Nur ein kurzer Pieks: Damit ist die Arbeit eines Kinderarztes heute nicht mehr getan. Der erhöhte Arbeitsaufwand pro Patient bringt auch Kinderarzt-Praxen in Achern an die Grenzen ihrer Kapazitäten – und darüber hinaus.
Nur ein kurzer Pieks: Damit ist die Arbeit eines Kinderarztes heute nicht mehr getan. Der erhöhte Arbeitsaufwand pro Patient bringt auch Kinderarzt-Praxen in Achern an die Grenzen ihrer Kapazitäten – und darüber hinaus. | Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Versorgungsproblem

„Seit Jahren über dem Limit“ – Kinderärzte in Achern sind überlastet

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„Wir nehmen leider keine neuen Patienten mehr auf“ – die Suche nach einem Kinderarzt wird für Eltern immer häufiger zur schier unlösbaren Aufgabe. Manche Praxen nehmen nur noch Geschwisterkinder bisheriger Patienten auf, andere haben bereits einen gänzlichen Aufnahmestop verhängt. Auch Acherner Kinderarzt-Praxen müssten immer wieder Patienten abweisen, erklärt Markus Wössner, Obmann der Kinderärzte im Ortenaukreis. Selbst die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) spricht mittlerweile von einem Mangel an Kinderärzten in der Region.

Situation ist schwierig bis desaströs.

„Insgesamt ist die Situation im Ortenaukreis schwierig bis desaströs. Die kinderärztliche Versorgung ist jetzt schon unzureichend“, bestätigt Wössner und spricht damit auch für seine Acherner Kollegen. „Die Patienten kommen von ganz allein, jeden Tag und in immer größerer Zahl“, beschreibt er die derzeitige Situation und gibt zu: „Ich bin schon seit Jahren über dem Limit. Aber wir als Kinderärzte sind besonders in der ethischen Falle, denn man kann eigentlich nicht ablehnen, ein krankes Kind zu behandeln.“

Allein im vergangenen Quartal habe seine Praxis zwischen 60 und 70 neue Patienten aufgenommen. „Die meiste Zeit hat das auch mit Drücken und Quetschen noch funktioniert, aber seit etwa einem Jahr ist auch das nicht mehr möglich. Dann bekommen manche keinen Platz mehr.“ Er vergebe so lange Termine, wie diese eben verfügbar seien. Dabei spielten Kriterien wie Wohnort oder etwa Art der Versicherung keine Rolle, betont Wössner.

Steigende Geburtenzahlen, aber nicht mehr Ärzte

Die Gründe für diese Entwicklungen sind seiner Meinung nach klar. Einerseits entstünden im Ortenaukreis und auch in Achern im großen Umfang neue Baugebiete. „Es werden immer mehr Kinder geboren, was ja schön ist“, erläutert Wössner weiter.

Nach Auskunft der Stadt gab es im Jahr 2015 in Achern 347 Geburtsbeurkundungen, 2018 waren es schon 487. Doch diese Kinder müssten auch ärztlich versorgt werden. Darüber hinaus habe der Betreuungsaufwand pro Kind massiv zugenommen, so Wössner.

Das bestätigt auch der Versorgungsbericht der KVBW für das Jahr 2018 in einem Beispiel: „Die Untersuchung U7a wurde 2008 eingeführt und im Jahr 2011 bei 60 268 Kindern durchgeführt. Umgerechnet in Arztzeit wären allein zur Bewältigung dieser Aufgabe für Baden-Württemberg 14 zusätzliche Kinderärzte erforderlich gewesen.“

Mehr Patienten bedeuten nicht automatisch mehr Honorar

Wössner weist jedoch gleichzeitig darauf hin, dass es durch eine Deckelung des Gesetzgebers für mehr Patienten nicht automatisch mehr Honorar gebe. „Das ist das Verrückte: Wenn alle Kinderärzte ab morgen zehn Prozent weniger arbeiten würden, würde sich das in ihrem Honorar nicht bemerkbar machen.“ Bei vielen Ärzten grenze das inzwischen an Selbstausbeutung. „Das sind absurde Regelungen, die man der Bevölkerung so nur schwer erklären kann“, kritisiert er.

Zu wenig Kinderärzte kommen nach

Eine kurzfristige Lösung ist für Wössner nicht in Sicht. Es werde immer schwieriger, Mitarbeiter zu finden. Dazu würden immer weniger Kinderärzte ausgebildet, selbst für mögliche freie Stellen sei also gar niemand verfügbar, bedauert er.

Unbesetzte Stellen im Ortenaukreis

Den Mangel an Fachkräften sieht auch Johannes Fechner als Problem. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVBW gibt zu: „Die Situation im Ortenaukreis wird langsam problematisch. Wir haben hier drei offene Kinderarzt-Sitze, aber die kommen nicht.“ Früher habe es Wartelisten für Arzt-Sitze gegeben, heute melde sich auf die Ausschreibungen keiner mehr. „Wir laufen hier in ein Problem rein“, bestätigt Fechner.

Im Jahr 2017 habe im Ortenaukreis nach der Bedarfsplanung der KVBW noch ein ärztlicher Versorgungsgrad von 131,8 Prozent geherrscht. Damit habe die Region als „überversorgt“ gegolten, es habe eine Sperre für die Neuansiedelung von Kinderärzten gegeben. „Heute liegt der Versorgungsgrad der Ortenau bei 99,5 Prozent, drei Kinderarzt-Stellen sind frei, in ganz Südbaden werden acht Kinderärzte gesucht“, führt Fechner weiter aus.

Gang in die Notaufnahme ist keine Lösung

Eltern, die keinen Termin bekommen, rät er, nicht direkt in die Notaufnahme zu gehen, sondern sich an die Termin-Service-Stelle der KVBW zu wenden. Dort würden freie Termine vermittelt, allerdings eben oft bei einem Arzt, der ansonsten vielleicht nicht die erste Wahl gewesen sei.

Der Gemeinsame Bundesausschuss ist das oberste Gremium der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen. Nach dessen Meinung, so Fechner, sei es durchaus zumutbar, dass Eltern mit ihrem Kind eine Fahrt von 30 Minuten zum nächsten Kinderarzt auf sich nehmen und in diesem Fall beispielsweise nach Oberkirch fahren.