Symbol für die schwierige Integration der Spätaussiedler in Lahr: Der Kanadaring. Inzwischen ist er saniert. | Foto: Bamberger

Wolfgang G. Müller

Ende einer Ära: Scheidender OB von Lahr im Interview

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Vier Männer und eine Frau bewerben sich um die Nachfolge von Wolfgang G. Müller als Lahrer Oberbürgermeister. Müller wird aus Altersgründen im Oktober aus dem Amt scheiden. Der ehemalige Diplomat blickt auf eine 22-jährige Amtszeit, in der die zweitgrößte Stadt der Ortenau ihr Gesicht gewandelt hat. Darüber, wie man einen solch tiefgreifenden Veränderungsprozess bewältigt, sprach Müller im Interview mit unserem Redakteur Frank Löhnig.

Lahr hat sich in Ihrer Amtszeit völlig verändert. Wie würden Sie diese Entwicklung beschreiben?

Wolfgang G. Müller: Wir bearbeiten derzeit ein Buchprojekt namens Zeitenwende, das die Jahre 1994 bis zur Gartenschau 2018 beschreibt. Zeitenwende, weil sich in dieser Zeit das Blatt in Lahr komplett gewendet hat, wir haben das Steuer herumgerissen. Mitte der 90er war die Stadt geschüttelt von den Folgen des Abzugs der Kanadier, mit allen wirtschaftlichen und sozialen Aspekten, die sich daraus ergaben, aber auch mit brennenden Fragen der Integration. Wir waren verunsichert, haben uns gefragt, wo geht es eigentlich hin? Es hat sich etwas breit gemacht, das ich als „Lahrmoyanz“ bezeichnet habe – ein verzagter Blick zurück, Wehleidigkeit bei manchen, das Gefühl, dass das Gras bei den Nachbarn immer grüner sei. Mein Beitrag hieß: Schluss mit der Lahrmoyanz!

Es gab aber auch handfeste soziale Konflikte – zum Beispiel zwischen den Bürgern türkischer Nationalität und den Spätaussiedlern. In bestimmte Ecken der Stadt hat man sich bei Dunkelheit nicht mehr reingetraut.

Müller: Wenn man sieht, wie es uns gelungen ist, den Kanadaring herauszuputzen, dann ist der Begriff von No-go-Area sicher falsch. Wir haben mehr als 120 Nationalitäten in Lahr. In einer Großstadt wäre das nichts Besonderes, für eine Stadt mit 48.000 Einwohnern ist das schon ein Ding. Ich nehme für uns in Anspruch, dass das Miteinander im Großen und Ganzen klappt. Natürlich gibt es auch Dinge, da läuft es noch nicht so rund, aber insgesamt können wir von einer „ausgesöhnten Verschiedenheit“ sprechen. Es bleiben Bereiche, wo wir weiter hart arbeiten müssen. Gerade die nach 2015 hinzu gekommenen Flüchtlinge, so um die 1.200, haben Verwaltung und Bevölkerung stark gefordert. Auch das Stadtbild hat sich nochmals verändert, es ist großstädtischer geworden durch die vielen verschiedenen Menschen. Was mir an Lahr besonders gefällt ist, dass man aus der Altbevölkerung heraus nie nennenswerte Opposition gegen den Weg der Integration mit den zahllosen Sozialprojekten gespürt hat. Lahr hat in den zurückliegenden 100 Jahren immer wieder Wanderungsbewegungen erlebt – als Garnisonsstadt mit Soldaten, aber auch mit katholischen Arbeitern aus dem Schuttertal, Kanadiern, Spätaussiedlern, Flüchtlingen. Vor allem die 27 Jahre währende Präsenz der kanadischen Soldaten hat dazu geführt, dass wir mit Fremden konziliant umgehen.

Die Integration als eine Hauptaufgabe: Der Lahrer OB Wolfgang G. Müller. | Foto: Breithaupt

 

Und doch hat Lahr Schlagzeilen gemacht, als sich die Spätaussiedler gegen Flüchtlinge wandten. Sie haben im Januar 2016 ihre Verantwortung als OB in beachtlicher Weise interpretiert und sich einer wütenden Menge auf dem Rathausplatz gestellt.

Müller: Diese Demonstration selbst sollte man nicht überbewerten, konkret ging es damals ja um die angebliche Entführung der kleinen Lisa, die Emotionen kochten hoch. Dies als Aufstehen gegenüber Flüchtlingen insgesamt zu verstehen, war sicherlich etwas zugespitzt. Auch die Wahlergebnisse der AfD in Lahr, zuletzt bei den Kommunalwahlen, würde ich weniger als Reaktion auf die Buntheit unserer Stadt betrachten, sondern vielmehr als Folge davon, dass andere Parteien an der einen oder anderen Stelle nicht fix genug waren.

Sind Auftritte wie dieser die Chance der Politik, den Dingen den richtigen Dreh zu geben?

Müller: Ja, gerade wir politisch Engagierten müssen unsere Grundpositionen darlegen, egal wo wir sitzen oder stehen. An diesem Tag hat sich das so ergeben. Es war ein Moment, in dem ich spontan, aber aus Überzeugung, reagiert habe. Vor Jahren habe ich formuliert, dass die Spätaussiedler ein Glücksfall für Lahr sind. Auch da habe ich erhebliche Kritik zu hören bekommen. Und ja, es hat Konflikte gegeben, auch Gewalt. Aber auch in der alteingesessenen Bevölkerung gibt es nicht nur Waisenknaben.

Was die Öffentlichkeit damals schockiert hat, war die bittere Erkenntnis, dass es bei den Spätaussiedlern mit der Integration wohl nicht so weit her ist wie man mal gehofft hatte.

Müller: So einfach ist das nicht. Es gibt Spätaussiedler, die den Kontakt zu ihrer angestammten Gruppe nicht mehr pflegen und als solche auch nicht mehr erkennbar sein wollen, andere, die zwischen den Welten hin und her wandern, und schließlich die Spätaussiedler, die fast exklusiv unter sich bleiben. Es findet auch Nachzug von anderen Orten statt. Wir reden hier von einer Gruppe von rund 10.000 Menschen, eine viel zu große Gruppe, als dass man da eine generalisierte Meinung haben dürfte. Wenn wir sehen, wie sehr viele Spätaussiedler in Firmen, bei der Stadt Lahr oder als Selbstständige arbeiten, wie sie sich in der Schule bewähren, dann ist Lahr eine gute und sichere neue Heimstatt.

Die Aufgabe, andere Kulturen zu integrieren oder zumindest mit ihnen umzugehen, trifft ja nicht nur Lahr. Was können andere Kommunen lernen?

Müller: Vielleicht waren wir das eine oder andere Mal schneller oder innovativer. Aber das liegt nicht zuerst am Oberbürgermeister, sondern daran, dass diese Aufgabe eine Stadt getroffen hat, die zuvor schon über Jahrzehnte Integrationsarbeit geleistet hatte – als ganze Gesellschaft. Für mich entscheidend: Wir Lahrer verstehen das als unseren Beitrag zur Bewältigung einer historisch-politischen Aufgabe Deutschlands. Das ist der tiefere Grund.

Was hat Sie zufrieden gemacht an Ihrer Arbeit?

Müller: Lahr hat einen Umbruch durchgemacht wie kaum eine andere Stadt. Erinnern Sie sich an die 90er Jahre, da ist hier beim Nachtleben die Post abgegangen mit den vielen Kanadiern. Die Rolle der Nato hat dazu geführt, dass sich regelmäßig Prominenz eingefunden hat. Das hat den Lahrern gut gefallen und gut getan. Und dann war plötzlich alles weg. Es folgten Unsicherheit und Verzagtheit. Da sind wir herausgekommen, die Landesgartenschau 2018 war Höhepunkt und vorläufiger Schlusspunkt dieses Prozesses. Unser Selbstbewusstsein, das haben wir durch harte Arbeit erworben, auch indem wir zum Beispiel den ökonomischen Verlust durch den Wegfall der Tabakindustrie überwunden und mit 29.000 Arbeitsplätzen einen historischen Hochstand vorweisen können. Ich habe den Erfolg mit herbeigeführt. Das macht mir Freude, und ich werde dieses Bewusstsein im Ruhestand als Lahrer Bürger genießen.

Sie sind der letzte SPD-Oberbürgermeister in der Ortenau, und Sie sind der Partei treu geblieben. Gab es Zweifel?

Müller: Das war nicht immer die reine Freude, zudem ist der „Genosse Trend“ gegen uns. Momentan ist Grün angesagt. Wir spüren gerade viel Gegenwind, aber auch hier wird sich das Blatt wieder wenden. Zudem: Die SPD-Oberbürgermeister, auch ich, wurden nicht gewählt, weil sie in einer bestimmten Partei waren, sondern weil die Persönlichkeiten gepasst haben.