Lena Tilebein leitet die Volkshochschule Ortenau und die Geschäftsstelle Acher-Renchtal in Achern. | Foto: Michael Moos

„Analogitale Zukunft“

Volkshochschule „ein Forum für alle Menschen“

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Wissen teilen – das ist seit 100 Jahren das Grundprinzip der Volkshochschule: Bildung für alle forderte die 1919 in Kraft gesetzte Weimarer Verfassung. Seitdem verstehen sich die Volkshochschulen als unverzichtbare Orte der demokratischen Bildung – Orte, an denen sich Menschen unterschiedlicher Herkunft und Orientierung begegnen, um miteinander und voneinander zu lernen. Mit der Kreisreform schlug 1973 auch die Geburtsstunde der Volkshochschule in Achern (vhs). Mit Lena Tilebein, seit 2015 Leiterin der im ehemaligen Oberacherner Rathaus beheimateten vhs Ortenau, unterhielt sich ABB-Redakteur Michael Moos über die Geschichte der Volkshochschule und deren neue Aufgaben an der Schwelle zum digitalen Zeitalter.

Was bewegte die Väter der Weimarer Republik, nach den schrecklichen Geschehnissen des Ersten Weltkriegs die Erwachsenenbildung in den Verfassungsrang zu erheben?

Lena Tilebein: Es ging ihnen darum, in einer Phase großer politischer Umbrüche das Volk umfassend zu bilden und – wie man heute sagen würde – so auch Teilhabe zu ermöglichen. Bildung verstanden sie als Grundlage für einen funktionierenden Staat und eine funktionierende Gesellschaft. Diese Idee von Bildung und lebenslangem Lernen war und ist sehr modern. In der Zeit des Nationalsozialismus dann gab es kein Interesse mehr an den Volkshochschulen – die meisten wurden verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen sie im Zuge der Redemokratisierung wieder auf – allerdings hatten die Amerikaner ihre eigene Idee mit der Gründung der „Amerika-Häuser“. Doch die Idee war dieselbe: Es ging darum, die Leute zu stärken und Charakterbildung zu betreiben – durch Information, durch Wissen, durch Begegnung.

Und heute?

Lena Tilebein: Wir wollen und müssen ein niedrigschwelliges Angebot machen, weltanschaulich neutral, mit sozial verträglichen Preisen. Wir wollen ein Forum für alle Menschen sein.

Was heißt das für die Volkshochschule Ortenau?

Lena Tilebein: Wir sind von der Struktur her regional stark verankert mit unseren drei Bildungszentren in Achern, Kehl und Wolfach sowie den 15 Außenstellen. Und wir versuchen, überall passgenaue Angebote zu machen für die Menschen vor Ort, gerade auch im ländlichen Raum.

Es gibt drei unabhängige Volkshochschulen in der Ortenau – neben Ihrer Kreis-VHS sind das die kommunal geprägten Einrichtungen in Offenburg und Lahr. Wie ist die Zusammenarbeit?

Lena Tilebein: Wir kooperieren. Zum Beispiel haben wir gerade erst einen großen gemeinsamen Antrag gestellt und bewilligt bekommen zum Thema Grundbildung. Das Kultusministerium will die Förderung der Lese- und Schreibfähigkeit von funktionalen Analphabeten forcieren. Landesweit wurde der Aufbau von acht Grundbildungszentren bewilligt – die Ortenau ist eines davon. Da gibt es dann in Offenburg eine halbe Stelle für jemanden, der Netzwerke bilden und Kurse für Lesen und Schreiben koordinieren soll. Es gibt deutschlandweit rund 6,2 Millionen Betroffene, davon 30 000 im Ortenaukreis – die meisten übrigens deutsche Muttersprachler. Ganz normale Menschen, viele aber ohne Schulabschluss. Sie sind vom Wandel der Arbeitswelt und der Digitalisierung massiv bedroht: Wenn sich Abläufe ändern, können die Betroffenen sich damit nicht auseinander setzen, weil sie schlicht nicht in der Lage sind, die Erläuterungen zu lesen. Hier wollen wir ansetzen: Diese Menschen dürfen einfach nicht in die nächste Negativstatistik kippen.

Ist das für Sie ein neues Thema?

Lena Tilebein: Wir haben schon Alphabetisierungskurse gemacht, in erster Linie für Migranten. Die Grundbildung ist ein weites Feld, aber spezielle Kurse für Schreiben und Rechnen waren bei uns nicht im Fokus. Auch weil man aufsuchende Bildungsarbeit machen muss, um diese Kurse zu füllen. Es ist also ein neues Betätigungsfeld für uns. Aber wir sehen uns in der Verantwortung, weil wir unsere lange Geschichte auf das Prinzip Teilhabe gründen. Und wenn Teilhabe unser Leitstern ist, sind Inklusion und Grundbildung wichtig, um mehr Menschen die Teilnahme am sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen.

Wo sehen Sie weitere Aufgaben für die Volkshochschule?

Lena Tilebein: Wir haben mit der nachhaltigen Mobilität einen Schwerpunkt im kommenden Semester und auch in den kommenden Jahren. Auch da haben wir einen Förderantrag gestellt und werden Veranstaltungen zum Beispiel zu den Themen E-Bike und alternative Mobilitätskonzepte anbieten. Gerade auch mit dem Schwerpunkt ländlicher Raum. Auch hierbei geht es um Teilhabe: Um zu verhindern, dass ältere Menschen vereinsamen, ist Mobilität eine Voraussetzung, ebenso wie das schnelle Internet. Übrigens haben wir uns auch für das Programm „Verbraucherbildung für Erwachsene und Familien in Baden-Württemberg“ beworben. Der Schwerpunkt soll auf den Themen Finanzen und Vorsorge liegen sowie auf digitaler Welt und Telekommunikation.

Apropos: Wie geht die Volkshochschule mit der Digitalisierung um?

Lena Tilebein: Eine „Volkshochschule für alle“ zu sein bedeutet auch, dass wir Kunden mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Erwartungshaltungen haben und letztlich allen gerecht werden wollen. Daher müssen wir differenziert mit der Digitalisierung umgehen: Die Digitalisierung des Unterrichtes wird ausgebaut, sofern sie Vorteile für Teilnehmer und Dozenten bringt. Es gibt aber auch Kurse und Kunden, für die der persönliche Kontakt mit den anderen Kursteilnehmern wichtig ist oder bei denen ein haptischer Eindruck oder manuelle Tätigkeiten unerlässlich sind. Diese analoge Welt und die soziale Funktion einer Lerngemeinschaft haben ebenso ihre Daseinsberechtigung und müssen auch künftig für alle angeboten werden. Eine Volkshochschule muss also künftig beides können, analog und digital.

Ist das eine komplette Neuorientierung der Volkshochschule?

Lena Tilebein: Wie gesagt, das „Analogitale“ ist unsere Zukunft. Wir wollen den Leuten Leitplanke sein und sie mitnehmen in die neue Welt. Yoga und Zumba und Rücken-Fit, aber auch Vorträge oder Exkursionen wird es weiterhin geben – das wollen wir unbedingt beibehalten. Wir haben den Vorteil, dass wir als sehr stabil und verlässlich wahrgenommen werden. Natürlich spüren auch wir den demografischen Wandel – die Leute arbeiten länger und gucken mehr Netflix. Und deshalb wird auch die Suche nach Dozierenden nicht einfacher.

 

Volkshochschule Ortenau
Die Geschichte der Volkshochschule in Achern beginnt mit der Kreisreform im Jahr 1973. Vorher wurde das Achertal durch das Jugendbildungswerk Bühl mit Weiterbildungsangeboten versorgt. Einst beheimatet in der sogenannten „Roten Villa“ in der Illenauer Allee konzentrierte sich die VHS auf die Bildungsarbeit, gab der Stadt aber auch wichtige kulturelle Impulse – Stichworte sind die Konzertreihe und das „Stat(t)theater“. Treibende Kraft war von 1981 bis 2015 vhs-Leiter Günter Fröhlich. Heute versorgt die VHS Ortenau mit ihren Geschäftsstellen in Achern, Kehl und Wolfach sowie 15 Außenstellen über 220 000 Einwohner im Ortenaukreis mit Bildungsangeboten. 2018 besuchten knapp 15 000 Teilnehmende rund 1 000 Kurse, die von 450 Dozierenden geleitet wurden.
Den 100. Geburtstag des „Prinzips Volkshochschule“ wird man gebührend feiern: Am Freitag, 20. September gibt es bundesweit eine „Lange Nacht der Volkshochschulen“ – mit diversen Veranstaltungen in Achern, Kehl und Wolfach. mm
Internet
www.vhs-ortenau.de