Georg Börsig soll die Winzergenossenschaft Waldulm aus der Krise führen. | Foto: B. Spether

Schwere Aufgabe für neuen Chef

Winzergenossenschaft Waldulm muss mitten in der Corona-Krise durchstarten

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Wie geht es weiter in der kleinsten Winzergenossenschaft der Region? Als die Auswirkungen der Corona-Krise die WG Waldulm ereilten, da steckte der Betrieb im hinteren Achertal längst tief in der Krise.

Die rund 130 Mitgliedswinzer liefern 80 Prozent Rotweintrauben an und produzieren damit am Trend vorbei. Hinzu kommt: Selbst größere Winzergenossenschaften wie der Nachbar in Kappelrodeck mussten inzwischen die Segel streichen und ihr Heil in der Fusion suchen. Zu groß der Preisdruck aus dem Handel, der nur durch Einsparungen im Keller aufgefangen werden kann.

Das aber lässt kaum Raum für Innovationen, mit denen man sich am Markt von den Mitbewerbern absetzen könnte.

21 Jahre lang Vorstandschef

Die Aufgabe, die Winzergenossenschaft aus dieser Zwickmühle herauszuführen, fällt jetzt einem Mann zu, der den Betrieb kennt wie kaum ein anderer. Georg Börsig war 21 Jahre lang Vorstandsvorsitzender in Waldulm, bevor er sein Amt 2017 abgab – „aus privaten Gründen“, wie es seinerzeit hieß.

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Es folgte eine unruhige Zeit für den Traditionsbetrieb. Der neue alte Chef steht also vor einer Fülle von Herausforderungen, die sich vielleicht nur mit einer Fusion lösen ließen. Wenn man nur wüsste, mit wem.

Das Fusionsthema schwebt latent immer irgendwo rum

Georg Börsig, WG Waldum

„Das Fusionsthema schwebt latent immer irgendwo rum, aber es muss passen. Dies ist jedenfalls nicht unser wichtigster Antrieb“, sagt Börsig, der sich an die gescheiterten Gespräche mit dem Nachbarn Kappelrodeck erinnert.

Fusionsgedanken noch nicht begraben

Der Gedanke, die beiden Betrieb zusammenzulegen „war damals nicht ganz so verkehrt“. Doch das ist Vergangenheit, der Zug ist mutmaßlich abgefahren. Oder doch nicht? „Die Geschmacksprofile beider Genossenschaften waren vor 30 Jahren deutlich unterschiedlicher. Das hat sich doch sehr angenähert“, sagt er.

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Zuerst hat Börsig als Geschäftsführendes Vorstandsmitglied jetzt ganz naheliegende Aufgabe zu lösen – beispielsweise die, den Vertrieb wieder auf Vordermann zu bringen.

Auch sein Vorgänger Andreas Wiegert, von dem man sich nicht unbedingt im Frieden trennte, hatte vor einem Jahr im ABB-Gespräch energisch auf die Bedeutung eines funktionierenden Vertriebs hingewiesen.

Ob er mit seinen Bemühungen erfolgreich war, dieser Frage weicht Börsig aus. „Wir haben noch die Jahrgänge 2018 und 2019 im Keller, das waren tolle Weinjahre“ sagt er stattdessen und verweist auf das neue, moderne Etikett, mit dem die Waldulmer jetzt um Kunden werben wollen.

Weißwein ist gerade irgendwie cooler

Dazu freilich gehört auch ein entstaubtes Sortiment. Die Waldulmer gelten als Rotwein-WG und haben damit gleich in doppelter Hinsicht ein Problem. Zum einen finden die Verbraucher Weißwein gerade irgendwie cooler und lassen die Roten links liegen.

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Zum anderen steht gerade dieser Markt unter massiven Preisdruck. Mancher Winzer aus der Ortenau klagt hinter vorgehaltener Hand über die Konkurrenz aus Südbaden, die nicht mehr so traditionell, dafür aber besonders günstig, produziere.

„Man muss das im Keller einlagern was man verkaufen kann“, sagt Börsig. Dazu biete die Spätburgunder Traube, die in Waldulm noch immer hauptsächlich angebaut werde, eine Fülle von Möglichkeiten jenseits des klassischen Rotweins: Weißherbst, Rosé, blanc de noir oder verschiedene Sekte und Seccos. Nur müsse man schon vor der Lese planen, was es letztlich werde soll. Börsig erhofft sich, auf diese Weise aus dem Rotwein-Tal herauszukommen.

Corona macht allen zu schaffen

Dafür freilich hat er sich denkbar schwierige Zeiten ausgesucht. Denn Corona macht gerade nicht nur die Gastronomie platt, sondern setzt auch all jenen Betrieben zu, die an diesem Metier wirtschaftlich hängen. Dazu zählen, neben den Brauereien, natürlich die Winzergenossenschaften.

„Corona macht alle zu schaffen, und zwar um so mehr je größer der Anteil des Gastrobereichs ist“, sagt Börsig. Doch er spürt die Auswirkungen der Krise auch unmittelbar, im Direktverkauf: „Es sind keine Urlauber mehr da, das betrifft nicht nur uns, sondern andere Genossenschaften noch viel mehr“. Ein wenig Linderung bringe nur der online-Handel, der sich gerade gut entwickle.

„Der Vertrieb muss besser werden, aber auch die Kommunikation – mit den Winzern und mit allen Mitarbeiter im Betrieb“, nennt Börsig als seine ersten Ziele. Es werde eine schwierige Aufgabe, die WG wieder auf Kurs zu bringen, man sei im ständigen Dialog mit dem badischen Genossenschaftsverband, so Börsig, der zwei Jahrzehnte Erfahrung mitbringt und vielleicht auch deshalb vorsichtig ist.

Er werde jetzt keinen Zeitpunkt nennen zu dem der Turnaround geschafft sein soll, sagt er auf Nachfrage. Letztlich aber sehe er durchaus Perspektiven: „Wenn ich nicht glauben würde, dass wir aus diesem Tal herauskommen, würde ich nicht da sitzen“.