Viel Geduld müssen Patienten bei manchen Ärzten mitbringen. Wenn Peter Horvath in Offenburg mittwochvormittags seine Notfallsprechstunde anbietet, kommen bis zu 60 Menschen. Die Wartezeit für reguläre Termine ist teilweise extrem lang. | Foto: Patrick Pleul

Notfallsprechstunden in Offenburg

Ärztemangel sorgt für lange Wartezeiten

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Von Karen Reimold

Jeden Mittwochvormittag ist bei Hautarzt Peter Horvath in Offenburg das Wartezimmer voll. Seit zwei Jahren bietet er Patienten eine zusätzliche Notfallsprechstunde an. Der Facharzt reagiert damit auf ein aus seiner Sicht krankes Gesundheitssystem. „Zwischen 25 bis 60 Patienten kommen jede Woche in die Notfallsprechstunde“, sagt Horvath.

Bis zu 100 Terminanfragen täglich

Aufgrund der großen Nachfrage kann er sich nur um akute Hauterkrankungen kümmern, keine anbehandelten Fälle aufnehmen. Bis zu 100 Terminanfragen hat er Tag für Tag. Wenn er alle annehmen würde, wäre er für die kommenden drei Jahre ausgebucht, erklärt er. „Selbst meine eigenen Patienten müssen zwei Monate auf einen Termin bei mir warten“.

Überversorgung auf dem Papier

Horvath ärgert sich über diesen untragbaren Umstand, der seiner Meinung nach von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) geschaffen wurde. Das Problem betrifft auch andere seiner Kollegen. Dabei ist laut KV der Ortenaukreis an Hautärzten sogar mit zehn Prozent überversorgt. Das spiegelt zumindest der Verteilungsschlüssel wider, der den Landkreis damit auch für sich neu niederlassende Ärzte gesperrt hat.

Halbes Jahr Wartezeit

Doch wie kann es dann sein, dass Bürger gut ein halbes Jahr auf einen freien Termin warten müssen? „Die Schwäche der Systematik liegt darin, dass sich der Schlüssel auf das Einwohner-Arztsitzverhältnis bezieht und nicht darauf, wie viele Patienten ein Arzt tatsächlich behandeln kann“, erklärt Kai Sonntag von der KV Baden-Württemberg und gibt zu, dass es darüber sehr unterschiedliche Ansichten gebe. Die Politik hatte den Verteilungsschlüssel eingeführt, um Kosten im Gesundheitssystem zu sparen. „Es ging nicht darum, dass wir genug Ärzte haben“, stellt Sonntag offen klar.

Warnung vor Entfremdung

Peter Horvath warnt vor einer zunehmenden Entfremdung von Ärzten zu Kassenpatienten. „Im Quartal bekomme ich einmalig eine Grundpauschale von 13,82 Euro von einem gesetzlich Versicherten – egal, wie oft er in den drei Monaten dann noch kommt“, erklärt er. Das macht knapp 56 Euro im Jahr. „Ich kenne keinen Beruf, in dem es so eine Flatrate gibt“, klagt er.

Peter Horvath in seiner Arztpraxis.
Peter Horvath in seiner Arztpraxis. | Foto: Karen Reimold

 

Manchen Kollegen bleibe daher nur noch die Möglichkeit, die Patienten wie am Fließband zu behandeln. Diese Flatrate könne deshalb auch dazu führen, dass die Qualität sinke, warnt der Dermatologe. An seiner Notfallsprechstunde verdiene er quasi nichts: „Ich mache das gerne, aber ich bin am Anschlag.“

Botox deckt Kosten

Die Kosten in seiner Praxis kann Horvath nur dadurch decken, dass er sich schon seit langem spezialisiert hat und private Leistungen wie Laser- und Botoxbehandlungen anbietet. „Damit subventioniere ich die echte Medizin“, sagt der Hautarzt frustriert und wundert sich über die Fallpauschalen-Politik, welche die KV vorgebe. Die Versorgungszeit sei etwas, das nicht festgelegt werde, so der KV-Sprecher. Sonntag bestätigt, dass das Gesundheitssystem ein Problem habe, das noch niemand gelöst habe. Auf der einen Seite sage man dem gesetzlich Krankenversicherten, er könne so oft er will zum Doktor gehen, auf der anderen Seite gestehe man dem System aber nur bestimmte Ressourcen, also Geld und Ärzte, zu.

Komplexes Gesundheitssystem

„Beides ist nicht unter einen Hut zu bekommen und das System nimmt einen Klimmzug nach dem anderen, um den Deckel auf diesen Topf zu kriegen“, sagt Sonntag. Grundsätzlich versteht der KV-Sprecher das Problem der Patienten nur zugut, die einfach wissen wollen, warum es so wenig Hautärzte in ihrer Stadt gebe. Die Antwort aber scheint dabei nicht nur für die Bürger kompliziert zu sein. Denn auch Sonntag sagt: „Das Gesundheitssystem verstehen zu wollen, ist ein sehr optimistisches Vorhaben.“