Nach der Schließung der Heil- und Pflegeanstalt in der Illenau wurde hier die „Reichsschule für volksdeutsche Mädchen“ eingerichtet. | Foto: Stadtarchiv Achern

„Reichsschule“ in der Illenau

„Stramme Buben“ und „straffe Mädchen“

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Nach der Räumung der Heil- und Pflegeanstalt Illenau im Jahr 1940 wurden Illenau und die Region zu einem Zentrum und Schwerpunkt nationalsozialistischer Schulpolitik gemacht.
Die letzten 249 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt hatten die Illenau im August und September 1940 in Richtung Emmendingen oder Wiesloch verlassen müssen und waren von da aus vielfach in die Gaskammern nach Grafeneck oder Hadamar gekommen. Schon zum 1. Oktober 1940 folgte in der Illenau eine sogenannte „Reichsschule für volksdeutsche Mädchen“.

„Option fürs Reich“

Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung erhielt die Illenau mietfrei und hatte im Gegenzug die Pflicht der baulichen Unterhaltung. Altar und Gestühl der Anstaltskirche, von Anfang an ein auch in konzeptioneller Hinsicht zentraler Ort der Heil- und Pflegeanstalt, erwarb nach Erkenntnissen des Acherner Geschichtsforschers Hugo Schneider die evangelische Kirchengemeinde Singen bei Pforzheim. Die umfangreiche Bibliothek der Heil- und Pflegeanstalt wurde später im Elsass verkauft. In der neuen Schule sollten insgesamt 420 Südtiroler Mädchen aufgenommen werden. Deren Familien hatten sich für die durch Hitler und Mussolini vereinbarte Möglichkeit der „Option fürs Reich“ entschieden.

Mädchen in Achern unerwünscht

Arnulf Moser, Geschichtsforscher aus Konstanz, schreibt, dass die Mädchen, die zuvor in Südtirol noch in sogenannten „Katakombenschulen“ in ihrer Muttersprache unterrichtet worden waren, in Achern wenig erwünscht waren. „Hier war man sehr stolz auf die traditionsreiche Heil- und Pflegeanstalt Illenau gewesen, die auch ein wichtiger Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor gewesen war.“

420 südtiroler Mädchen wurden in der Illenau aufgenommen. | Foto: Stadtarchiv Achern

Die ersten 167 Südtiroler Mädchen kamen schon im Oktober 1940 per Sonderzug. Etwa 400 Jungen aus Südtirol fuhren von Bozen nach Basel und dann weiter ins elsässische Ruffach, ebenfalls in eine ehemalige Heil- und Pflegeanstalt. In der Illenau richtete man für die Südtirolerinnen Volksschule, Mittelschule, Oberschule, Handelsschule und eine sogenannte Frauenschule für ältere Mädchen mit schwachem Bildungsstand ein. Anstaltsleiter für Achern und Ruffach war SS-Sturmbannführer Erich Schmidt, als Oberregierungsrat in Berlin zugleich für die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola) zuständig. Die Lehrerin Klara Keit nannte bei den Prozessen nach dem Krieg die Illenauer Jahre „die schönsten ihres Lebens“. Der ihr zugeschriebene Satz „Stramm sollen die Buben sein, für die Mädchen genügt es, straff zu sein“, kennzeichnete die pädagogische Haltung der NS-Zeit.

Vorbereitung auf die Mutterrolle

Musische Erziehung sei für die Mädchen besonders gefragt gewesen. In der Regel hätten sie Südtiroler Dirndl getragen, schreibt Arnulf Moser. Disziplin, hierarchische Aufsicht und wenig individuelle Freiheit, Postzensur, sogenannte Ordnungsappelle und Strafen gehörten zum Alltagsleben. „Ziel war eine gemeinschaftsgebundene Person, die aber in erster Linie auf die Mutterrolle … vorbereitet wurde.“

Eliteschule für Mädchen

Schon 1941 wurde in der Illenau eine Napola als Eliteschule für Mädchen eingerichtet. Deren Leiterin Margret Wevers stammte aus Worms. Wie Klara Keit, zu der sie wohl eine spannungsreiche Beziehung hatte, wurde sie nach Kriegsende und Entnazifizierung in den Staatsdienst der Bundesrepublik übernommen. Arnulf Moser nannte die Mädchen-Napola die „interessanteste Schule“ der Illenau. Die Acherner Einrichtung war parallel zur Jungen-Napola in Ruffach errichtet worden. Nicht Karrierefrauen, sondern Frauen, die dafür sorgten, dass deutsche Familien nationalsozialistisch würden, habe man über sportliche, musische, hausfrauliche und politische Ausbildung und den Lehrplan der Oberschule erziehen wollen.

Versuch gescheitert

Schulleiterin Margret Wevers zog im Frühjahr 1943 mit 93 „Napola-Mädchen“ ins Marianum nach Hegne bei Radolfzell, wo sie eine „deutsche Heimschule“ gründen sollte. Zu dieser Zeit war auch deutlich geworden, dass die NS-Herrschaft keine Vorstellung einer „weiblichen Elite“ entwickelte. Somit scheiterte der Versuch einer Eliteschule für Mädchen. Über die knapp 60 geraubten Mädchen aus Polen, die im Sommer 1942 in die Illenau kamen, soll in einer weiteren Folge dieser Serie eigens berichtet werden.

„Jungmannen“ in Achern

Im Sommer 1943 kamen viele der Südtiroler Mädchen nicht mehr nach Achern zurück. Die Lage in Südtirol hatte sich durch die Invasion der Amerikaner in Italien und den Sturz Mussolinis geändert. In der Illenau wurde 1943 die 35. von insgesamt 36 Jungen-Napolas gegründet, die seit 1933 entstanden waren. Schulleiter Kurt Bockhacker hatte in den Volksschulen überdurchschnittliche Schüler angeworben. Insgesamt 130 „Jungmannen“ hatte die Acherner Jungen-Napola 1944.

„Adolf-Hitler-Schule“ zur Förderung der Parteikarriere

Im Kloster Erlenbad war 1943 eine Deutsche Heimschule für Jungen gegründet und 1944 eine „Adolf-Hitler-Schule“ eingezogen, die Parteikarrieren fördern sollte. Josef Kühner berichtete 2013, dass die Region Achern somit im Zweiten Weltkrieg eins der wichtigsten schulischen Experimentierfelder des Nationalsozialismus gewesen sei.

„Intensive Form der kulturellen Okkupation Südtirols“

Als die letzten 20 Südtiroler Mädchen zum Jahresende 1944 mit ihrer Lehrerin Klara Keit nach Schwäbisch Gmünd verlegt wurden, hatte die Jungen-Napola noch 30 Schüler. Diese sei dann „chaotisch“ aufgelöst worden. Die Jüngsten habe man im Februar 1945 nach Oberbayern evakuiert, die älteren wurden nach der Bombardierung Acherns zu Aufräumarbeiten eingesetzt. Im April 1945 waren noch 30 Schüler und vier Lehrer in der Illenau. Die Schüler kamen dann nach Rottweil in die dortige Napola. „Die letzten Südtiroler Mädchen verließen die Illenau am 6. Dezember 1944 mit einem Lastwagen in Richtung Gaggenau“, so Arnulf Moser. Er bezeichnet die Schulen in Achern „eine besonders intensive Form der kulturellen Okkupation Südtirols durch den Nationalsozialismus“.