Die Tage des Gengenbacher Krankenhauses als Akutklinik sind gezählt, jetzt sucht der Ortenaukreis eine Folgenutzung. | Foto: Ortenau Klinikum

Kreis sucht Folgenutzung

Der langsame Tod des Gengenbacher Krankenhauses

Anzeige

Wie ist es, einem Krankenhaus beim Sterben zuzusehen? Einen Vorgeschmack auf diesen quälenden Prozess, der auch noch anderen Klinikstandorten in der Ortenau bevorsteht, gab es an diesem Dienstag im Krankenhausausschuss des Kreistags. In Offenburg präsentierte die Verwaltung ihre Vorstellungen für die Zukunft des bei Patienten und Mitarbeitern durchaus geschätzten Gengenbacher Klinikums, das 2018 aufhören wird, als reguläres Akutkrankenhaus zu existieren. Wesentliche Funktionen werden unter anderem nach Kehl verlagert. Was also tun mit dem rund 7 000 Quadratmeter großen Klinikum, wie soll das zweite Leben aussehen?

Eine Fülle von Ideen

Die Verwaltung unterbreitete ein ganzes Bündel von Vorschlägen, von denen einer allerdings, und zwar der einzige, der noch etwas mit einem regulären Krankenhausbetrieb zu tun hat, sogleich notleidend wurde. Denn die Idee, die bislang auf Offenburg und Lahr aufgeteilte Psychosomatik in Gengenbach zu konzentrieren, fiel nicht nur bei den Krankenhausplanern des Landes durch. Auch die Kreisräte zeigten sich im Verlauf der Debatte immer skeptischer.

Zurück in die 50er-Jahre

Ein vernichtendes Urteil kam dann vom Chefarzt der Klinik, der im Gremium um seine Einschätzung gebeten worden war. Die Abteilung nach Gengenbach zu verlagern, weg von einem regulären Akutkrankenhaus, das wäre „ein Rollback in die 50er-Jahre“, warnte Reinhard Niemann. Es gehe hier um eine psychosomatische Akutklinik und nicht um eine Rehaeinrichtung: „Die behandelt keine Angststörungen, sondern höchst komplexe Erkrankungen“. Da sei es unerlässlich, gemeinsam mit Ärzten aus dem regulären Medizinbetrieb zu arbeiten. Die jetzige Situation mit den beiden Standorten Lahr und Offenburg, so das abschließende Urteil des Arztes, sei nicht optimal, aber bei weitem besser als die diskutierte Verlagerung nach Gengenbach.

Auslastung bei bis zu 90 Prozent

Beim Ortenau Klinikum hatte man das Ungemach kommen sehen und vorsichtshalber schon einmal ausgerechnet, wie das Konzept für die Folgenutzung ohne den Baustein der Psychosomatik aufgeht. Dann liege man, so Geschäftsführer Christian Keller in einem Pressegespräch unmittelbar vor der entscheidenden Sitzung, noch immer bei einer Auslastung zwischen 85 und 90 Prozent. Der Krankenhausausschuss stimmte letztlich zwar differenziert, aber mit großer Mehrheit, für das Paket, nachdem die Verwaltung getan hatte, was Verwaltungen in verzwickten Situationen gerne tun: Landrat Frank Scherer hatte die Psychosomatik in einen Prüfauftrag umgewandelt. Auch mit dem skeptischen Land will man darüber noch einmal reden.

Pflegebetrieb als wichtigstes Standbein

Das wichtigste Standbein für die Zukunft des idyllisch gelegenen Gengenbacher Spitals hat mit einem Klinikbetrieb nichts mehr zu tun: Das Gebäude soll zu einer Außenstelle des Pflege- und Betreuungsheims Ortenau in Bermersbach werden, 45 ältere Menschen werden in den umgebauten Räumen leben. Damit löst der Kreis gleich zwei Probleme: Er findet Verwendung für rund 3 000 Quadratmeter Fläche im Gengenbacher Klinikum, und er schafft sich die Sorge vom Hals, die Kapazitäten des Pflege- und Betreuungsheims, das seit Jahrzehnten vergleichsweise lautlos im Klinikbetrieb mitläuft, massiv zusammenstreichen zu müssen. Denn das Land fordert eine komfortablere Unterbringung der älteren Menschen, der Trend geht zum Einbettzimmer. Das aber wäre am Standort ohne Neubau nur durch eine massive Einschränkung der Kapazitäten zu schaffen.

Pflege für beatmungspflichtige Kinder

Eng miteinander verknüpft sind die Installation eines sozialpädiatrischen Zentrums sowie die Einrichtung stationärer Heimplätze für bis zu 17 beatmungspflichtige Kinder – ein Konzept, das die Verwaltung im Gegensatz zu einigen anderen Ideen von Anfang an verfolgt hatte und das auch breite Zustimmung im Ausschuss fand: „Ein Gewinn für Gengenbach und die Ortenau“, wie nicht nur CDU-Sprecher Bruno Metz befand.

Derzeit lange Anfahrtswege

Die Einrichtung für die stationäre Heimbeatmung in Gengenbach würde vor allem betroffenen Kindern und ihren Eltern das Leben erleichtern – derzeit seien oft weite Anfahrtswege zu bewältigen. Doch auch hier stehen, so machte Claus Dieter Seufert für die Freien Wähler deutlich, wichtige Fragen im Raum. Denn bei den Kindern, die sehr lange Klinikaufenthalte ertragen müssen, entwickelten sich oft sogenannte multiresistente Keime, die sie natürlich auf andere Patienten übertragen könnten. Dies sei gerade in einem Großklinikum, wie es der Ortenaukreis ja bekanntlich in der einen oder anderen Form plant, ein massives Problem. Die Herkunft der Keime sei dann oft schwer zu lokalisieren: „Das gäbe enorme Probleme“.
Zudem wird, so waren sich alle Beteiligten einig, die Schaffung weiterer Intensivbetten am Offenburger Krankenhaus erforderlich, da es bei der Heimbeatmung der Kinder immer wieder zu lebensbedrohlichen Krisen kommen kann. Mehr noch: Es werde eine enorme Aufgabe, das geeignete Pflegepersonal für die Einrichtung zu finden, wie Martina Bregler (SPD) warnte.

Auch das Gesundheitsamt soll umziehen

Ein weiteres Standbein wird möglicherweise die Umsiedlung des Gesundheitsamtes nach Gengenbach sein. Die Behörde ist bislang in Offenburg auf drei Standorte verteilt. Zudem wird es im Landratsamt (nicht zum ersten Mal) immer enger. Auch hier ist aber noch nichts beschlossen, „Wir wollen“, sagt Landrat Scherer, „bei dieser Entscheidung alle Betroffenen einbeziehen“.

Kreistag hat das letzte Wort

Am 19. Dezember berät der Kreistag über die mithin noch immer ungewisse Zukunft des Gengenbacher Krankenhauses.

 

Im Überblick:

Das Gengenbacher Krankenhaus soll zum 3. Quartal 2018 im Zuge der ersten Tranche der Klinikreform aufgegeben werden. Erörtert wurde eine Fülle von Nachnutzungen, unter anderem die Zusammenfassung der Schulen des Ortenau Klinikums. Dies werde nicht weiter verfolgt, Gengenbach sei als Standort nicht geeignet, so Geschäftsführer Christian Keller. Übrig blieben sechs Ideen.

  • Die Bündelung der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
  • Die Einrichtung eines Sozialpädiatrischen Zentrums für Kinder, deren Entwicklung beeinträchtigt ist.
  • Ein stationäres Angebot für beatmungspflichtige Kinder mit 17 Plätzen.
  • Eine Pflegeeinheit mit 45 Plätzen und Kurzzeitpflege.
  • Eine ambulant betreute Wohngruppe für Menschen mit Unterstützungsbedarf mit acht Plätzen.
  • Möglicherweise die Verlagerung des Gesundheitsamts aus Offenburg; betroffen wären 54 Mitarbeiter.