HERZSTÜCK der Illenauer Anstalt war die Kirche. Als Simultankirche bot sie sowohl evangelischen wie auch katholischen Christen eine Heimat. | Foto: Stadtarchiv Achern

Acherner Illenau

„Eine der modernsten Heilstätten der Welt“

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Christian Rollers Lebensleistung wird darin gesehen, dass er dem Land Baden mit der Heil- und Pflegeanstalt Illenau „eine der modernsten und brauchbarsten Irrenheilstätten der Welt“ gebracht hätte. Mit diesen Worten hatte der Medizinhistoriker Heinz Schott Christian Roller bei der Preisverleihung der Illenau-Stiftungen im Jahr 2012 gewürdigt. Den Kontext, in dem Christian Roller die Heil- und Pflegeanstalt entwickelte, sieht Schott besonders durch den Pariser Seelenarzt Dominique Esquirol und dessen „moralische“ und „physische“ Behandlung der Seelenstörungen gekennzeichnet. Zu den wesentlichen Elementen der moralischen Behandlung hätten „die Beschränkung des rohen Trieblebens durch Unterwerfung, Bändigung und Strafe“ sowie die „Entwicklung der körperlichen und geistigen Anlagen durch Arbeit, Lebensordnung und religiöse Einkehr“ gehört.

Isoliertes Anstaltsleben als Heilmittel

Medizinisch-physische Behandlung in der Illenau sei daher durch Ableitung von Krankheitsstoffen, Umpolen der Lebenskraft oder durch Zuführen von heilkräftigen Substanzen gekennzeichnet gewesen. Roller, so berichtete seinerzeit der Acherner Autor Wolfgang Winter über den Vortrag von Heinz Schott, „kombinierte in seiner Therapeutik die herrschenden Lehrmeinungen“, zog seine „eigene Quintessenz für die organisatorische und therapeutische Praxis“ und erklärte das isolierte Anstaltsleben selbst als Heilmittel. Günstig sei dazu auch die Entfernung zur Stadt Achern gewesen. Durch den Abstand sei ein „unabhängiges und unberührbares“ Leben in der „Isolierung“ möglich, die zur Heilung beitragen sollte.
Zu den Grundvoraussetzungen Illenauer Pflege und Therapie ist auch die architektonische Realisierung der Gedanken und Visionen Christian Rollers zu nennen. „Zwei klare Trennungsprinzipien kennzeichnen … Rollers Projekt aus dem Jahr 1831“, schreibt Kai Sammet in seinem Werk über „Irrenanstalten und deren Weiterentwicklungen in Deutschland“. Bezugnehmend auf Dieter Jetter führt Sammet „ein imaginäres Achsenkreuz, gebildet aus den Trennungslinien der Geschlechter und der Heilbarkeit“ als das zentrale bauliche Grundprinzip an.

„Illenauer Feste“

Der Acherner Historiker Gerhard Lötsch sieht das Illenauer Leben und die therapeutischen Methoden auch durch Arbeitsmöglichkeiten für die Patienten in der Landwirtschaft, in den vielen Werkstätten oder in der großen, reichen Bibliothek gekennzeichnet. Integraler Teil des Illenauer Lebens seien die vielgerühmten „Illenauer Feste“ gewesen. In der Musik hätten Christian Roller wie seine Frau Christiane ein besonderes Heilmittel für seelisch gestörte Menschen gesehen.
Nicht zuletzt ist diesem auch ein Denkmal gesetzt durch das Illenauer Liederbuch des Ehepaars Roller, das sich heute im Illenau-Museum befindet. Auch Namen wie Fidel Ehinger, Dirigent des mit Entstehung der Illenau gegründeten Gesangvereins „Liederkranz“ oder der spätere Illenau-Organist, Dirigent und Komponist, Julius Klump stehen für die hohe Wertschätzung der Musik und der Kultur.

Turnverein gegründet

Gerhard Lötsch führt weiter an, dass die Illenauer einen Turnverein gründeten und dass am Mühlbach ein Schwimmbad entstanden sei, das im Winter zu einer Schlittschuhbahn gefror.

Kirche als Mittelpunkt

Besonders hohen Wert habe Christian Roller in der Religionsausübung gesehen.  „Die Pflege der Religion ist als psychisches Heilmittel anzusehen und unterliegt in ihrer Anwendung denselben Bestimmungen, wie die übrigen psychischen Heilmittel“, ist bei Christian Roller zu lesen. „Die Kirche“, schreibt Gerhard Lötsch, „war nicht nur architektonisch das Herzstück der Anstalt. Von ihr sollten … Lebensströme auf die Arbeit ausgehen; beiden Konfessionen sollte sie Heimat bieten.“ Am 3. Januar 1843 schrieb Christian Roller an das evangelische Dekanat Rheinbischofsheim: „Die Kirche ist eine Simultankirche. Es sollte auch ihre Einweihung zur möglichst gleichen Zeit geschehen. Wir haben nur EINE Kirche, wir möchten für die Einweihung auch nur EINEN Tag, für die Anstalt nur EIN Fest haben. Wir können ihrer zwei nicht feiern.“
Am 15. April 1844 wurde Pfarrer Ernst Fink offiziell zum evangelischen Hausgeistlichen der Illenau bestellt. Bereits am 19. Februar 1843 hatte Fink den ersten evangelischen Gottesdienst in der Illenaukirche gefeiert, am 14. Juli 1844 feierten die Katholiken den ersten Gottesdienst in der Illenauer Kirche. Am 7. Mai berief das erzbischöfliche Ordinariat Freiburg Pfarrer Franz Xaver Klihr nach Illenau.

Menschenfreundliche Behandlung

Noch vor der Eröffnung der Eisenbahnlinie Baden-Baden-Offenburg am 1. Juni 1844 hatte die Heil- und Pflegeanstalt Illenau 370 Patienten und steigende Aufnahmegesuche.
„Die möglichst sorgfältige menschenfreundliche Behandlung der Kranken bildet die erste Pflicht aller Beamten und Offizianten der Anstalt. Die Anwendung von Beschränkung und Zwang soll … mit der thunlichsten Schonung und Heilighaltung der Menschenwürde stattfinden“, formuliert das am 14. Oktober 1843 genehmigte Statut der Heil- und Pflegeanstalt.

 

Hier geht’s zum Teil 1 der Serie