Campingplatz Achern Grossmann
Bis zu 30 Millionen Euro will Jürgen Grossmann am Achernsee investieren. Campingplatz und Seehotel sollen nach dem Beschluss des Gemeinderats von seiner Firmengruppe auf der Grundlage eines gemeinsamen Bebauungsplans entwickelt werden. | Foto: Roland Spether

Hoffen auf den „großen Wurf“

Stadt Achern verkauft Campingplatz an Kehler Grossmann Group

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Ungeachtet der Proteste der Dauercamper hat der Acherner Gemeinderat am Montag für den Verkauf des Campingplatzes am Achernsee gestimmt. In namentlicher Abstimmung votierten die Vertreter von CDU und Freien Wähler im Verein mit Oberbürgermeister Klaus Muttach für die Veräußerung des Geländes an die Grossmann Group. ABL und SPD stimmten für die als Alternative diskutierte Verpachtung.

Von der Stadt geforderten Kaufpreis akzeptiert

Mit dem Beschluss ist der Weg frei für den Erwerb des 46 000 Quadratmeter großen Geländes durch den Kehler Investor. Der Kaufpreis wurde nicht genannt, Oberbürgermeister Klaus Muttach gab aber bekannt, dass Grossmann letztlich den von der Stadt geforderten Kaufpreis akzeptiert habe. Hauptargument der Befürworter der Verkaufslösung ist die Aussicht, dass Großmann auch das knapp 10 000 Quadratmeter große Grundstück des ehemaligen „Seehotels“ erwirbt und für die Revitalisierung der seit Jahren als „Schandfleck“ bekannten Hotelruine sorgt.

Badestelle und See bleiben von Entscheidung unberührt

Der Verkauf steht unter dem Vorbehalt, dass sich die Stadt und Grossmann auf ein gemeinsames Bebauungsplankonzept für Campingplatz und „Seehotel“ verständigen und das Hotel vom bisherigen Eigentümer der Grossmann Group überlassen wird. Laut Muttach sei mit dem bisherigen Eigentümer Einigkeit erzielt worden – eine notarielle Beglaubigung stehe allerdings noch aus. Nach jahrzehntelangem Verfall der Ruine des ehemaligen „Seehotels“ sieht die Stadt mit dieser Entscheidung die Chance, das gesamte Areal gemeinsam zu entwickeln. Die Badestelle sowie die den Anglern oder der DJK überlassenen Bereiche bleiben nach Darstellung der Stadtverwaltung von dieser Entscheidung unberührt; auch der See selbst verbleibe im Eigentum der Stadt.

Stadt will die Interessen der Pächter vertreten

Wie die Stadtverwaltung am Tag nach der Entscheidung bekanntgab, habe die Grossmann Group zugesagt, das Gespräch mit allen bisherigen Nutzern des Sees zu suchen. Die Stadt sehe sich darüber hinaus in der Verantwortung, bei der Entwicklung des Gesamtkonzepts die Interessen der bisherigen Dauercamper, insbesondere der 60 Pächter aus Achern, zu vertreten. „Nur wenn eine aus Sicht der Stadt gute Gesamtkonzeption unter Wahrung der unterschiedlichen Interessen gelingt, wird das Konzept zur Umsetzung kommen“, heißt es in einer Presseerklärung aus dem Rathaus.

Hoffnung auf Verkauf als „großen Wurf“

Bis dahin habe die Stadt insbesondere über die erforderliche Aufstellung eines Bebauungsplanes alle Steuerungsinstrumente in ihrer Hand. Es bleibe zu hoffen, „dass der Verkauf an die Grossmann Group sich als der erhoffte „große Wurf“ bewahrheite. Grossmann hatte im September angekündigt, den Achernsee mit neuem Seehotel, einem Feriendorf und einem Hüttenhotel zu einer der „attraktivsten touristischen Destinationen am Oberrhein“ ausbauen zu wollen. Das Investitionsvolumen gab er mit bis zu 30 Millionen Euro an.

Würfel waren bereits vor der Sitzung gefallen

Oberbürgermeister Klaus Muttach dehnte zwar die normalerweise auf 15 Minuten begrenzte Bürgerfragestunde zum Auftakt der Sitzung auf 75 Minuten aus, um geduldig alle Fragen zu beantworten – letztlich kämpften die um die Kündigung ihrer Parzellen fürchtenden Dauercamper aber auf verlorenem Posten. Sie waren erst am Mittwoch vergangener Woche in einer öffentlichen Veranstaltung im Rathaus über die zur Wahl stehenden Möglichkeiten zur Zukunft des städtischen Campingplatzes informiert worden. Wie sich nun herausstellte, waren die Würfel jedoch zwei Tage zuvor bereits in der nichtöffentlichen Sitzung des Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschusses gefallen, als die Vorentscheidung für den Verkauf und gegen die Verpachtung gefällt wurde.

Jürgen Grossmann
An Jürgen Grossmanns Firmengruppe verkauft die Stadt Achern den Campingplatz. | Foto: hrd

Mit „großer Freude“ reagierte der Kehler Architekt und Immobilien-Entwickler Jürgen Grossmann auf die Entscheidung des Acherner Gemeinderats, den Campingplatz am Achernsee an Grossmanns Firmengruppe zu verkaufen. Grossmann zeigte sich in einer am Dienstagnachmittag verbreiteten Presseerklärung zuversichtlich, dass es ihm gelingen werde, auch die Ruine des „Seehotels“ zu erwerben, um so das Gesamtareal zu entwickeln.

Grossmann sagt Dialog mit Dauercampern zu

Laut Grossmann habe er „im Vorfeld“ dem Gemeinderat und der Stadtverwaltung zugesagt, dass er auf Dialog und Verständigung mit den rund 350 Dauercampern setze, die teilweise seit Jahrzehnten ihre Freizeit am See verbringen. „Wir sehen die Dauercamper nicht nur als unsere zukünftigen Kunden, sondern auch als Partner bei den nun anstehenden Überlegungen zur Entwicklung des Geländes“, sagte Grossmann. „Wir haben ähnlich gelagerte Projekte in den vergangenen Jahren erfolgreich umgesetzt, weil wir uns stets gemeinsam an einen Tisch setzen.“ Mit Blick auf die anstehende Planungszeit für das Areal wird Grossmann sogar noch einen Schritt weitergehen: „Wir können uns gut vorstellen, die Pachtverträge mit den Dauercampern vorzeitig bis beispielsweise 2020 zu verlängern, um so beiderseits Planungssicherheit zu haben.“

Konkrete Nutzung soll erst noch erarbeitet werden

Im Vorfeld habe die Veröffentlichung einer Skizze „Ängste geschürt“, so Grossmann. Die Camper hatten befürchtet, ihre Heimat am See zu verlieren, weil ihre Plätze in der Skizze nicht eingezeichnet waren. „Das war ein Fehler von uns“, räumte Grossmann ein. „Die konkrete Nutzung des Geländes wird erst in den nächsten Monaten und Jahren erarbeitet.“ Alle bisherigen Skizzen und Zeichnungen seien eher als eine Art Ideensammlung zu verstehen. Tiny-Houses und ein Hüttenhotel könnten demnach durchaus Platz am See finden – aber eben nicht ausschließlich. Es gehe nun darum, gemeinsam die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass „der Schandfleck Seehotel“ verschwinde, dass Achern für Gäste und Touristen noch attraktiver wird und man gleichzeitig die Interessen aller Beteiligten angemessen berücksichtige.


Die Stimmen der Fraktionen:

Campingplatz war noch nie rentabel

„Es ist klar, das mit dem Investor Tacheles geredet werden muss“, unterstrich CDU-Fraktionschef Karl Früh. Grundsätzlich sei die Union einstimmig für den Verkauf des Campingplatzes. Dieser sei ihm angesichts der begrenzten finanziellen Ressourcen der Stadt schon immer „ein Dorn im Auge gewesen“. Insofern habe er „den heutigen Tag schon immer herbeigesehnt“, an dem es möglich sei, den Campingplatz zu verkaufen und die so eingesparten Mittel der Stadt zur Finanzierung ihrer zahlreichen Aufgaben einzusetzen: „Als Tafelsilber ist der Campingplatz in keinster Weise zu betrachten – der war noch nie rentabel“: Früh räumte allerdings ein, dass die nun mögliche Beseitigung des „Missstands Seehotel“ bei den Überlegungen seiner Fraktion eine bedeutende Rolle gespielt habe. Laut Früh seien weitere Schäden an dem Gebäude zu befürchten. Früh verwies auf das Beispiel der Hundseck-Ruine und wollte nicht ausschließen, dass das „Seehotel“ zu „einem Fass ohne Boden“ werden könne. Mit Blick auf die Dauercamper vertrat Früh die Auffassung, dass es „abwegig“ sei zu glauben, dass sie als Kunden „rausfliegen“ könnten.

Das ist schon sehr verlockend

„Der Betrieb eines Campingplatzes ist keine hoheitliche Aufgabe.“ Nach den Worten des Fraktionsvorsitzenden Thomas Kohler hätten die Freien Wähler in der Vergangenheit stets betont, dass der Campingplatz problemlos auch von Privat betrieben werden könne. Die Entscheidung seiner Fraktion, das Areal nun zu verkaufen , erfolge mit Rücksicht auf „gesamtstädtische Betrachtungen“. Zu einen wäre die Stadt gezwungen, im Fall einer Verpachtung oder der Weiterführung des Campingplatzes als Eigenbetrieb, rund 1,5 Millionen Euro zur Beseitigung des Investitionsstaus auszugeben, zum andere biete sich im Fall des Verkaufs die Möglichkeit der Beseitigung der „Seehotel“-Ruine. „Das ist schon sehr verlockend“, meinte Kohler mit Blick auf die „Groß-Investition“. Den Dauercampern versuchte Kohler Mut zuzusprechen: Auch im Fall eines Verkaufs bleibe der Campingplatz als solcher erhalten, „die Leute werden nicht verjagt.“ Kohlers Fraktionskollege Edgar Gleiß verwies darauf, dass mit dem Gewinn aus dem Campingplatz stets der Verlust aus dem Strandbad am Achern gedeckt werden konnte. Dennoch stimme er für den Verkauf.

Nicht zu Ende gedacht

„Der Verkauf des Campingplatzes ist für die Acherner Bürger Liste ein schwerwiegender Fehler“, betonte Manfred Nock. Die ABL sehe das Vorhaben seitens der Stadt „konzeptionell und finanziell nicht zu Ende gedacht“. Die Stadt verliere durch den Verkauf ein gewisses Alleinstellungsmerkmal – den städtischen Campingplatz mit See an der Autobahn. „So etwas verkauft man nicht, das gibt es nie wieder.“ Ebenso wie ABL-Fraktionsvorsitzende Jutta Römer kritisierte auch Manfred Nock von der Stadt in den Gesprächen mit Jürgen Grossmann herbeigeführte Verknüpfung von Campingplatz und Seehotel. Dies sei „vollkommen unnötig und schädlich für die Verkaufsverhandlungen gewesen“. Die Veräußerung des Campingplatzes erfolge ohne Not, so Nock weiter. Bei einer Erhöhung des Pachtzinses und geeignetem Personal hätte ein mindestens sechsstelliger Gewinn pro Jahr erwirtschaftet werden können, um notwendige Investitionen und die regelmäßige Deckung des Badestellendefizites finanzieren zu können. Jutta Römer kritisierte die späte Information der Dauercamper, die erst erfolgte, als der Ausschuss längst entschieden habe.

Ausverkauf unserer Interessen

„Es ist wichtig, dass wir Orte haben, an denen die Menschen eine Heimat finden“, betonte Patrik Schneider (SPD). Er bezeichnete den Campingplatz als „Kristallisationspunkt für uns kleine Leute“. Dieser sei in Achern ebenso wichtig wie die Illenau und dürfe deshalb nicht verkauft werden. Ebenso wie die ABL wandte sich auch Schneider gegen die Verknüpft mit dem „Seehotel“. Das habe anfänglich auch der Investor Jürgen Grossmann so gesehen. Ebenso sah dies SPD-Stadtrat Markus Singrün: „Das Seehotel kann völlig unabhängig vom Campingplatz entwickelt werden.“ Singrün sieht die Gefahr, dass die Stadt zwar einen Bebauungsplan verabschieden, dann aber keinen Einfluss mehr auf die Zukunft des Campingplatzes ausüben könne. Singrün wandet sich gegen den „Ausverkauf unserer Interessen“. Er sprach sich für eine Verpachtung des Areals aus: „Wir glauben, dass in diesem Fall die Einschnitte für die Dauercamper auf ein erträgliches Maß reduziert werden könnten.“ Es sei ferner davon auszugehen, so Sinngrün, dass die zu erwartenden Pachteinnahmen die notwendigen Investitionen decken würden.