Schüler fordern Verantwortung: Am 18. Januar fand in Offenburg die erste Fridays For Future-Demonstration in der Region statt. | Foto: Ralf Burgmeier

Fridays For Future in Achern

Transparente zücken statt Schulbank drücken

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Schule schwänzen für den Klimawandel? Die Fridays For Future-Bewegung, von der gerade einmal 16 Jahre alten Schwedin Greta Thunberg ins Leben gerufen, spaltet die erwachsenen Geister. Die einen befürworten das politische Engagement, andere fragen sich, ob außerschulische Proteste nicht genauso wirkungsvoll wären. Der ABB hat die Schulleiter in der Region gefragt: Was ist wichtiger – Demonstrationsrecht oder Schulpflicht?

Annika Huber, 18-jährige Abiturientin der Heimschule Lender in Sasbach, organisiert die Kundgebung in Achern. „Nach der ersten Demo in Offenburg habe ich mit einer Gruppe von fünf Leuten dafür gesorgt, dass hier auch was passiert“. Nun herrscht hierzulande aber Schulpflicht, unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht ist laut dem Schulamt Offenburg zu sanktionieren. Und selbst im Falle einer Entschuldigung muss mit den Eltern ein Gespräch über den Grund des Fehlens geführt werden. Präzedenzfälle für regelmäßiges Fernbleiben aus politischer Überzeugung gibt es aber keine. Und wie stehen die Lehrer dazu?

Verbindliche Regelung

Karin Kesselburg ist nicht nur Rektorin der Robert-Schuman-Realschule, als geschäftsführende Schulleiterin der städtischen Schulen in Achern hat sie auch für eine verbindliche Regelung gesorgt: „Wer unbedingt gehen will, muss uns eine Bestätigung der Eltern bringen. Wir befeuern das nicht, geben aber auch nicht einfach frei. Wir gehen in den Dialog mit den Schülern“.

Schüler einsichtig

Wenn Lehrproben oder, wie jetzt, Klassenarbeiten anstehen, „dann sehen die meisten auch ein, dass der Unterricht gerade wichtiger ist“. Für Kesselburg spielt auch das Erproben des Demonstrationsrechts eine Rolle: „Die Schüler streuen etwas Sand ins Getriebe, das ist ihr gutes Recht, da müssen wir nicht gleich die grobe Keule auspacken“.

Wir gehen in den Dialog mit den Schülern

Klassenbucheinträge

Der Rektor des Gymnasiums Achern, Stefan Weih, wurde von Kultusministerin Susanne Eisenmann um die generelle Einhaltung der Schulpflicht, in Einzelfällen aber auch um Kulanz gebeten. Hier gilt: „Wer geht, wird ins Klassenbuch eingetragen“. Für Weih hängt der Fortbestand der Freitagsversammlungen davon ab, ob die Schüler glauben, wirklich etwas bewirken zu können. „Wenn sie nur hingehen, damit mehr Personen auf den Bildern zu sehen sind, wird es bald uninteressant werden“.

Außerschulisch glaubwürdiger

Auch Heinz Moll, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Achern, begrüßt das Engagement der Jugend, räumt aber ein: „Man könnte das auch nachmittags machen, dann wären die Demos glaubwürdiger“. Den Schülern gehe es aber nicht ums Schwänzen: „Viele verfügen über fundierte Hintergrundinformationen“. Moll gebe den jungen Aktivisten auch zu verstehen, dass Umweltschutz beim eigenen Verhalten anfängt: Nach der Demo plastikverpackte Waren kaufen sei inkonsequent.

Die Aktionen müssen dem Einzelnen auch was abverlangen

Konkretere Maßnahmen möglich

Ralf Schneider, Schulleiter der Beruflichen Schulen Achern, „weiß von keinen Schülern, die gehen wollen“. Regelmäßiges Fehlen wäre vor allem für die Arbeitgeber ein Problem. Schneider zufolge könne der Klimaschutz konkreter angepackt werden, seine Schüler haben etwa Plastikmüll gesammelt, um für Polio-Impfungen zu spenden. „Die Aktionen müssen dem Einzelnen auch was abverlangen“. Auch plädiert er dafür, die Schule insgesamt einzubinden, so wie bei der „One Billion Rising“-Veranstaltung zum Frauenwahlrecht im Februar.

Schritt zur Mündigkeit

Lutz Großmann, Rektor der Lenderschule in Sasbach, müsste den Freitagsdemos als Politiklehrer sogar seine unbedingte Unterstützung zusichern: Man könne nicht „mündige Bürger erziehen wollen und dann ehrliches Engagement unterbinden“. Einwänden wie dem des FDP-Vorsitzenden Christian Lindner, wonach jungen Leuten das Verständnis für die globalen Abhängigkeiten und das politisch Machbare fehle, hält Großmann entgegen: „Wir reden heute immer gleich alles kaputt. Wir brauchen keine Debatten, sondern müssen das politische Engagement fördern“.

Kein Protest ohne Sanktionen

Für den Schulleiter des Anne Frank Gymnasiums Rheinau, Thomas Müller-Teufel, hätten Proteste außerhalb der Schulen nicht die gleiche Sprengkraft: „Sanktionen gehören dazu, mündige Bürger tragen die Konsequenzen ihrer Handlungen“. Angst vor Klassenbucheinträgen habe keiner. „Wer da hin geht, wägt ab zwischen Umwelt, Zukunft und Strafe. Der Eintrag wird vor diesem Hintergrund zu einer Lächerlichkeit“.

Man kann von keinem verlangen, dass er eine Magisterarbeit schreibt, bevor er demonstrieren geht

Keine Magisterarbeit notwendig

Aber ist der Protest nicht einfacher, als Lösungen anzubieten? „Wir können nicht erwarten, dass Schüler politische Komplettpakete schnüren, die wir selbst nicht einmal auf die Beine stellen“. Die freien Freitage seien jedenfalls kein populärpolitisches Spektakel. Was die fehlende Erfahrung angehe, so stünden die Kinder dem „normalen Durchschnittswähler“ in nichts nach: „Und man kann von keinem verlangen, dass er eine Magisterarbeit schreibt, bevor er demonstrieren geht“.