Einen Prozess der körperlich-seelischen Selbstheilung wollte Albert Zeller bei seinen Patienten anstoßen.
Einen Prozess der körperlich-seelischen Selbstheilung wollte Albert Zeller bei seinen Patienten anstoßen. | Foto: Werner-Zeller-Stiftung

Die Freunde Zeller und Roller

„Wer unheilbar ist, weiß Gott allein“

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Reiseerfahrungen und fachliche Kontakte zu ähnlichen Einrichtungen zeigen, dass die Heil- und Pflegeanstalt Illenau in einer Reihe anderer Modellanstalten des 19. Jahrhunderts steht, das in der Psychiatriegeschichte als Epoche des Aufbruchs gilt. Albert Zeller, von 1833 bis zu seinem Tod im Jahr 1877 Leiter der Anstalt im württembergischen Winnenthal, gehört zu den vieljährigen Freunden Christian Rollers als Gründer der Illenau.

Das Konzept unterschied sich

Mit seiner reinen Heilanstalt verfolgte Zeller gleichwohl ein etwas anderes Konzept als Roller: In der Heil- und Pflegeanstalt Illenau waren heilbare und nicht heilbaren Kranke „gemischt“. Bei einer Reise in die badische Musteranstalt schrieb Zeller am 20. Juni 1850 stichwortartig in sein Tagebuch: „Die Anstalt hat sehr großen Umfang. Beim Eintritt die Gebäude des Verwalters etc., Gärten des Directors, Hauptgebäude Renommiersaal in der Mitte … rechts Frauen, links Männer. Ich sah morgens … das Erdgeschoss des Frauenflügels: ein Mädchen, das sehr stark Onanie treibt, eine Melancholica, eine Verrückte, ein Mädchen ohne ausgesprochenen Wahn mit periodischen Tobanfällen, eine melancholische Judenfrau, traf dort den II. Arzt Hergt, ging durch Waschküche, Trockenkammer, Küche, die alle mit Dampf geheizt werden..“

Reise zu den wichtigsten Anstalten

Wie Christian Roller hatte Albert Zeller vor der Errichtung der im Vergleich zur Illenau fast zehn Jahre älteren Winnenthaler Anstalt als „sozialkritischer Reisender“ Erfahrungen auf dem Gebiet der klinischen Psychiatrie gesammelt und die wichtigsten Irrenanstalten Deutschlands, Englands, Schottlands und Frankreichs besucht. Obermedizinalrat Heinrich Köstlin, direkter Vorfahre des ehemaligen Acherner Alt-Oberbürgermeisters Reinhart Köstlin, spielte bei der Einstellung Albert Zellers eine bedeutende Rolle.

Wissenschaftliche Impulse

Köstlin, Zeller und Roller waren in Tübingen Schüler Johann Heinrich Ferdinand Authenrieths gewesen. Authenrieth war Gründer des Universitätsklinikums Tübingen, bekannt durch die Entwicklung empirisch begründeter Heilkunde, die in der vielfach romantisierenden Biedermeierzeit starke wissenschaftliche Impulse brachte. Über Heinrich Köstlin schreibt Bodo Rüdenburg, dass er als Mitglied des Königlichen Medizinalkollegiums in Stuttgart von 1828 an für psychiatrische Fragen zuständig war und „sich mit großer Tatkraft der Verbesserung der klinischen Psychiatrie in Württemberg widmete.“ Unter anderem habe er auch den Reiseweg Zellers „zur Besichtigung ausländischer Irrenanstalten“ geplant.

Einer der respektabelsten Psychiater.

Heinrich Köstlin entschied sich für Albert Zeller als Leiter der neuen Einrichtung. Dieser „wurde einer der respektabelsten Anstaltspsychiater Deutschlands.“ Nach seinem Tod wird Albert Zeller über seine 50-jährige Arzttätigkeit hinweg die Behandlung von insgesamt 3 600 Geisteskranken zugeschrieben. Zwei Drittel davon habe der Arzt geheilt, lautete das Kompliment.

Ein Herzenswunsch

Dass Christian Roller viel von „seinem Freund“ Zeller hielt, wird in einem Brief an seine Base und spätere Ehefrau Christiane deutlich. Am 25. Oktober 1839 macht Roller in einem Brief an sein „liebes Bäschen“ seinen „Herzens-Wunsch“ deutlich, Christiane möge sich für den Dienst einer Oberaufseherin entscheiden. Er schlägt vor, ein Praktikum in der Württembergischen Anstalt Winnenthal vorzubereiten. „Der dortige Direktor Hofrat Zeller, ist mein Freund; ich könnte dir bei ihm und seiner Frau die freundlichste Aufnahme verbürgen.“ Christian Roller heiratete 1840 seine Base.

Die Freunde besuchten sich

Die im Brief genannte Freundschaft zu Albert Zeller geht auf die Zeit des Medizin-Studiums in Tübingen zurück. Unter Christian Rollers Leitung hatte eine elfköpfige Ärzteschar am 19. September 1833 Zellers Modelleinrichtung in Winnenthal besucht. Bereits zwei Jahre davor, am 22. Februar 1832 hatte der württembergische Arzt Christian Roller in der Heidelberger Irrenanstalt aufgesucht. „Umso tätiger und tüchtiger ist Dr. Roller, der nun alles in allem sein muss, und seinen Mut durch die unsäglichen Schwierigkeiten der Verwaltung und des Lokals, das kaum schlechter gewählt sein könnte, nicht niederbeugen lässt“, schreibt Zeller in seinem Reisetagebuch. Ein Urlaubsantrag Albert Zellers aus dem Jahr 1843 zeigt, dass er in jenem Jahr wohl seinen Freund in Illenau besuchte.

Uneins in der Frage der „Unheilbaren“

Zu einer Entzweiung zwischen den beiden Anstaltsgründern, so schreibt Zellers Nachfahre Gerhard, sei es an der Frage der Haltung zu den sogenannten „Unheilbaren“ gekommen: „Ohne die Möglichkeit der Entfernung der unheilbar Kranken aus der Heilanstalt“, schreibt Zeller, „sinkt das beste Institut … in kurzer Zeit zu einem Siechenhaus herab.“ Christian Roller hingegen betont: „Wer unheilbar ist, weiß Gott allein.“

Schwermut und pastorales Verständnis

Albert Zeller hatte wie Christian Roller in Tübingen studiert. Beide verbindet wohl auch eine Neigung zur Schwermut von jungen Jahren an. Bekanntheit erreichte Albert Zellers Gedichtband „Lieder des Leids“, den er seiner jung verstorbenen Frau Marie gewidmet hatte. „Du gabst mir Herr den Hirtenstab, die kranken Seelen dir zu weiden. Und sie hinauf, hindurch, hinab zu deines Heiles Quell zu leiten“, umschreibt Zeller hier sein pastorales Selbstverständnis als Seelenarzt.

Tiefe Religiosität und kindlicher Glaube.

Albert Zeller wird von Robert Gaupp als hervorragender Therapeut charakterisiert. Die religiöse Einstellung wird ebenso eine gute innere Verbindung zu Roller gefördert haben: „Wohl kaum … ein Arzt des letzten Jahrhunderts (habe) die Fähigkeit zu guter Beobachtung von Mensch und Welt in solchem Maß mit einer tiefen Religiosität, mit einem kindlichen Glauben an Gottes Güte, an persönliche Auferstehung und ewige Seligkeit in sich vereint, wie wir dies bei Zeller finden“, schreibt Christian Roller.

Als Oberwärterin war Christiane Roller in der Illenau tätig.
Als Oberwärterin war Christiane Roller in der Illenau tätig. | Foto: Stadtarchiv Achern

Ehefrau lernt bei Zeller

Dass Roller und Zeller über Jahrzehnte starke Beziehungen pflegten, wird auch darin deutlich, dass Christian Roller seine spätere Ehefrau Christiane, ebenso die Wärterinnen Sophie Weidmann und Luise Haug nach Winnenthal schickte.„Die lang erledigte Stelle unserer unvergeßlichen Fräulein von Sternberg konnte endlich besetzt werden. Sie ist durch eine Verfügung des Großherzoglichen Verwaltungshofs der Fräulein Luise Haug aus Sulz am Neckar in Württemberg übertragen worden. Um sich vorzubereiten war sie vor fünf Wochen nach Winnenthal gegangen“, steht in den Unterlagen der Illenau.

Was tat eine Oberwärterin?

Die Aufgabe der Oberwärterin beschreibt Christian Roller im Brief an Christiane folgendermaßen: „Die Obliegenheiten der Oberaufseherin bestehen hauptsächlich in der Leitung und der vom Arzt vorgeschriebenen Behandlung der Kranken und in der Aufsicht über die Wärterinnen, die ihr untergeben sind. Sie hat nicht selbst Hand anzulegen; sie hat hauptsächlich darüber zu wachen, daß Ordnung und Sitte herrsche und jedes an seinem Posten seine Schuldigkeit thue. Der kräftigsten Unterstützung der Anstaltsbeamten darf sie gewiß sein.“ Nicht zuletzt weist Roller auch auf den Vorzug hin, dass der Dienst der Oberaufseherin „freie Stunden gibt …und die Oberaufseherin braucht, wenn sie ausgehen will, nicht zu fragen. Zum Besuch bei den Deinen würde dir jedes Jahr Urlaub ertheilt werden.“

Hohes Ansehen bei den Patienten

Ganz ähnlich wie in Winnenthal wird die Stellung des Direktors auch in Achern sehr prominent gewesen sein. „Ohne meinen Wirth kann ich nichts bestimmen“, schreibt Nikolaus Lenau, Winnenthal-Patient von 1844 bis 1847 und junger Dichter aus dem Literatenkreis um Gustav Schwab. „Mein Wirth ist der Herr Hofrath Dr. Zeller, und über ihm – Gott!“