburg

Wer sich nicht sicher ist, ob er die Masern übertragen kann, sollte auch außerhalb der Krankenhäuser den Kontakt besonders mit Kleinkinder meiden, die noch zu jung für eine Impfung sind. Im Ortenaukreis herrscht also durchaus Alarmstimmung.

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Ab März gilt die Impfpflicht

Die Infektion breitet sich schnell aus – und sie platzt mitten in die Vorbereitungen für die Masern-Impfpflicht, die formell eigentlich von März an gelten soll. Noch fehlen klare Vorgaben für die Umsetzung, so dass man bei den Gesundheitsämtern mit Fragen dazu erst einmal auf Schulterzucken stößt. Klar ist nur eines: Die Impfstoffe werden, so heißt es aus dem Offenburger Landratsamt, langsam knapp – auch wegen der bald verpflichtenden Immunisierung als Voraussetzung für den Besuch von Kindergärten und Schulen.

Die schnell um sich greifende Infektion hat dem Dauerstreit zwischen Befürwortern und Gegnern einer Impfung neue Nahrung gegeben. Dies zeigt nicht nur ein Blick in die sozialen Medien, das spüren auch die Gesundheitsämter. In Offenburg füllen sich die Postfächer mit teils skeptischen, teils wütenden Reaktionen. „Ich habe eigens eine Mitarbeiterin abgestellt, um das alles zu beantworten“, sagt Bressau.

Eigene Mitarbeiterin muss Impfgegner überzeugen

Sie muss Überzeugungsarbeit leisten: Im Ortenaukreis liegen die Impfquoten bei Kindern auch heute noch deutlich unter jenen 95 Prozent, die eine so genannte „Herdenimmunität“ sicherstellen, also die Weitergabe des Erregers automatisch unterbinden. „Sorgen“, so Bressau, „bereiten mir aber vor allem die jungen Erwachsenen“.

Tatsächlich waren im Ortenaukreis, nach jüngsten Zahlen des Landesgesundheitsamts, neben vier Kindern auch sieben Erwachsene erkrankt, mit teilweise erheblichen Komplikationen. Am Freitag wurden diese Zahlen nochmals auf 15 bestätigte Fälle nach oben korrigiert.

Eingeschleppt wurde das Virus aus Straßburg – „wir können den Weg der Masern ziemlich genau nachvollziehen“, sagt Bressau. Das geht bis hin zu den jüngsten Fällen.

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In anderen Kreisen ist die Impfquote vorbildlich

Der Ortenaukreis nimmt eine Sonderrolle ein, aktuell wurden landesweit nur drei weitere Fälle gemeldet – aus dem Enzkreis sowie den Kreisen Rastatt und Böblingen. Bemerkenswert dabei: In Rastatt ist die Impfquote zumindest bei den Kindern vorbildlich, liegt laut Kreissprecherin Gisela Merklinger im nördlichen und südlichen Landkreis sowie im Murgtal bei vorbildlichen 95 Prozent. „Aber wir sind noch immer nicht zufrieden“, sagt sie, „wir klären bei jeder Gelegenheit auf, was die Masern anrichten können“.

Der Ortenaukreis hingegen hatte in den Jahren 2010 bis 2012 bei den Kindern die landesweit niedrigste Impfquote gegen Masern vorzuweisen, war Schlusslicht mit anfangs bescheidenen 72,2 Prozent.

So niedrig ist die Quote in der Ortenau

Inzwischen hat man sich auf 88,1 Prozent an die Empfehlungen heran gearbeitet, liegt aber weiterhin unter dem Landesschnitt. Das hat Folgen. Die Masern sind in dem ländlich geprägten Kreis immer wieder ausgebrochen, 2011 sogar mit rund 100 Fällen. Auch 2019 gab es in der Ortenau zehn Erkrankte, mehr als in jedem anderen Kreis im Südwesten.

Es ist mit weiteren Erkrankungen zu rechnen.

Evelyn Bressau (Gesundheitsamt im Ortenaukreis)

Die Frage, ob man das Virus nach den 15 Fällen seit Januar im Ortenaukreis eindämmen könne, beantwortet Amtsleiterin Bressau sehr vorsichtig. Sie wolle keine Panik verbreiten, aber „es ist mit weiteren Erkrankungen zu rechnen“. Die Schulen im Kreis bereiten sich darauf vor. So sei geplant, vom Unterricht ausgeschlossene Kinder zuhause mit dem Lehrstoff zu versorgen, sagt Gabriele Weinrich, Chefin des Schulamts in Offenburg.