Sehbehindert Horst Lang
Sehbehindertengerecht ausgestattet sind einige Ampeln in Sasbach, zeigt Horst Lang: Eine Platte auf dem Schaltknopf gibt das Signal per Vibration. | Foto: Stefanie Prinz

Interview: Sehbehindertentag

„Viele kennen die Blindenbinde nicht“

Wie es sich anfühlt, nichts zu sehen, können sich wohl die meisten Menschen kaum vorstellen – und erst recht nicht, mit welchen Hindernissen Blinde und Sehbehinderte im Alltag zu kämpfen haben. Ein bundesweiter Aktionstag, der Tag der Sehbehinderten am 6. Juni, will daran erinnern (siehe Hintergrund). Wie sehbehindertengerecht die Region aufgestellt ist, und welche Erfahrungen er selbst täglich macht, darüber hat Horst Lang, der selbst eine Sehbehinderung hat, im Interview gesprochen. Bekannt ist der 62-Jährige aus Sasbach in der Region als Läufer sowie als Initiator und Teilnehmer des 70 Kilometer langen Partnerschaftslaufs von Sasbach nach Marmoutier.

Wo gibt es Ihrer Erfahrung nach in der Umgebung Orte, die gut für Menschen mit einer Sehbehinderung eingerichtet sind?

Horst Lang: Manchmal gibt es auf dem Boden einen weißen Streifen mit Rillen, zum Beispiel am Kreisverkehr in der Ortsmitte von Ottersweier und oft an Bahnsteigen oder auch an Ampeln. Daran erkennt man, dass es nicht weitergeht, oder die Linie führt zum Beispiel zum Gleis oder zu einem Ausgang. Die Fußgängerampeln in Sasbach an der Hauptstraße bei der Sparkasse sind gut ausgestattet: Man drückt unten auf einen kleinen Knopf, dann gibt ein Pfeifton das Signal, und die Platte auf dem Schalter vibriert. Ein Pfeil auf dem Knopf zeigt, in welche Richtung man laufen muss. Im Moment geht das gut, aber manchmal funktioniert die Platte nicht, oder der Ton ist zu leise eingestellt. Die Ampel an der Lender-Bushaltestelle sollte man auch so ausstatten; an der Stadtapotheke in Achern funktioniert sie sehr oft gar nicht.

Wo gibt es dagegen Hindernisse oder Stellen, die schwierig sein könnten?

Lang: Viele Gehwege werden zugeparkt, so dass man als Fußgänger auf die Straße ausweichen muss. Auch fahren viele Radfahrer auf dem Gehweg. Die Gehwege selbst haben oft hohe Absätze, da stolpert man manchmal und tappt ins Leere. Ich laufe viel und bin auch oft auf Wirtschaftswegen unterwegs. Wenn die Schule zu Ende ist, sind dort viele Schüler mit dem Fahrrad unterwegs und fahren oft zu dritt oder viert nebeneinander. Ich merke dann nur, dass eine Masse auf mich zukommt, aber ich weiß nicht, wie viele es sind, und wo ich dann laufen soll. Viele Menschen weichen auch zu Fuß nicht gern aus und gehen nebeneinander statt hintereinander. Wenn man in einer Menschenmenge unterwegs ist und immer wieder angestoßen wird, weiß man manchmal gar nicht mehr, wo man eigentlich ist.

Wie sollten sich Menschen am besten verhalten, die einem Sehbehinderten über den Weg laufen?

Lang: Man sollte dann nicht nebeneinander gehen, sondern um denjenigen herum. Die Leute können viel besser ausweichen als ich selbst.

Auf den Strecken, auf denen Sie oft laufen gehen, kennen Sie sich sehr gut aus. Wie gehen Sie mit Hindernissen um, die nicht immer da sind, zum Beispiel Baustellen?

Lang: Um Baustellen versuche ich immer herumzugehen. Eine andere Geschichte: Als ich einmal auf dem Friedhof in Sasbach war, wurde gerade ein Baum gefällt. Ich habe das zwar gehört, aber wusste nicht, wo derjenige sägt. Einer der Arbeiter hätte aufpassen sollen, hat aber erst nicht geschaut und mich dann im letzten Moment noch auf die Seite geschoben.

Sehbehindert Horst Lang
Die Armbinde ist vielen Menschen kein Begriff, merkt der Sasbacher. | Foto: Patrick Lux

Welche Erfahrungen machen Sie sonst mit anderen Menschen?

Lang: Viele Leute kennen die Blindenbinde gar nicht: Ich werde oft angesprochen, was die drei Punkte am Arm zu bedeuten haben. Manchmal habe ich einen Langstock dabei. Damit kann man tasten, aber wenn ich ihn in der Hand habe, weichen die Leute auch eher aus. Ein Problem sind die Behindertenparkplätze: Oft parken gerade jüngere Leute da. Kürzlich hat ein junger Mann zu mir und meiner Lebensgefährtin gesagt, dass Behinderte zu viele Rechte hätten und ich lieber zu Hause bleiben soll statt unser Auto da hinzustellen. Die Menschen meinen, sie kämen zu kurz, dann sage ich, dass ich meine Behinderung gern abgeben würde. Viele Behinderte bleiben wirklich zu Hause, aber ich versuche, so mobil wie möglich zu sein und viel selbst zu machen, sonst verkümmert man.

Wie äußert sich bei Ihnen persönlich die Sehbehinderung?

Lang: Ende der 80er Jahre habe ich gemerkt, dass ich beim Gehen immer unsicherer wurde, aber es wurde lange nicht festgestellt, woran das liegt; ein Arzt meinte, ich würde mir das einbilden. Ich habe eine Makuladegeneration, das heißt, die Netzhaut zersetzt sich. Aus dem Augenwinkel kann ich noch Bewegungen wahrnehmen, oder ich gehe nach dem Gehör. Es ist sehr anstrengend, wenn man die ganze Zeit viel mit dem Kopf arbeitet, und zum Beispiel sind viele Autos heute sehr leise. Aber ich akzeptiere die Behinderung und mache das Beste daraus.

Der Aktionstag: Um auf die Bedürfnisse von sehbehinderten Menschen aufmerksam zu machen, hat der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) 1998 einen eigenen Aktionstag eingeführt: Der Sehbehindertentag findet jährlich am 6. Juni zu einem bestimmten Thema statt. In diesem Jahr lautet das Motto „Sehbehindert im Museum“. Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge gibt es mehr als eine Million sehbehinderte Menschen in Deutschland, teilt der DBSV mit.