Um Hausärzte wirbt der Ortenaukreis. Vor allem im Hanauerland sind viele Praxen nicht besetzt. | Foto: Daniel Karmann

Mediziner dringend gesucht

Versorgung mit Hausarztpraxen im Ortenaukreis ist schlechter als gedacht

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Die hausärztliche Versorgung im Ortenaukreis ist offenbar weitaus angespannter als bislang bekannt. Nach Daten der Krankenkasse AOK sind allein im Raum Kehl sieben Arztsitze Hausärzten nicht besetzt. Im Raum Offenburg, der auch das Renchtal umfasst, fehlen zwei Allgemeinmediziner, im Kinzigtal einer.
Lediglich in Achern sind derzeit alle Praxen besetzt.

Damit trifft der demografische Wandel die Ärzteschaft und damit vor allem natürlich ihre Patienten mit voller Wucht – zahlreiche Mediziner haben, darauf hatte vergangenes Jahr die kommunale Gesundheitskonferenz nach einer kreisweiten Erhebung hingewiesen, das Pensionsalter bereits erreicht oder planen, in den kommenden Jahren ihre Praxen aufzugeben.

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Erhebliche Wartezeiten

Die Region stemmt sich tapfer gegen den drohenden Ärztemangel, der für die Patienten bereits deutlich zu spüren ist – vor allem wenn der angestammte Arzt in den Ruhestand geht oder seine Praxis schließt. Einen Nachfolger zu finden, ist derzeit nicht einfach. Das gilt besonders auch für die Fachärzte, Wartezeiten von mehreren Wochen oder gar Monaten sind derzeit zum Beispiel bei Augen- oder Hautärzten an der Tagesordnung.

Date mit der Ortenau

Zum achten Mal wollen AOK, Kreisärzteschaft und die Wirtschaftsregion Ortenau in der kommenden Woche um medizinischen Nachwuchs werben – mit einem „Date mit der Ortenau“, mit dem Medizinstudenten und ihre Lebenspartner die Ortenau als lebenswerte Region kennen lernen sollen.

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Beratung im Paket

Dazu wird ein umfangreiches Beratungspaket geschnürt, bis hin zur Frage, wie man die eigene Praxis finanzieren kann. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen: Zwei oder drei der durchschnittlich zehn eingeladenen Ärzte lassen sich verführen, wie die stellvertretende AOK-Regionalgeschäftsführerin Petra Spitzmüller auf Nachfrage deutlich macht. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber immerhin.

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Werbung um Ärzte

Die Ortenau will sich mit dieser Aktion bei den jungen Medizinern in Erinnerung rufen: „Für viele ist Offenburg nur der letzte ICE-Halt vor Freiburg, da wissen sie, dass sie langsam ihre Sachen packen müssen“, sagt Ulrich Geiger, Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Man wolle sich den jungen Medizinern nun als attraktiver Arbeitgeber vorstellen – auf für die Partner und Partnerinnen.

Problem im Hanauerland

Die Personalnot trifft nicht nur die niedergelassenen Ärzte, beim Ortenau Klinikum mussten wegen des Mangels an Mitarbeitern schon Abteilungen ganz oder vorübergehend geschlossen werden. Die Gründe sind ähnlich. Attraktivere Angebote aus anderen Regionen, oder auch aus anderen medizinischen Berufszweigen.

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Nur noch zehn Prozent der Medizinstudenten würden heute ihre Facharztprüfung als Allgemeinmediziner machen, alle anderen sich weiter spezialisieren, sagt Geiger. Ergebnis: Es herrscht Mangel an Hausärzten. Warum dies gerade das Hanauerland besonders trifft, kann Geiger sich nicht erklären – vor einigen Jahren habe man in Offenburg ein ähnliches Problem gehabt, das habe sich im Laufe der Zeit erledigt.

Wandel in Gesellschaft

Ein Problem ist der gesellschaftliche Wandel: Den Hausarzt, der rund um die Uhr für seine Patienten zur Verfügung steht, wird es bald nicht mehr geben. Heute ist Work-Life-Balance angesagt, ein Trend, der Kliniken wie den niedergelassenen Bereich gleichermaßen trifft. Für viele Ärzte ist es attraktiver, als Angestellte zu arbeiten – in der Forschung, in einem MVZ, in der Lehre. Das heißt: feste Arbeitszeiten, ein gesichertes Gehalt, und kein Ärger mit den ganzen Verwaltungsarbeiten.

Ärzte auf Distanz zum MVZ

Gerade die medizinischen Versorgungszentren (MVZ) aber betrachten die niedergelassenen Ärzte, meist selbstständige Unternehmer oder kleinere Praxisgemeinschaften, distanziert. Vor allem wenn Privatunternehmen dahinter stünden, so hätten die nicht immer in erster Linie die flächendeckende Versorgung im Blick. Also auch dies keine Lösung des Problems. Geiger fordert aber auch von den niedergelassenen etwas mehr Flexibilität: „Wir müssen uns als Praxisinhaber öffnen für verschiedene Formen der Versorgung“.