Bühl in der Zeit um 1920. | Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

Viele Proteste

Versailles und die Folgen für Bühl

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Es ist Samstagnachmittag, der 28. Juni 1919. Im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles unterzeichnen Reichsaußenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell unter formellem Protest den Friedensvertrag von Versailles. In Bühl laufen die Vorbereitungen zum Patroziniumsfest von St. Peter und Paul, und als das Fest anderntags die Menschen zusammenbringt, dürfte die Neuigkeit aus Frankreich viele Gespräche bestimmt haben. Wie oft dabei das Wort vom „Diktatfrieden“ gefallen sein mag?

Protest in Bühl

So hat die große Mehrheit der Deutschen den Vertrag empfunden. Zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung ist längst bekannt, was die Alliierten von Deutschland fordern; seit Januar 1919 ist im Pariser Vorort verhandelt worden. Volkswehr und Einwohnerwehr, die sich nach dem Kriegsende in Bühl formiert haben, signalisieren auch ein Schutzbedürfnis, das zu einem nicht unerheblichen Teil von den Ängsten herrührt, die die Friedensverhandlungen hervorrufen. Für viele Bürger Deutschlands ist das, was in Versailles die Siegermächte präsentieren, ein Katalog der Grausamkeiten. Bühl unterscheidet sich davon in nichts. Und auch hier wird protestiert.

Große Beteiligung

Am 18. Mai 1919 findet eine Protestversammlung statt. Den Aufruf, massenhaft in den Rathaussaal zu kommen, haben alle Parteien unterschrieben, dazu Bürgermeister Bender und Bezirksamtsvorstand Zöller. Die Versammlung „soll dartun, daß das deutsche Volk nie und nimmer den Willen hat, auf einer Grundlage, auf der die Friedensbedingungen gestellt sind, zu verhandeln“. Ein Friedensvertrag müsse die Existenzmöglichkeit und wirtschaftliches Fortkommen des deutschen Volkes sichern – so aber sei der Untergang programmiert. Gerade in Baden gebe es Anlass zu flammendem Protest, „da wir am schwersten durch diesen ungeheuerlichen Gewaltfrieden, der den Keim neuer, blutiger Kriege in sich trägt, getroffen sind“. Teile des badischen Hanauerlands sind abgetrennt, der Rhein, so befürchtet der ABB, soll ein „welscher Strom“ werden. „Wer noch einen Funken nationaler Ehre besitzt, muß sich mit aller Kraft gegen diese vom Geist der Rache und des Hasses diktierten Bedingungen wehren. Keiner fehle! Es geht um Sein oder Nichtsein!“ In einem weiteren Aufruf heißt es im ABB, die Not des Vaterlands sei groß, da die Feinde seinen Untergang beschlossen hätten.
Dermaßen aufgerüttelt, strömen die Bühler herbei, der Rathaussaal fasst sie kaum. Der Bühler Rechtsanwalt Karl Huber ist der Hauptredner, er führt „den ergriffenen Zuhörern in tiefernsten Worten“ Absichten und Wirkungen des Friedensvertrags vor Augen, berichtet der ABB. Einmütig verabschieden die Teilnehmer der Versammlung eine Resolution, die „schärfsten Einspruch gegen den Gewaltfrieden“ erhebt. Harte Bedingungen? Ja, aber keine, die das Weiterleben unmöglich machen. Der Protest ist mehr als nur Symbol. Ausrichten wird er wenig, denn der Vertrag von Versailles wird unterschrieben werden müssen, da kann Regierungschef Philipp Scheidemann noch so leidenschaftlich ausrufen: „Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legt.“ Doch der Schrecken dieses Vertrags, die aufgestaute Wut und die heilige Empörung über den Kriegsschuldartikel 231, der Deutschland die alleinige Schuld am Krieg zuschiebt: Sie müssen sich Luft verschaffen, und Protestversammlungen sind dafür das Ventil.

Ein „Gewaltfrieden“?

Als der Vertrag unterzeichnet ist, spricht der ABB am 30. Juni von einem „Gewaltfrieden“ und so vielen Lesern aus der Seele. Aus der Distanz betrachtet, lässt sich dieses Urteil nicht aufrechterhalten. So verweist der Freiburger Historiker Jörn Leonhard in seinem Buch „Die Büchse der Pandora“ auf die deutschen Bedingungen im Frieden von Brest-Litowsk mit Russland vom März 1918; diese relativierten die Singularität des Versailler „Diktatfriedens“.

„Grenzlandnot“ in Baden

Welche Konsequenzen aber hatte Versailles für Bühl und seine Umgebung? Das Stichwort lautet „Grenzlandnot“. Versailles beschert Baden eine neue Grenze: auf einer Länge von 182 Kilometern zum Elsass (und 84 Kilometer zur besetzten Pfalz). In der 50 Kilometer tiefen entmilitarisierten Zone liegt auch Bühl. Industrie mag sich in dieser Randlage nicht ansiedeln. So setzt der Wirtschaftsaufschwung der 20er Jahre in Baden aufgrund der Grenzlandlage verspätet ein. Dadurch büßt das Land sein wirtschaftliches Übergewicht im Südwesten ein. Die Krise, die 1929 beginnt, setzt Baden stark zu. Da das Land schon vor der Weltwirtschaftskrise gewisse Benachteiligungen und punktuelle Beschädigungen erfahren hat, geht es nun vorbelastet in die große Rezession. Das gilt auch für Bühl. Bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929/30 stürzen die Stadt und ihre Menschen immer wieder in tiefe Depression.

Holzmarkt weggebrochen

Manche Entwicklung, aber sicher nicht alle, hat ihren Grund in den Bestimmungen von Versailles. So bedauert auch Bühl den Verlust des Elsasses, weil ein Absatzgebiet fehlt, in das vor dem Krieg beispielsweise etwa 60 Prozent allein des Bühlertäler Holzes geliefert wurden. 27 Bühlertäler werden im Reichspräsidentenwahlkampf 1932 auf einem Flugblatt für Adolf Hitler werben, und neun von ihnen verdienen ihr Geld in der Holzwirtschaft. Das ist ein Indiz für die Belastung, die der Vertrag von Versailles für die Weimarer Demokratie bedeutet. Allerdings sollte man sich vor einer direkten Verbindung zwischen Versailles und dem 30. Januar 1933 hüten; er war nur ein Mosaiksteinchen unter vielen, die zum Ende der Republik führten.
Auch der Bühler Schweinemarkt war stets gut besucht von den Elsässern. Jetzt fehlen sie, und „erhebliche wirtschaftliche Einbußen“ sind die Folge, weshalb die Stadt Geld aus den Töpfen der Grenzlandhilfe beantragt. Schließlich bestätigt auch der Handels- und Gewerbeverein 1919, dass Bühler Firmen durch die Absperrung besetzter Gebiete spürbar geschädigt wurden. Noch 1929 klagt der Handels-, Gewerbe- und Industrieverein über das fehlende Absatzgebiet Elsass.

Immense Reparationsleistungen

Was bei der Vertragsunterzeichnung viele Menschen besonders mit Furcht erfüllt, sind die immensen Reparationsleistungen. Sie waren, so der Historiker Hagen Schulze („Weimar. Deutschland 1917-1933“), nicht zu überblicken. Zwar hätten sie bei weitem nicht die Rolle gespielt, die ihnen aus propagandistischen Grünen beigemessen worden seien, aber das ist ein Urteil aus der Retrospektive: Die Zeitgenossen müssen das Schlimmste befürchten. Und deshalb sind die Protestversammlungen mit der Unterschrift in Versailles noch nicht vorüber.
Protestiert wird auch, wenn etwa im Januar 1921 eine alliierte Konferenz die deutschen Reparationszahlungen festsetzt: 226 Milliarden Goldmark, in 42 Jahren zu zahlen, außerdem sollen zwölf Prozent der jährlichen deutschen Ausfuhr-Erlöse abgeliefert werden. Auch in Bühl können die Leute rechnen. Und wie sie auch addieren, subtrahieren, dividieren und multiplizieren, unterm Strich steht immer das gleiche Ergebnis: Das ist das Ende. Im Friedrichsbau empören sich zahlreiche Bürger über die „Erdrosselung des deutschen Volkes durch die Pariser Beschlüsse“. Wieder haben die Parteien einmütig aufgerufen, wieder wird, nachdem ABB-Chefredakteur Josef Habermehl referiert hat, eine Resolution verabschiedet, die „nachdrücklich Einspruch gegen die beabsichtigte Versklavung des deutschen Volkes (einlegt), die in ihrer Wirkung den Untergang ganz Europas bedeuten müßte“: Die Pariser Beschlüsse schlagen auf das Alltagsleben durch. Die badische Regierung nimmt sie sie zum Anlass, alles öffentliche Fastnachtstreiben für dieses Jahr zu untersagen: „Die Bezirksämter sind angewiesen, dieses Verbot aufs strengste durchzuführen.“

Die Diskussionen verebben

Mit den Jahren verebben die Reparationsdiskussionen. Das Freiheitsgesetz gegen den die Reparationen regelnden Young-Plan, das die Rechtsparteien per Volksentscheid anstreben, kommt 1929 nicht zustande. Die Beteiligung ist auch in Bühl äußerst gering. Wenige Monate später stürzt die Welt in eine tiefe Wirtschaftskrise, die auch an Bühl nicht vorübergeht. „Die Krise in allen Geschäftszweigen hat … erschreckende Formen angenommen und zu einer Arbeitslosigkeit geführt, wie man sie in dieser Form nicht für möglich gehalten hätte“, heißt es 1930 in einem Bericht der städtischen Sparkasse Bühl. Zumindest zu einem gewissen Teil hat diese Krise ihren Ausgangspunkt auch an jenem Sommertag im französischen Versailles.