Das Image der Nachlässigkeit hat die Jogginghose längst überwunden. Mittlerweile ist das Kleidungsstück im hochpreisigen Modesegment angekommen und wird nicht mehr nur – wie hier – von heranwachsenden Herren getragen. | Foto: dpa

Umstrittenes Kleidungsstück

Jogginghose in der Schule: Was sagen die Lehrer in Achern?

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Der Sekretärin der Realschule Rottenburg hört man es an, die vielen Anfragen bezüglich eines kuriosen, weil im Land einzigartigen Verbots haben ihr die Nerven geraubt. Die Realschule hat nämlich die Jogginghose verboten – zusammen mit Chipstüten, Sonnenblumenkernen und koffeinhaltigen Getränken. Sollten sich die Schulen in der Region Achern das zum Vorbild nehmen? Der ABB hat mit den Schulleitern gesprochen.

Eine verbindliche Regelung für Schulkleidung gebe es nicht, sagt Karin Kesselburg von der Acherner Robert-Schuman-Realschule. „Im Unterricht die Mütze abziehen ist selbstverständlich, bei allem anderen reden wir direkt mit den Schülern“. Das „Riesenproblem“ Jogginghosen gebe es an ihrer Schule nicht, es sei eher zu aufreizende Kleidung, von der man den Schülern abrate.

Teure Markenhosen im Jogging-Stil

„Wenn eine Sechstklässlerin ‚Bitch‘ auf dem T-Shirt stehen hat, sprechen wir sie schon drauf an“, sagt Kesselburg. Was ein ausdrückliches Verbot angeht, ist die Rektorin aber skeptisch: „Wie sieht die Sanktion aus?“, fragt sie. Außerdem gebe es „auch teure Markenhosen im „Jogging-Stil“, es sei also schwer, genaue Regeln zu definieren.

Medienkonsum wichtigeres Thema

Die Diskussion sei „verschwendete Energie“, der Medienkonsum ein viel wichtigeres Thema. Was Chipstüten und Kaugummi angeht, gibt die Rektorin zu: „Das sehen wir auch nicht gerne“. Was aber Chipsnaschen in der Mittagspause angehe, „da sind wir relativ schnell bei den Grundrechten“, in seiner Freizeit dürfe noch jeder konsumieren, was er möchte.

Wenn eine Sechstklässlerin ‚Bitch‘ auf dem T-Shirt stehen hat, sprechen wir sie drauf an

Vorbereitung auf den Beruf

„Hüfthosen und bauchfrei haben sich durch die Moden erledigt, und spätestens beim Bewerbertraining wird darüber gesprochen, wie man sich angemessen kleidet“, sagt Ralf Schneider, Schulleiter der Beruflichen Schulen Achern. „Das ist hier auch ein Arbeitsplatz“, erinnert Schneider. Und von Jogginghosen im Bewerbungsgespräch rate man ebenso ab wie von zerrissenen Hosen, auch wenn diese manchmal teurer seien als die unversehrten. Mit Müll habe man keine Probleme, zumal es an der Berufsschule viele erwachsene Schüler gebe, von denen auch noch einige im Fach Hauswirtschaft den nachhaltigen Umgang mit der Umwelt lernen.

Jogginghosen können durchaus auch ein Luxusgegenstand sein. Die Hosen eines Münchner Mode-Labels, von denen hier ein Exemplar zu sehen ist, kosten auch schon mal mehr als 200 Euro. | Foto: dpa

Auch Politiker werden modischer

Es gebe auf der Antoniusschule Oberachern-Sasbach zwar Schüler, die Jogginghosen anziehen, diese sieht Rektorin Daniela Gauglitz-Wehle aber „unter modischen Gesichtspunkten“. Auch Erwachsene zeigten sich inzwischen mit Jogginghose, „und die Politiker werden auch modischer“, kommentiert die Rektorin die turnschuhtragende CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer. „Das muss in Rottenburg schon ein schwerer Fall gewesen sein, aber Kleidung ist Ausdruck der Persönlichkeit und trägt auch zur Persönlichkeitsentwicklung bei“.

Trikot-T-Shirts als Notbehelf

Wie viele andere Schulen behält sich auch die Gemeinschaftsschule Achern vor, auf unangemessene Kleidung mit einem großen „Trikot-T-Shirt“ zu reagieren, mit dem sich Schüler im Falle der Fehlbekleidung verhüllen müssen. Wie Schulleiter Heinz Moll ausführt, reiche es aber auch hier meistens aus, mit den Schülern zu reden, wenn sie, gerade im Sommer, wieder einmal „recht luftig angezogen“ seien.

Kleidung trägt auch zur Persönlichkeitsentwicklung bei

Verbot von Kaugummis

Und was die Jogginghosen betrifft, so lege die Gemeinschaftsschule ihren Schülern nahe, das Tragen derselben möglichst zu unterlassen. Der Verweis auf „angemessene Kleidung“ würde auch bei den Eltern auf Verständnis treffen. Kaugummis sind indes, wie in Rottenburg, verboten – aber nur per Absprache, und das habe bis jetzt auch funktioniert, sagt Moll.

Eltern wollen schärfere Handy-Regeln

Eine weitere Sorge sind die Handys. Die müssen im Unterricht ausgeschaltet werden, dürfen mittags aber benutzt werden. Da seien es die Eltern, die sich eine Verschärfung wünschten, berichtet Moll mit dem Verweis auf die vergangene Elternbeiratssitzung. „Im Unterschied zu anderen Ländern“, beschreibt Moll die Schwierigkeit dieses Unterfangens, „dürfen wir das Mitbringen von Handys in Deutschland aber nicht verbieten“.

Es gibt Dinge, die man in der Öffentlichkeit eher verbergen sollte

Anregung, Kleidung „aufzustocken“

Auch für Stefan Weih, Schulleiter des Gymnasiums Achern, sind Jogginghosen „kein drängendes Problem“. „Wir sind da auch sehr liberal“, beteuert er, auch wenn es im Sommer schon einmal vorgekommen sei, dass Lehrkräfte Schüler baten, ihre Kleidung etwas „aufzustocken“, weil sie den Blick auf Dinge freilegte, „die man in der Öffentlichkeit eher verbergen sollte“.

Im äußersten Fall greift Schulgesetz

Jogginghosen würden in den Oberstufen schon gerne genutzt, meistens von Jungs, „und bei der Abiturprüfung achten die Schüler eben in der Hauptsache darauf, was bequem ist“, zeigt sich Weih verständnisvoll. Wie die anderen Schulleiter betont er die Vorbildfunktion der Lehrer: Diese hätten auch schon Praktikanten auf „zu nahe Annäherung an die Schülerkleidung“ hingewiesen. Im äußersten Fall berufe man sich auf das Schulgesetz und die Berechtigung, den Bildungsauftrag durchzusetzen.

Vieles bringen die Schüler aus dem Elternhaus mit

Schulen ersetzen Erziehung nicht

„Ich glaube, die Realschule Rottenburg übertreibt“, sagt Jutta Luem-Eigenmann, Vorsitzende des Acherner Gesamtelternbeirats. Eine Sanktionierung wäre nur bei einer verbindlichen Schulkleidung möglich, und die sei von keiner Seite erwünscht. Mit Blick auf Chips und Co. zeigt sie Verständnis für die Schulen: „Vieles bringen die Schüler aus dem Elternhaus mit, und man kann der Schule auch nicht den ganzen Erziehungsauftrag aufbürden.“

 

§23 Schulgesetz

Das Verbot von Jogginghosen entbehrt einer direkten rechtlichen Grundlage. Die einzige Regelung, die sich mittelbar anwenden lässt, ist Paragraf 23 des Schulgesetzes, wonach die Schule befugt ist, Maßnahmen zur Sicherung des Bildungsauftrags durchzusetzen.
Wörtlich heißt es dort: „Die Schule ist im Rahmen der Vorschriften dieses Gesetzes berechtigt, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung des Schulbetriebs und zur Erfüllung der ihr übertragenen unterrichtlichen und erzieherischen Aufgaben erforderlichen Maßnahmen zu treffen und örtliche Schulordnungen, allgemeine Anordnungen und Einzelanordnungen zu erlassen und von Schülerinnen und Schülern schulordnungswidrig mitgeführte oder verwendete Sachen einzuziehen. Inhalt und Umfang der Regelungen ergeben sich aus Zweck und Aufgabe der Schule.“