DAS HANDY GEHÖRT DAZU – schon bei den Jüngsten. Wie die Eltern kontrollieren können, was sich da so tut, dazu gibt es unterschiedliche Ansichten. | Foto: Kalaene

Über das Smartphone im Visier

Eltern überwachen den Nachwuchs per App

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Dem Kind heimlich auf Schritt und Tritt folgen – die Smartphone-Applikation „KidGuard“ macht es, zumindest online, möglich. „Das zerstört eine Beziehung und kann zu einer langfristigen Vertrauensstörung führen“, ist Michael Karle, Leiter der Psychologischen Beratungsstelle in Achern, überzeugt. Mit wem der Nachwuchs über „WhatsApp“, „Instagram“ oder „Facebook“ welche Informationen teilt, bleibt Eltern oft verborgen. „KidGuard“ verspricht hier Abhilfe. Die Applikation ermögliche es Eltern, ihre „Kinder online zu schützen“, ist auf der Homepage des Anbieters zu lesen. Einmal die Applikation auf dem Smartphone des Nachwuchses installiert, können Eltern dessen Browserhistorie einsehen, Textnachrichten mitlesen und die verschiedenen Standorte des Kindes überblicken.

Verunsicherung durch neue Medien

Wer über eine solche Überwachung nachdenkt, sei nicht automatisch zu verurteilen: „Eltern sind in Sorge, wenn sich ihr Kind ihnen nicht mitteilt. Sie befürchten, den Anschluss zu verlieren“, äußert Karle Verständnis. „Jedoch ist das auch ein sehr gefährlicher Weg. Es signalisiert schlimmstenfalls einen Ausstieg aus der Beziehung, wenn ich nicht mehr mit meinem Kind offen spreche und es heimlich kontrolliere.“
Auch wenn sich Eltern, die Applikationen wie „KidGuard“ nutzen, noch nicht an ihn gewandt haben, ist die Verunsicherung durch die neuen Medien ein Thema in den Beratungen. Bekannt gewordene Missbrauchsfälle, bei denen das Internet und die zuweilen unbedarfte Neugier von Kindern und Jugendlichen in verschiedener Weise genutzt wurden, tragen zu dieser Verunsicherung bei.

Eltern wissen um ihr Fehlverhalten

Die analoge Form der Kontrolle, das Lesen von Tagebüchern der Kinder, begegne Karle nach wie vor. Dabei spürten und wüssten Eltern eigentlich immer, dass das nicht richtig sei. Der Jugend- und Kinderpsychotherapeut macht jedoch deutlich: „Das Installieren einer App bedeutet noch einmal eine andere Dimension, auch fürs Miteinander in der Familie.“ Hier handele es sich um eine kontinuierliche und umfängliche Überwachung. Diesen Weg einschlagen zu wollen beinhalte auch die Botschaft, dass Eltern ihrer Beziehung grundsätzlich nicht mehr trauten. Gerade deshalb sei an diesem Punkt eine Beratung angesagt, um Möglichkeiten zu finden, wie Vertrauen und ein angemessenes Miteinander in der Familie wieder entwickelt werden können.

Tricksen wird mit weiterem Tricksen „beantwortet“

Auf die Frage, warum Eltern den Weg einer Kontrolle über das Smartphone einschlagen, nennt er vielfältige Hintergründe und Zusammenhänge: „Womöglich liegt da eine gewisse Unbedarftheit zu Grunde und die Eltern glauben, da sei nichts dabei.“ Dabei handle es sich bei der heimlichen Kontrolle des Nachwuchses um eine eindeutige Grenzüberschreitung. „Machen wir uns zudem nichts vor“, gibt Karle zu bedenken. „Kinder und Jugendliche sind ihren Eltern in Sachen PC, Smartphone und Netz technisch überlegen.“
Sobald der Nachwuchs merke, dass er heimlich überwacht wird, werde er sich zu helfen wis-
sen, und sich beispielsweise einen zweiten Account bei „WhatsApp“ zulegen. Tricksen werde dann also mit weiterem Tricksen „beantwortet“.

Offener Dialog anstelle von Kontrolle

Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut ist grundsätzlich froh, wenn das Thema Smartphone-Nutzung in den Familien und in den Beratungsgesprächen zur Sprache kommt: „Das zeigt, dass sich Eltern mit ihren Kindern, mit der Familie und mit Veränderungen auseinandersetzen.“ Der Umgang mit Smartphones sei kein Selbstläufer: „Da müssen Regeln festgelegt werden und ein regelmäßiger Austausch stattfinden.“ Anstelle der Kontrolle über Applikationen wie „KidGuard“, rät Karle zu einem offenen Dialog. „Wenn die Kontrolle transparent stattfindet, ist dagegen nichts einzuwenden“, erläutert er.

„WhatsApp“-Vertrag mit dem Nachwuchs

Als mögliches Beispiel nennt der Kinder- und Jugendpsychotherapeut einen „WhatsApp-Vertrag“, in dem festgehalten wird, wofür der Messenger verwendet werden kann und wofür nicht. Grenzen setzen und Vertrauen bilden gehörten zusammen. Hierfür sei es notwendig, direkt und regelmäßig miteinander zu sprechen. „Das Internet birgt neben den vielen Möglichkeiten auch zahlreiche und nicht zu unterschätzende Gefahren“, führt der Kinder- und Jugendpsychotherapeut aus. Hier sei eine „kritische Wachsamkeit“ und auch elterliche Präsenz erforderlich.

So weit müsse es jedoch nicht kommen, ist Karle überzeugt: „Wenn es zur Normalität gehört, dass mein Kind mir alles sagen kann und Geheimnisse etwas Schönes sind, solange sie nicht mit negativen oder komischen Gefühlen einhergehen, ist es gut gerüstet – auch für seinen Umgang im Internet.“