Mehr als 200 Corona-Tests pro Tag sind im Ortenaukreis nicht möglich. Es mangelt an Laborkapazitäten. | Foto: Balibouse

Labore sind ausgelastet

Sinkende Fallzahlen: Gesundheitsamt in der Ortenau lockert Beschränkungen bei Corona-Tests

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Wenige Infizierte, viele Tote: Die Corona-Statistik im Ortenaukreis steckt voller Widersprüche. Jetzt sollen die bislang auf bestimmte Personen beschränkten Corona-Tests ausgeweitet werden. Vielleicht bringt das mehr Klarheit.

„Zurück auf Anfang“ geht der Ortenaukreis bei seiner Strategie zur Bekämpfung der Corona-Verbreitung. Man werde sich nun wieder den Containment-Strategie zuwenden, mit der man am Anfang der Pandemie versucht habe, die Ausbreitung des Erregers zu verhindern. Dies sagte die Leiterin des Gesundheitsamts, Evelyn Bressau, in einer Videokonferenz mit Journalisten.

Bressau hatte bereits in der zweiten Aprilhälfte die Strategie des Kreises angesichts schnell steigender Fallzahlen geändert und nur noch dann einen Corona-Test veranlasst, wenn der oder die Betroffene entweder zur Risikogruppe gehört oder wichtig für den Medizinbetrieb ist. Dafür hatte der Kreis eine Menge Kritik kassiert.

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Phasen einer Pandemie

Viel spricht dafür, dass diese strikte Beschränkung der Tests auch eine Ursache dafür ist dass der Kreis, gemessen an der Zahl der Infizierten, statistisch gesehen auffällig viele Todesopfer zu beklagen hat. Mit anderen Worten: Es sind wohl sehr viel mehr Menschen infiziert als offiziell bestätigt werden kann.

Mit den „Phasen einer Pandemie“ hatte Bressau im März begründet, dass man sich von dem Versuch verabschieden müsse, alle Menschen mit auffälligen Symptomen zu testen. Anschließend versuchte man, den Weg des Erregers nachzuzeichnen, um so eine weitere Ausbreitung zu unterbinden.

Gesundheitsamt wegen Coronavirus aufgestockt

Es waren einfach zu viele Fälle geworden, um sie noch bewältigen zu können – und dies, obwohl die Zahl der Mitarbeiter im Gesundheitsamt wegen Corona „in Windeseile“ praktisch verdoppelt werden konnte wie Bressau deutlich machte. Zeitwiese hätten vier Ermittlerteams die Fälle parallel verfolgt. Insgesamt wurden, bei derzeit etwas mehr als 900 bestätigten Infektionsfällen, 2.750 Menschen kreisweit in Quarantäne beordert.

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Dass man nicht mehr getestet habe, liege, wie Bressau einmal mehr betonte, nicht an den eigenen Kapazitäten, sondern an den Engpässen in den Laboren. „Wir können jetzt auch wieder Personen in nicht systemrelevanten Berufsgruppen einbeziehen“, sagte sie. Dabei werde man besonders die Pflegheime in den Fokus nehmen: „Da ist die vulnerable Gruppe unterwegs“.

Ausbrüche von Covid-19 in Pflegeheimen

Derzeit überlege man auch, das Umfeld von Alten- und Pflegeheimen zu untersuchen. Nach Informationen der BNN sind mindestens drei dieser Einrichtungen im Kreis von einem Coronaausbruch betroffen.
Der Ortenaukreis weist, gemessen an der Zahl der Infizierten, eine auffällig hohe Todesrate auf.

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Weit mehr Infizierte?

Dies könnte daran liegen, dass sehr viel mehr Menschen infiziert sind als offiziell bekannt, aber auch daran, dass die Dunkelziffer bei den Todesfällen hier geringer ist als in anderen Kreisen. Ein Beispiel: München hat mit rund 5.000 Infektionsfällen eine deutlich höhere Corona-Belastung als der Ortenaukreis, aber, Stand Dienstag, nur drei Todesfälle mehr.

Wir laufen den Fällen zum Teil auch hinterher

Evelyn Bressau, Gesundheitsamt, zur Erfassung der Corona-Todeszahlen

„Wir haben mit den Kliniken ein sehr stringentes Meldewesen aufgebaut, ich weiß nicht, ob das in allen Kreisen so gehandhabt wird“, sagt Bressau dazu – „wir laufen den Fällen zum Teil auch hinterher“. Mit anderen Worten: In anderen Kreisen könnte es sehr viel mehr Todesopfer in Zusammenhang mit Corona geben also offiziell vermeldet. Zudem habe der Ortenaukreis zuletzt sehr gezielt Risikopatienten getestet – so dass deren Tod dann auch in Verbindung mit der Infektion gebracht wird.

Fokussiert auf ältere Personen

„Die Grundgesamtheit der getesteten Personen“, so Landrat Frank Scherer erläuternd dazu, „ist mehr fokussiert auf ältere Personen, deshalb sind auch mehr Tote darunter“. Menschliche Schicksale, verpackt in Statistik. Dazu kommt: Das Testen entspricht eher dem Stochern im Nebel: „Am Anfang wurde ziemlich wild in der Gegend herum getestet“, sagt Bressau, mit zahllosen negativen Ergebnissen. Auch jetzt noch seien knapp 90 Prozent der Proben negativ.

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Es fehlt in Labors an Vielem

Dabei sind die Kapazitäten in dieser Region stark eingeschränkt: „Es geht nicht darum, die Proben vor Ort abzunehmen, es geht darum, dass auch Laborröhrchen und das erforderliche Agens vorhanden sind“, sagt Doris Reinhardt, Kreisbeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung.

Täglich 200 Tests

Das Problem ist erheblich: Derzeit können kreisweit etwa 200 Tests veranlasst werden – angestrebt werden aber auf Bundesebene 650.000 – das wären auf den Ortenaukreis heruntergerechnet, 3.000. Ein weiter Weg, der da noch zu gehen ist.