Der Streit um die Geburtshilfe in Achern und Oberkirch markiert nur die Spitze eines Konflikts, der den Kreis bei der Klinikreform begleiten wird. | Foto: Holger Hollemann

Wegen U2-Untersuchung

Streit um Geburtshilfe: Dem Ortenaukreis stehen noch schwierige Debatten um die Klinikreform bevor

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 „Es gab sachliche Gründe für die Schließung der Oberkircher Geburtshilfe“. Christian Keller, Geschäftsführer des Ortenau Klinikums, verteidigt die Zusammenlegung der beiden Abteilungen aus Oberkirch und Achern am Standort Achern. Vor allem wegen der sogenannten U2 hatte es Kritik gegeben – diese standardisierten Untersuchungen der Neugeborenen sind Aufgabe der niedergelassenen Ärzte.

Spätestens damit ist für das Ortenau Klinikum klar: Die Debatte um die Auswirkungen der Krankenhausreform auf den ambulanten Bereich ist unausweichlich. Auch wenn der Kreis formell nicht für die Versorgung der Bevölkerung mit niedergelassenen Ärzten zuständig ist, so wird er doch in Haftung genommen.

Spitze eines Eisbergs

Der Hinweis des Oberkircher Oberbürgermeister Matthias Braun auf die Probleme bei der U2 in einer Kreistagssitzung markierte die Spitze eines Eisbergs. Die Debatte um die Notfallversorgung oder auch das Engagement in sogenannten medizinischen Versorgungszentren wird unabwendbar sein.

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Gemeinsame Regelung gesucht

Der Streit um die Untersuchungen der Neugeborenen ist beispielhaft für den Konflikt, vor dem sich der Kreis jetzt sieht. Die Acherner Kinderärzte sehen sich nicht in der Lage, diese Untersuchungen angesichts der rasant steigenden Geburtenzahlen in Achern zu bewältigen – zumindest nicht wie bislang im Klinikum selbst.

Fusion weiter in der Kritik

„Wir müssen jetzt sehen, wie wir eine gemeinsame Regelung finden“, so Christian Keller. Dies sei in Oberkirch angesichts der Zahl der verbliebenen Praxen deutlich leichter als in Achern zu bewerkstelligen, so Keller weiter. Vor allem aus Oberkirch aber gibt es noch immer Kritik an der bereits im vergangenen Dezember vollzogenen Fusion am Standort Achern, so dass die Bereitschaft der Ärzte dazu zumindest wanken dürfte.

Schließung war unausweichlich

Keller betonte, dass die Geburtshilfe in Oberkirch „so oder so geschlossen“ worden wäre, da Belegärzte in den Ruhestand gehen und man keine Aussicht habe, eine adäquate Nachfolgeregelung zu finden. Dazu komme, dass sich die Haftpflichtversicherung für diese Ärzte verdreifacht habe. Dies alles erschwere, zusammen mit dem zunehmenden Fachkräftemangel im ambulanten wie dem stationären Sektor, eine Lösung.

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Es gibt Lösungsvorschläge

Die Kommunale Gesundheitskonferenz habe ein mehrseitiges Papier mit Lösungsvorschlägen erarbeitet, doch letztlich liege es am Kreistag, ob man hier Aufgaben übernehmen wolle, die eigentlich nicht dem Kreis zugeordnet seien: „Das ist eine politische Entscheidung“. Man werde mit den niedergelassenen Ärzten einen Weg suchen, erste Gespräche habe es bereits gegeben.

Probleme auch bei Notaufnahmen

Vor einem ähnlichen Dilemma wird sich der Kreistag bei der Notfallversorgung der Menschen in der Ortenau wiederfinden. Sogenannte Notfallpraxen sollen den Wegfall der Notaufnahmen in Oberkirch, Kehl, Ettenheim von 2030 an kompensieren. Doch auch dies wäre Aufgabe niedergelassener Ärzte, der Kreis kann nicht mehr tun als bitten – oder sich selbst engagieren in einem Bereich, für den er formal nicht zuständig wäre.

Schwierige Suche nach Ärzten

Das geschieht bereits in sogenannten medizinischen Versorgungszentren, die allerdings von den anderen niedergelassenen Ärzten durchaus als Konkurrenz wahrgenommen werden – ein Dilemma für die Planer, die zudem nicht sicher sein können, ob sie das notwendige Personal finden. „Wenn man einen Arztsitz übernimmt, dann braucht man dafür auch einen Arzt“, sagt Keller. Und das werde immer schwieriger.