Dramen spielen sich auf dem Kirchturm und Kirchendach ab: Elf Jungvögel wurden von ihren Storcheneltern getötet und aus dem Nest geworfen. Günther Lorenz befreite danach die Dachrinnen der Pfarrkirche St. Nikolaus von Nistmaterial. | Foto: Brunner

Nahrungsmangel

Storchendrama in Gamshurst: Altvögel töten ihren Nachwuchs

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In der „Storchenhauptstadt“ Gamshurst herrscht große Trauer unter den Vogelfreunden: Wohl wegen Nahrungsmangel haben mehrere Storcheneltern ihren Nachwuchs getötet. Aber auch der Wegfall von zwei Storchenhorsten setzt den Vögeln zusätzlich zu.

Von unserem Mitarbeiter Reinhard Brunner

Das Jahr 2020 ist noch nicht einmal zur Hälfte beendet – da spricht man in Gamshurst schon vom „schrecklichsten Storchenjahr“. In der „Storchenhauptstadt“ des Ortenaukreises herrscht große Trauer. Erst war es der Sturm „Sabine“, der Anfang Februar ein Storchennest vom Kirchturm gefegt hat – jetzt hat offenbar Nahrungsmangel die Altvögel dazu veranlasst, die eigene Brut zu töten und aus dem Nest zu werfen.

Elf Jungvögel sind diesem Ritual bisher zum Opfer gefallen, und man befürchtet, dass weitere folgen.

Man sieht ihnen förmlich ihre Not an.

Hannelore Federle, Vorsitzende des Nabu Kehl/Hanauerland, Gérard Mercier

Nicht nur im Gotteshaus ist wegen Corona alles anders als sonst, sondern auch auf dem Dach. „Die Storcheneltern können ihre Jungen nicht mehr mit Futter versorgen. Aus der Not töten sie mindestens eines ihrer Jungen und werfen es aus dem Nest. Dann stehen sie selbst verzweifelt und mit hängenden Flügeln auf dem Dachfirst. Man sieht ihnen förmlich ihre Not an“.

Mit großer Trauer berichtet Hannelore Federle von den Geschehnissen. Sie ist es auch die fast täglich um die Kirche, Pfarrhof und Pfarrhaus geht und nach ihren Lieblingen schaut. „Die Störche sind, was den Nestbau angeht, scheinbar ständig am Bauen, Umbauen oder Erweitern“.

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Bereits elf Storchenküken sind tot

Die Storchenkolonie in Gamshurst ist mit 23 Nestern weit über ihre Grenzen hinaus bekannt, in Zeitungen, im Radio und sogar im Fernsehen wurde über „Meister Adebar in Gamshorst“ berichtet. „Aber von deren Schwerstarbeit bei der Futtersuche wird nicht berichtet“, so Hannelore Federle. „Die Besucher sind geschockt, wenn ich ihnen erzähle, dass ich in den letzten drei Wochen schon elf Storchenbabys beerdigen musste“.

Der Boden ist zu trocken, da kommen keine Käfer, Schnecken, Frösche und weiteres Kleingetier zum Vorschein.

Hannelore Federle, Vorsitzende des Nabu Kehl/Hanauerland, Gérard Mercier

Der Vorsitzende des Nabu Kehl/Hanauerland, Gérard Mercier, sowie die Storchenexperten im Ort sind davon überzeugt, dass dieses Sterben der Jungvögel mit dem Coronavirus nichts zu tun hat. Vermutet wird vielmehr, dass die Altvögel in Anbetracht der Dürre und Trockenheit keine Nahrung finden. „Der Boden ist zu trocken, da kommen keine Käfer, Schnecken, Frösche und weiteres Kleingetier zum Vorschein“.

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Neben Nahrungsmangel sorgt auch Wohnungsnot für Opfer

Allerdings gab es auch andere Ereignisse: Als zwei Nester auf Privathäusern entfernt wurden, gab es um den Kirchturm und Kirchendach Kämpfe um das „Wohnrecht“. So heftig, dass ein blutender und verletzter Altvogel das Nest zwar noch verlassen konnte, nach wenigen Schwüngen allerdings senkrecht auf den Boden des Pfarrhofes fiel und verendete. Was auch noch nicht ganz geklärt ist: Es gibt Anzeichen für Kannibalismus.

Für die Störche auf dem Rathaus in Gamshurst gehört Klappern sonst zum Handwerk. In diesem Jahr aber erschweren Stürme und Nahrungsmangel die Aufzucht der Jungen. Viele fallen den harten Bedingungen zum Opfer. | Foto: Reinhard Brunner

Jetzt war Günther Lorenz mit seiner Hebebühne im Pfarrhof, um die Regenrinnen des Kirchenschiffes von Reisig, Moos und sonstigem Baumaterial der Störche zu befreien. Das tut er, um die Umgebung sauber zu halten und die Gebäude vor Feuchtigkeitsschäden zu schützen. Unterstützt wurde er vom Hausmeister Peter Weingart mit Sohn Noah Noel Weingart.

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Angst hatten die Störche nicht, als Günther Lorenz die Hebebühne bis zur äußersten Höhe ausgefahren hatte und die Reinigung mit einem Besen vornahm. Im Gegenteil – die gefiederten Freunde kamen gleich in großer Anzahl, beobachteten alles aus der Nähe, machten Flugübungen und schnäbelten was das Zeug hielt. Und die Jungvögel streckten ab und zu den Kopf über und aus dem Nest, um zu schauen was da unten los ist.

Alte Nest-Teile sollen Brennmaterial für „Storchenfeuer“ bieten

Was die Störche so alles für den Nestbau anschleppen ist beachtlich, da sind Reisig und Äste in einer Länge von über 1,50 Meter dabei. Die Äste werden nicht entsorgt: Sie werden von Hannelore Federle im hinteren Teil des Pfarrhofes gesammelt und aufgeschichtet. Ihr Blick geht hier schon hoffnungsvoll ins kommende Jahr, wenn dann das vierte Storchen Café im Juli stattfinden. Dann soll bei einsetzender Dämmerung ein großes „Storchenfeuer“ mit diesem Material angezündet werden.

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Bis dahin gilt der Blick von Hannelore Federle nach oben zu ihren Lieblingen und dem Wunsch: „Hoffentlich finden die Vögel bald wieder reichhaltig Nahrung, damit die Jungvögel sich zu prächtigen Adebars entwickeln und wir mit ihnen im kommenden Jahr das vierte Storchen Café feiern und ihre Flugshow beobachten können.