Heinrich Schüle war von 1890 bis 1916 Direktor der Illenau. | Foto: Stadtarchiv Achern

Heinrich Schüle in der Illenau

Zahlreiche bauliche Veränderungen

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Heinrich Schüle gehört als Nachfolger von Illenaugründer Christian Roller und Karl Hergt zu den bedeutenden Leitern der Illenau und gilt als letzter großer Vertreter der sogenannten „Anstaltspsychiatrie“ des 19. Jahrhunderts und der „Illenauer Schule“.

Als Hilfsarzt in die Illenau gekommen

1863 in Freiburg geboren, war Heinrich Schüle nach einem Medizinstudium in Freiburg und Wien mit 23 Jahren als Hilfsarzt in die Illenau gekommen. 1864 wurde er Assistenzarzt und erhielt 1878, nach Rollers Tod, die Aufgabe des zweiten Arztes nach Karl Hergt. Zugleich wurde Schüle Leiter der Frauenabteilung.

Gewaltige Herausforderung

Mit der konzeptionellen Entwicklung der Illenau gingen in Schüles Direktorenzeit von 1890 bis 1916 zahlreiche bauliche Veränderungen einher. „Er hatte … den Anstieg der Zahl untergebrachter Kranker von 440 auf 700 mit der Folge räumlicher Überbelegung zu bewältigen“, ist in einem Bericht der Illenauer Stiftungen eine gewaltige Herausforderung lapidar zusammengefasst. Als Gestalter psychiatrischer Anstalten war Heinrich Schüle schon 1873 gefragt. Im Auftrag der badischen Regierung entwickelte er die Pläne zum Bau der 1878 eröffneten psychiatrischen Klinik in Heidelberg. Heinrich Schüle beriet die badische Regierung auch beim Bau der Universitätspsychiatrie in Freiburg (1886), sowie der Heil- und Pflegeanstalten in Emmendingen (1889), Wiesloch (1905) und Konstanz (1913).

Beispielhafter Baustil

Der Pavillonbaustil, den Heinrich Schüle in der Illenau einführte, hatte in Deutschland 1876 mit der Gründung der Provinzial-Irren-Anstalt Rittergut Alt-Scherbitz in Sachsen einen ersten Impuls erhalten. In der Folge wurden in zahlreichen Psychiatrien und Krankenhäusern Pavillons errichtet, um moderne Möglichkeiten der Behandlung zu fördern. Max Fischer, zuletzt Oberarzt in der Illenau, ehe er 1905 Gründungsdirektor der ganz im „Scherbitzer Stil“ errichteten Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch wurde, nennt als Vorzüge dieses Baustils die Einführung der „freien“ Pflege in den Landhäusern und der „beschränkt freien Pflege“ in den „Pavillons für sogenannte Halbruhige“.

Zeichen gesetzt

Die baulichen Veränderungen, die Heinrich Schüle in die Illenau brachte, waren teils durch das Alter der Gebäude, die größer gewordene Anstalt, aber teils auch konzeptionell bedingt. Neben der freieren Pflege in den Landhäusern sind auch die Umgestaltung des Friedhofs und die Renovierung des Festsaals zu nennen. In der Kirche ließ Heinrich Schüle die Decke, Kanzel, Altäre und den Boden erneuern, ebenso das Gestühl und die Seitenfenster. Zuletzt durfte Anstaltsmusiker Julius Klump eine neue Orgel spielen. Die bei der Orgelweihe 1896 eingelegte Bleikapsel befindet sich heute im Arkadenmuseum. In den Fluren des Erdgeschosses wurden die Holzdielen durch die charakteristischen „Mettlacher Platten“ ersetzt. Heinrich Schüle setzte auch Zeichen durch den Abriss der Anstaltsmauern und der Zellentrakte.

Das Kessel- und Maschinenhaus wurde 1903 neu gebaut, ebenso ein neues Küchengebäude. Am 12. Mai 1903 wurde das Illenauer Männerlandhaus feierlich eröffnet. „Herr Geheimrat Schüle legte den Patienten der Landhäuser … ans Herz … von der Freiheit, die das nicht verschlossene Haus gewährt, keinen falschen Gebrauch zu machen“, berichtet die Chronik der Anstalt. Im Januar 1904, so ist im Jahresbericht der Großherzoglich Badischen Heil- und Pflegeanstalten zu lesen, konnte in Illenau die Beobachtungsabteilung für Männer bezogen werden. Die Beobachtungsabteilungen für Frauen gingen am 8. Februar 1906 in Betrieb.

Sich den Herausforderungen der Zeit gestellt

Mit den großen Baumaßnahmen, zu denen auch der Bau des Wasserreservoirs (1893), das Sektionshaus (1902), die neue Küche (1905), ein Feuerwehrhaus (1908) und ein neues Ärztewohnhaus (1911) gehören, hat Heinrich Schüle sich sowohl um die von Christian Roller geforderte Menschenfreundlichkeit verdient gemacht als auch die Anstalt den Herausforderungen der Zeit geöffnet. Schließlich steht der Ausbau der beiden Verbindungsflügel zu Beobachtungsabteilungen im Zusammenhang mit der Funktion der Heil- und Pflegeanstalt Illenau als Aufnahmeanstalt für Mittelbaden. Dieser Status, den die Illenau wie die neuen psychiatrischen Universitätskliniken Freiburg und Heidelberg hatte, ermöglichte, Patienten auszuwählen oder an die Anstalten in Pforzheim, Emmendingen oder Wiesloch abzugeben. Sogenannte „Klassepatienten“ dürften dabei in der Illenau geblieben sein.

Direktorenwohnung nicht mehr in der Illenau

Einen anderen Schritt vollzog Heinrich Schüle zusammen mit seiner Familie im Jahr 1911, in dem er das Angebot von Clara Reimann-Diffené annahm, die traditionell in der Mitte der Illenau angesiedelte Direktorenwohnung mit der „Villa Reimann“ zu tauschen, wo er dann die restlichen Jahre seines Lebens wohnte.