Anima Tiere
Rainer Wohlfarth, hier mit seinem Hund, leitet das Animotion-Institut für tiergestützte Therapie in der künftigen „Anima Tierwelt“, die in Sasbachwalden auf einem 50 Hektar großen Gelände entstehen soll. | Foto: Stefanie Prinz

Tagung Tiergestützte Sozialarbeit

„Tiere machen nichts besser als wir, aber anders“

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Rund 200 internationale Gäste werden am 20. und 21. Oktober in Sasbachwalden erwartet: Dann findet dort eine Tagung zur „Tiergestützten Sozialarbeit“ statt – die erste zu diesem Thema. Einer der Veranstalter ist das „Animotion-Institut für tiergestützte Therapie“ in der künftigen „Anima Tierwelt“, die in Sasbachwalden entstehen soll. Unser Redaktionsmitglied Stefanie Prinz hat mit Institutsleiter Rainer Wohlfarth über das Tagungsthema gesprochen.

Was können Tiere, was menschliche Sozialarbeiter nicht können?

Rainer Wohlfarth: Bei uns Menschen läuft viel über Sprache, Tiere sprechen nicht, kommunizieren aber trotzdem mit uns und haben so einen anderen Zugang. Zudem reagieren Tiere auf andere Dinge als wir: Ihnen ist es egal, ob jemand obdachlos ist oder eine teure Uhr trägt. Dadurch fühlen sich viele Klienten von den Tieren eher angenommen als von Menschen. Und für Tiere sind wir eher bereit, etwas zu leisten. Wir haben eine Klientin, die schwer depressiv war und nie rausgehen würde – aber zu unseren Eseln kommt sie. Noch ein Beispiel: Wenn eine Familie, die einen Hund hat, ein Auto kaufen will, dann kann sich der Mann lange ein Cabrio wünschen – es wird ein Kombi werden, wo die Hundebox reinpasst. Das kann man in der Therapie nutzen. Außerdem mindert vor allem das Streicheln von Tieren Angst und Stress. Die Hypothese dahinter lautet: Durch den Kontakt zu Tieren wird Oxytocin ausgeschüttet. Das ist unser „Kuschelhormon“, das uns den Eindruck vermittelt, das Gegenüber sei vertrauenswürdig. Die Tiere machen nichts besser als wir, aber anders, dadurch ergänzt sich das gut – sie sind ein Zusatz, und nur im Team funktioniert es. Letztlich ist das Tier eine Art vierbeiniger Assistent.

Wie sieht so ein Einsatz aus?

Wohlfarth: Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Meist ist das Tier ist einfach dabei und nimmt Kontakt zum Klienten auf, oder auch nicht. Ein Kollege in München arbeitet zum Beispiel mit Menschen mit Messie-Syndrom und hat seinen Hund einfach als „Türöffner“ dabei, denn viele Messies lassen niemanden in die Wohnung. Und wir arbeiten mit Kollegen in Freiburg an einem Projekt, bei dem es um Kontakt zu Prostituierten geht. In der Sozialarbeit wird beim Streetwork oft versucht, über den Hund Kontakt zu Jugendlichen oder Obdachlosen zu bekommen. Einige Jugendhilfeeinrichtungen arbeiten mit Bauernhoftieren: Über das Versorgen der Tiere kann man die Jugendlichen so motivieren, dass sie tatsächlich in der Einrichtung bleiben. Teil der Therapie kann aber auch Füttern, Ausmisten oder nur Beobachten sein: Eigene Studien zusammen mit der Uni Freiburg zeigen, dass es für einen Manager zum Beispiel beruhigend sein könnte, achtsam eine Herde grasender Schafe zu beobachten.

Kinder mit Ziegen Anima
Auch Ziegen könnten in Zukunft in Sasbachwalden eingesetzt werden. | Foto: Anima Tierwelt

Tiere als Therapeuten – da könnte mancher Tierschützer aufschreien.

Wohlfarth: Das ist zum Teil berechtigt. Das Problem ist: Im Prinzip ist es noch ein ungeregeltes Feld. Das diskutieren wir auch bei der Tagung. Tierschutz und Tierethik sind ganz wesentliche Themen für uns, aber es ist schwer, ganz allgemein zu sagen, was richtig und falsch ist. Unseren eigenen Hund kenne ich und weiß, dass ich ihn dreimal in der Woche einsetzten kann, einen anderen Hund kann man vielleicht nur einmal einsetzen. Man muss die Menschen so schulen, dass sie das einschätzen können. Das wird auch gelehrt: Es gibt Weiterbildungen zur Fachkraft für Tiergestützte Therapie und Schulungen speziell mit dem eigenen Tier – auch bei uns in Sasbachwalden. Es ist aber nicht gesetzlich geregelt, dass man diese Ausbildungen überhaupt braucht, deshalb gibt es viele schwarze Schafe in dem Bereich – auch wenn das in der Tiergestützten Therapie nicht der passende Begriff ist.

Trauma-Therapie mit Lamas oder Beziehungsaufbau mit Pferden sind Themen bei der Tagung. Warum sind manche Tiere besonders für bestimmte Therapiefelder geeignet?

Wohlfarth: Jede Tierart hat ihre Spezialitäten. Lamas und Alpakas werden zum Beispiel in der Trauma-Arbeit eingesetzt. Bei ihnen muss man sich den Kontakt erst erarbeiten – und traumatisierte Menschen haben Schwierigkeiten mit Kontakt. Wenn man da mit einem Hund ankäme, könnte das zu viel Nähe sein. Esel zeigen zum Beispiel ganz klar ihre Bedürfnisse und sind nicht stur, wie es immer heißt, sondern sehr vorsichtig. Mit ihnen kann man viel über sich selbst lernen, aber auch, achtsam zu sein oder zu führen.

Was soll in Sasbachwalden angeboten werden?

Wohlfarth: Der Schwerpunkt in unserem Animotion-Institut wird Tiergestützte Psychotherapie sein. Wir werden zunächst drei bis vier Tierarten haben. Hunde, Esel und Schafe sollen es am Anfang sein, später hätten wir gern noch Kaninchen, Hühner und Ziegen. Ein weiterer Schwerpunkt ist jetzt schon die qualifizierte und fundierte Aus- und Weiterbildung von Fachkräften.

Mit der „Anima Tierwelt“ entsteht in Sasbachwalden ein 50 Hektar großes Gelände, auf dem sich Menschen und Tiere in natürlicher Umgebung begegnen sollen. Vorgesehen sind Gehege mit heimischen Wildtieren und ein Schaubauernhof. Zudem sollen ein Seminarzentrum und das „Animotion-Institut für Tiergestützte Therapie“ dort angesiedelt sein. Bereits seit 2013 läuft das Genehmigungsverfahren für das Projekt.
Nach dem Bebauungsplan waren die Planer zuletzt mit Anträgen für die Zoogenehmigung beschäftigt, teilen die Verantwortlichen mit. Vonseiten der Gemeinde Sasbachwalden laufen Erschließungsarbeiten für die Anbindung an das öffentliche Wassernetz sowie für die Stromversorgung.
Die Tagung ist Teil einer Reihe, die in Sasbachwalden etabliert werden soll – so war vor zwei Jahren „Tiergestützte Psychologie“ das Tagungsthema, 2019 soll es um „Tiergestützte Pädagogik“ gehen.