Der Kommandant des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, Rudolf Höß, im Juni 1946 auf dem Nürnberger Flughafen bei seiner Auslieferung an Polen. Foto: dpa

Autobiografie voller Lügen

Von Baden-Baden über Mannheim nach Auschwitz: KZ-Kommandant Rudolf Höß

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Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren lenkt den Blick auch auf Rudolf Höß. Der KZ-Kommandant war in Baden-Baden geboren worden. In seinen autobiografischen Aufzeichnungen reiht er Erfindung an Erfindung, auch über den familiären Hintergrund. Trotz eines 2018 erschienenen Buchs, das mit zahlreichen Mythen aufräumt, prägen Höß‘ Ausführungen das Bild über ihn bis heute.

In seinem Fragment gebliebenen Roman „Der erste Mensch“ schildert der Philosoph Albert Camus eine Szene aus dem Marokkokrieg 1905. Ein Soldat gerät völlig außer sich, als er die bestialisch zugerichteten Leichen zweier Kameraden entdeckt; ein Mensch mache so etwas nicht, er halte sich im Zaum, sonst sei er kein Mensch, schreit er hinaus.

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Eine ähnliche und doch diametral entgegengesetzte Auffassung von einem anständigen Menschen findet sich in der Posener Geheimrede von Heinrich Himmler. Der Reichsführer SS sagte im Oktober 1943 bei einer Tagung der SS-Gruppenführer: „Vom Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenliegen, wenn 500 oder 1.000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“

Leser braucht ein dickes Fell

Für diese Pervertierung des Begriffs Anständigkeit könnte Rudolf Höß Pate gestanden haben. Der Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz hielt in seinen in polnischer Haft niedergeschriebenen autobiografischen Aufzeichnungen fest, dass er die Grausamkeiten im Lager nie gewollt und nie gebilligt habe, er habe sie innerlich abgelehnt, nach außen aber Kälte demonstriert und jede menschliche Regung vermieden , um den Ansprüchen an einen Kommandanten zu genügen.

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Wer die 1958 erstmals in deutscher Sprache erschienene Schrift „Meine Psyche. Werden, Leben und Erleben“ liest, braucht ein dickes Fell. Der Ton ist selbstgerecht, mitunter selbstmitleidig; dass Höß  sich selbst zu entlasten versucht, ist wenig überraschend, dass er sich zum Opfer stilisiert und damit der Wahrheit kübelweise spottet, verschlägt den Atem. So schildert er seine Empfindungen nach dem Beginn des Mordens mit Zyklon B: „Ich muß aber offen sagen, auf mich wirkte dieser Vorgang immer beruhigend … Mir graute immer vor den Erschießungen, wenn ich an die Massen, an die Frauen und Kinder dachte. Nun war ich doch beruhigt, daß uns allen diese Blutbäder erspart bleiben sollten.“

Der wahrscheinlich größte Mörder in der Geschichte der Menschheit

New York Times über Rudolf Höß

Der Historiker Martin Broszat, der Höß‘ Aufzeichnungen in Deutschland herausbrachte, nennt den Kommandanten von Auschwitz „Himmlers vorzügliches Werkzeug des Regimes“. Wie aber wurde der laut New York Times vom 17. März 1946 „wahrscheinlich größte Mörder in der Geschichte der Menschheit“ dazu?

Die Autobiografie kann darauf nur bedingt Antworten geben: Sie ist für die ersten Lebensjahrzehnte in weiten Teilen frei erfunden. In einem 2018 von Ulrich Nieß, dem Leiter des  Marchivums, dem Mannheimer Stadtarchiv, herausgegebenen Buch mit dem Titel: „Der Kommandant und die Köchin: Rudolf Höß und Sophie Stippel. Zwei Wege nach Auschwitz“ holen die Autoren Wilhelm Kreutz und Karen Strobel nach, was die Geschichtswissenschaft über Jahrzehnte versäumt hatte. Sie unterzogen Höß‘ Angaben einer gründlichen Überprüfung, recherchierten auch in Baden-Baden, Mannheim und Bühl, dort, wo Höß Kindheit und Jugend  verbrachte.

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Schon das Geburtsjahr ist falsch

Höß kam am 25. November 1901 in Baden-Baden zur Welt; er gab später als Geburtsjahr stets 1900 an, anfangs auch 1898. Vermutlich wollte er damit einen aktiven Einsatz im Ersten Weltkrieg plausibler erscheinen lassen.

Überhaupt  zeichnete er das Bild einer Familie mit langer militärischer Tradition; väterlicherseits habe er eine Ahnenreihe badischer Offiziere vorzuweisen. Tatsächlich waren seine Vorfahren Landwirte in Oberwasser und Moos, der Großvater arbeitete als Weber in der Bühler Spinnerei Massenbach und Kusel. Dass sein Vater Franz Xaver Höß einige Jahre Militärdienst in Deutsch-Ostafrika geleistet habe, ist sehr unwahrscheinlich, er ging 1895 als Hausdiener nach Baden-Baden.

Sicher ist, dass der Großvater nicht wie von Höß behauptet als Oberst im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1 gefallen ist: Er ist nachweislich 1915 gestorben.  Die Militärtradition ist ebenso Teil eines Lügengebäudes wie die wirtschaftlichen Angaben. Höß schwadroniert von einer wohlhabenden Familie, der Vater sei erfolgreicher Großhandelskaufmann gewesen, von Dienstpersonal ist die Rede, von einer Villa mit Park. Das Gegenteil war der Fall: Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie waren prekär.

Blick auf Gunzenbach: Hier war die Familie Höß um 1900 zuhause. Foto: Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden

Erste Jahre in der Gunzenbachstraße

Franz Xaver Höß, der am 10. November 1900 Paulina Speck geheiratet hatte, lebte mit seiner Familie (zu der später neben dem Sohn zwei Töchter zählten) in Baden-Baden zunächst in der Gunzenbachstraße und ab 1905 dann in der Hardstraße in der Innenstadt. Wie stark Rudolf Höß diese Zeit in Erinnerung blieb, muss offen bleiben; er wies immer wieder auf die enge Verbindung zur Natur hin, die in Baden-Baden entstanden sei. Doch auch das muss für absurde Lügengeschichten herhalten. Als die Familie Ende 1906 nach Mannheim zieht, wohnt sie im dritten Stock eines Mietgebäudes. Höß aber schreibt, er habe zum siebten Geburtstag ein Pony erhalten und das auch mit auf sein Zimmer genommen.

Realschule Bühl lehnt Höß ab

Die schulischen Leistungen waren bescheiden und verschlechterten sich, bis er im Sommer 1915 das Klassenziel klar verfehlte und das Karl-Friedrich-Gymnasium ohne Abschluss verließ. Er werde seine Schulzeit in der Realschule Bühl fortsetzen, wurde in der Schülerliste notiert. Daraus wurde aber  nichts.

Zwar wurde Höß am 15. Juni 1915 polizeilich in Moos gemeldet, wohl auch um in den Ferien der Großmutter in der Landwirtschaft zu helfen, doch im Herbst war er wieder in Mannheim: Die Bühler Schule hatte ihn nicht angenommen, „vermutlich wegen seiner schlechten Noten und seinen fehlenden Englischkenntnissen“, heißt es bei Kreutz und Strobel.  Im Sommer 1916 gelang Höß der Volksschulabschluss, vermutlich folgte eine Lehre.

Szene aus Moos um 1915: In dieser Zeit war Rudolf Höß in dem Dorf gemeldet. Foto: Stadtgeschichtliches Institut Bühl

„An Karl May erinnernde Aufschneiderei“

Als gesichert sehen es die Autoren an, dass er seine vermeintlichen Kriegserlebnisse an der Irak-Front und in Palästina ebenso frei erfunden hat wie die „an Karl May erinnernde Aufschneiderei“  bei der Schilderung der Rückkehr durch halb Europa: Höß sei bis Ende 1917 lückenlos in Mannheim gemeldet gewesen.

Dass Höß sich 1918 noch freiwillig gemeldet aber, sei aber nicht auszuschließen: „Sollte er nach einer Grundausbildung noch zum Fronteinsatz gekommen sein, warum erfand er dann seinen Kriegseinsatz im Vorderen Orient? Allein die Tatsache, an der Front gekämpft zu haben, hätte ihn aus dem Kreis seiner Altersgenossen herausgehoben.“  Der Jahrgang 1901 war der erste Jahrgang, der nicht mehr eingezogen wurde, was eine freiwillige Meldung aber nicht ausschloss.

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Beteiligung an Fememord

Höß sah sich möglicherweise als Angehöriger der Generation der „Überflüssigen“, wie Stefan Breuer jene Männer nannte, die ihre altersbedingte Nichtteilnahme am Weltkrieg durch den Eintritt in die Freiwilligenverbände und Freikorps der frühen Weimarer Republik zu kompensieren suchten.

Höß‘ völkisch-nationalistisches Weltbild dürfte sich auf diesem Weg immer mehr verfestigt haben; er gehörte dem Freikorps Roßbach an, das im Baltikum große Grausamkeiten verübte, er trat 1922 der NSDAP bei, wurde 1923 für seine Beteiligung an einem Fememord im mecklenburgischen Parchim zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, von denen er fünf absitzen musste,  und war Mitglied des völkischen Artamenen-Bunds, dem auch Himmler angehörte. 1934 trat Höß in die SS ein und machte eine steile „Karriere“. Über Dachau und Sachsenhausen kam er nach Auschwitz. Dort sollte er auf Geheiß das Konzentrationslager aufbauen. Ende 1943 wurde er Leiter des Amts D  I (Zentralamt) im SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt, war aber im Mai 1944 für den geplanten Massenmord an mehr als 400.000 ungarischen Juden wieder in Auschwitz.

Sophie Stippel, die zweite Titelperson des Buchs, stammte aus Mannheim. Sie war ins Konzentrationslager verschleppt worden, weil sie Zeugin Jehovas war. Es ist anzunehmen, dass Höß sie aus der Mannheimer Zeit kannte; jedenfalls hat sie sich nach dem Krieg entsprechend geäußert, aber ohne Details zu nennen. Sie war von 1938 an in den Konzentrationslagern Lichtenburg/Prettin und Ravensbrück gewesen, ehe sie 1942 nach Auschwitz kam. Vier Tage nach ihrer Ankunft wurde sie als Köchin im Haushalt der Familie Höß beschäftigt, was die Vermutung stützt, dass Höß sie erkannt haben muss. Als die Rote Armee näher kam, zog die Familie nach Ravensbrück, auch Sophie Stippel war dabei. Nach dem Krieg berichtete sie, dass Höß ihr Gift überreicht habe, dass die den Kindern der Familie in den Brei mischen sollte. Als sie sich weigerte, habe Höß auf das Krematorium gewiesen und  ihr gedroht, sie könne das Lager auch „auf diesem Weg“ verlassen. Da die Russen schneller vorrückten als erwartet, kam es zu einer überstürzten Flucht, was Sophie Stippel von dieser Last befreite. Sie überlebte die Verfolgung und starb 1985 in Weinheim.

Nach dem Krieg zunächst untergetaucht

Nach dem Krieg gelang es ihm zunächst, unter dem Namen Franz Lang unterzutauchen. Im März 1946 aber fasste ihn englisches Militär nahe Flensburg. Höß‘ Aussagen im Nürnberger Kriegsprozess belegten erstmals aus Tätermund die Verbrechen der Nazis. Die Engländer lieferten ihn am 25. Mai 1946 an Polen aus. Am 2. April 1947 wurde er zum Tode verurteilt und am 16. April 1947 in Auschwitz hingerichtet.

Den berüchtigten Schriftzug über dem Tor ließ Rudolf Höß anbringen. Foto:: dpa

Die Geschichte der  Verhaftung erzählt spannend und anschaulich das Buch „Hanns und Rudolf. Der deutsche Jude und die Jagd nach dem Kommandanten von Auschwitz“ von Thomas Harding (München 2014). Der Autor ist der Großneffe von Hanns Alexander, eines deutschstämmigen jüdischen Bürgers, der im Dienst der britischen Armee nach Kriegsverbrechern fahndete.  Allerdings weist das Buch einige problematische Züge auf. Es ist an manchen Stellen romanhaft, vor allem aber die beiden Titelfiguren konsequent beim Vornamen zu nennen, schafft eine im Falle Höß mehr als zweifelhafte Nähe. Gelegentlich werden Höß und seine Familie auf diese Weise fast zum Opfer stilisiert, zumal sich Harding auch zu sehr auf Höß‘ autobiografische Aufzeichnungen verlässt, was nach der Lektüre der Mannheimer Studie als gravierender Fehler einzustufen ist.

Posthume Rezeption nachhaltig geprägt

Die Mannheimer Veröffentlichung hat einiges geraderückt. Höß‘ Lügenkonstrukt war das Fundament seines Lebens. Und auf dieser Basis wurde er in der Forschung über Jahrzehnte beurteilt. Seine Erinnerungen haben mittlerweile 29 Auflagen erlebt. Das ist auch deshalb erschreckend, weil kein anderer Täter der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik seine Biografie so verfälscht „und mit dieser Fälschung seine posthume Rezeption so nachhaltig geprägt“ habe, schreiben Kreutz und Strobel.

Der familiäre Hintergrund, seine Kindheits- und Jugendjahre mögen banal sein, wie es in der Literatur heißt, aber man muss nicht erst an Hannah Arendts Wort von der „Banalität des Bösen“ erinnern, um die Bedeutung zu erkennen.

Lokales Geschehen ist nicht gerade das Lieblingskind der Geschichtswissenschaft. Studien aus kleineren Städten oder Regionen sind sehr oft Forschern außerhalb des akademischen Betriebs zu verdanken; nicht selten sind es auch Fachfremde. Dabei kann lokale Geschichtsschreibung sehr spannend sein und auch wertvolle Impulse für die „großen“ Themen geben. Erst recht gilt das, wenn sie so spektakuläre Ergebnisse liefert, wie dies Wilhelm Kreutz und Karen Strobel gelungen ist. Sie  haben viele Details aus Höß’ Aufzeichnungen widerlegt und neu eingeordnet; er selbst hatte ihnen den Titel „Meine Psyche. Werden, Leben und Erleben“ gegeben. Es war ihm gelungen, das posthume Bild von ihm zu prägen. Erst spät setzten zaghafte Korrekturen ein. Die meisten NS-Forscher ignorierten sie aber weitgehend. Umso bedauerlicher ist es, dass das Buch bis heute nicht in einer kritischen Edition erschienen ist. Die Reaktionen auf das Buch waren in der Fachwelt sehr verhalten, wie Herausgeber Ulrich Nieß im Gespräch mit bnn.de sagte. Es habe nur ganz wenige Rezensionen gegeben: „Das ist schon auffällig. Wir hätten uns eine größere Resonanz erwartet.“ Ein bisschen Enttäuschung könne da schon herausgelesen werden, aber er sei andererseits auch sehr stolz auf das in mühevoller Kleinarbeit entstandene Buch. Zwar habe sich gezeigt, wie schwierig es ist, jahrzehntelange Mythen zu decodieren, aber es sei auch ein Beispiel dafür, „was lokale Geschichtsschreibung zu leisten imstande ist“. In diesem Fall war es ohne Zweifel Großartiges.  Wilhelm Kreutz, Karen Strobel, Der Kommandant und die Bibelforscherin: Rudolf Höß und Sophie Stippel. Zwei Wege nach Auschwitz, Mannheim 2018, ISBN 978-3-9817924-5-4