Nach der Öffnung des Rheinübergangs zwischen Gambsheim und Freistett wird der Pendlerbus zwischen der Fischtreppe und Achern wieder Geschichte sein. Bis zu 130 Personen aus dem Elsass nutzten täglich die Ersatzverbindung. | Foto: Sandra Neuburger

Rheinübergang Gambsheim

„Vollsperrung hat Kraft gekostet“

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Nicht nur Pendler sind erleichtert. Auch Firmeninhaber und Einzelhändler in der nördlichen Ortenau fiebern der Öffnung des Rheinübergangs an diesem Freitag um 12 Uhr entgegen. Denn die dreimonatige Vollsperrung der deutsch-französischen Verkehrsader hatte massive Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft.

Leere Parkplätze vor Freistetter Supermärkten verdeutlichten beispielhaft das Ausmaß der aus Sanierungsgründen letztlich unumgänglichen Vollsperrung des Rheinübergangs. Andreas Kempff, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein (IHK), spricht von einer „erheblichen Durststrecke“. Unternehmen, die sich auf elsässische Kunden spezialisiert haben, meldeten nach IHK-Angaben Umsatzeinbußen von bis zu 80 Prozent. Für Mitarbeiter, die einen Umweg in Kauf nehmen mussten, wurden zum Teil die Arbeitszeiten angeglichen. Für einige Unternehmen, gerade im Handel, waren die Umsatzeinbußen jedoch zu hoch, um solche Lösungen zu ermöglichen, teilt die IHK mit. „Sie haben Mitarbeiter zum Teil freigesetzt oder in der Zeit der Vollsperrung unbezahlt beurlaubt“, weiß Kempff.

Normalisierung nicht innerhalb weniger Wochen

Einen Umsatzverlust von 50 bis 60 Prozent verzeichnet Manfred Hetz in seinem Getränkemarkt unweit des ehemaligen Grenzübergangs. Dennoch verzichtete er auf Kündigungen und Kurzarbeit für seine Beschäftigten. Entsprechend bestellte auch er weniger Waren: „Die Lastzüge waren zwar voll bestückt, doch sie kamen seltener“, erklärt Hetz. Von einer Normalisierung könne innerhalb weniger Wochen nicht die Rede sein. „Bis die gesamte Kundschaft zurückkommt, können bis zu eineinhalb Jahre vergehen“, betont Hetz. Er geht davon aus, dass zumindest 80 bis 90 Prozent der Kunden zunächst wieder bei ihm einkaufen.

Unternehmen kaufte Mietwagen

Auch für Handwerksbetriebe und Firmen hatte die Vollsperrung Folgen: „Bedürfnisse von individuellen Schichtarbeitszeiten konnten durch Maßnahmen wie die Einrichtung von Pendlerbussen nur schwer abgedeckt werden“, erläutert Kempff. Dabei setzten die Firmen für ihre Mitarbeiter teilweise auf kreative Lösungen: „So hat ein Unternehmen beispielsweise zwei Gebrauchtwagen gekauft, und diese ihren Pendlern zur Verfügung gestellt und wird diese dann im Herbst wieder verkaufen“, berichtet der IHK-Hauptgeschäftsführer. Bei der Freistetter Firma Zimmer haben Beschäftigte Fahrgemeinschaften der jeweiligen Schicht gebildet, sagt Personalleiterin Sarah Rudolf auf Anfrage von bnn.de. „Der bereitgestellte Linienbus wurde überwiegend nicht in Anspruch genommen, trotz Bezuschussung durch die Zimmer GmbH“, so Rudolf. „Nur vereinzelnd mussten Mitarbeiter ihre Schicht tauschen, dies geschah aber ohne größeren Mehraufwand.“

Mitarbeiter hatten längere Anfahrtszeiten

Werner Klotter ist indes froh, dass die Sperrung wieder vorbei ist. Der Geschäftsführer des gleichnamigen Elektrotechnik-Betriebs erzählt, dass sie die Personal- und Schichtplanung massiv beeinflusste: „Die meisten der 20 betroffenen Mitarbeiter haben Fahrgemeinschaften gebildet oder nahmen den Umweg über Iffezheim in Kauf, andere hatten Urlaub genommen“, so Klotter. Die Sperrung habe Kraft gekostet. „Es war nicht einfach, die Ausfälle aufgrund des Fachkräftemangels über Leihpersonal zu kompensieren“, ergänzt der Geschäftsführer des Elektrotechnik-Betriebs. Das Unternehmen Hauser Logistik spürte ebenfalls, dass die deutsch-französische Straßenverbindung drei Monate lang abgeriegelt war. Die Speditionsfirma hat eine Filiale im Elsass, zudem wohnen mehrere Fahrer auf der anderen Rheinseite.

Umwege verursachen Mehrkosten

Einige nutzten die provisorische Fußgänger- und Radwegbrücke über die Schleuse, andere wichen über die Fähre Greffern und den Rheinübergang Iffezheim aus, berichtet Jürgen Böhly von der Firma Hauser Logistik. Für das Unternehmen bescherte die Vollsperrung Mehrkosten, da Fahrtrouten der Spedition nach Frankreich über Iffezheim verlegt werden mussten. Zudem hat die Firma die Tankstelle sowie Verkaufsflächen an der ehemaligen Zollstation verpachtet. Die Tankstelle war zwar geöffnet. „Doch die Verkäufer bestellten weniger Ware und setzten weniger Personal ein“, erklärt Böhly. Er geht davon aus, dass sich die Situation für seine Firma, die Tankstelle und den Verkaufsläden an der ehemaligen Zollstation sich bald wieder normalisiert. „Zumindest Grenzgänger werden zurückkommen, die kurze Wege bevorzugen“, ist Böhly überzeugt.

Händler setzen nach Sperrung auf Kundenakquise

„Durch den längeren Anfahrtsweg entstehen jedoch natürlich erhebliche Mehrkosten für die Unternehmen“, ergänzt Andreas Kempff. Die IHK prognostiziert, dass sich der Zustand für zahlreiche Unternehmen indes normalisieren werde. „Besonders aus dem Handel kam jedoch auch die Befürchtung auf, nach der Fertigstellung der Brücke Kunden zu verlieren, denn bei einer dreimonatigen Einschränkung könnten Kunden auch ihre Gewohnheiten verändern“, erklärt Kempff. Diese Unternehmen würden beispielsweise durch Gewinnspiele verstärkt um Kunden werben. „Hier müssen wir die weitere Entwicklung abwarten“, unterstreicht der IHK-Hauptgeschäftsführer.

Bewährt hat sich aus Sicht des Landratsamts des Ortenaukreis der Busshuttle für Berufspendler von der Fischtreppe über Freistett und Gamshurst bis nach Achern. Zwischen 100 und 130 Personen nutzten diesen Service. Die Nachfrage sei durchweg sehr gut gewesen. „Vergleicht man den August mit den beiden Vormonaten, sehen wir einen leichten Rückgang, was wir auf die Ferienzeit zurückführen“, teilt Sabrina Schrempp, Sprecherin des Landratsamts, auf ABB-Anfrage mit. Sobald die Sperrung des Rheinübergangs aufgehoben ist, wird die Busverbindung eingestellt. Eine dauerhafte Buslinie, wie im Süden des Ortenaukreises zwischen Erstein und Lahr, ist zwischen Gambsheim und Achern vorerst jedoch nicht geplant. „Dies ist immer mal wieder Thema“, so Andreas Kempff von der IHK Südlicher Oberrhein, betont indes, dass die Busverbindungen den individuellen Schichtbetrieb nur schwer abdecken konnte. ch