Krankendes System: Auch in Offenburg hängen immer mehr Hausärzte ihren Kittel an den Nagel. Weil sich der Nachwuchs offenbar keine 60- bis 70-Stunden-Woche zumuten will, schauen manche Patienten mittlerweile in die Röhre. | Foto: Bernd Weissbrod

Weniger Hausärzte in Offenburg

Ärztemangel spitzt sich weiter zu

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Von Christine Storck
Der Gang zum Hausarzt wird in Offenburg schwieriger: Gleich drei alteingesessene Praxen schließen in den kommenden Wochen, Nachwuchs ist nicht in Sicht, es droht ein Ärztemangel. Die Kassenärztliche Vereinigung des Landes Baden-Württemberg (KVBW) will dennoch erst mal abwarten, wie die Lage sich entwickelt. „Aber wenn wirklich drei aufs Mal aufhören, gibt es Handlungsbedarf“, sagt KVBW-Sprecher Kai Sonntag.

Ärztemangel: Drei Einzelpraxen schließen demnächst

36 Hausärzte gibt es zurzeit in Offenburg, davon arbeiten 25 alleine und elf kooperativ in Gemeinschaftspraxen oder im Angestelltenverhältnis. Doch die Situation ändert sich. Gleich drei größere Einzelpraxen schließen demnächst aus Altersgründen. Einer der Ärzte ist Thomas Neuschütz, er hängt seinen Arztkittel nach 35 Jahren an den Nagel. Ende März ist für ihn Schluss. „Ich habe bisher keinen Nachfolger gefunden. Es gibt jeden Tag Tränen in der Praxis, wenn ich den Patienten ihre Unterlagen mitgebe“, berichtet er.

Die wollen keine 60- bis 70-Stunden-Woche

Ähnlich geht es offenbar auch seinen beiden Offenburger Kollegen, die sich gegenüber der Presse allerdings nicht äußern wollen. „Ich habe eine der größten Hausarztpraxen in Offenburg. Das wollen junge Kollegen nicht“, erklärt sich Thomas Neuschütz das Phänomen. Sie ziehe es in Gemeinschaftspraxen, weil sie denken, dass sich die Arbeit dort besser verteilt. Ein weiterer Punkt: 70 bis 80 Prozent des Ärzte-Nachwuchses sind Frauen. „Die wollen keine 60- bis 70-Stunden-Woche“, sagt Ulrich Geiger, niedergelassener Hausarzt und Vorsitzender der Kreisärzteschaft Ortenau.

Trend geht weg von der Einzelpraxis

Den Trend weg von der Einzelpraxis bemerkt auch die Kassenärztliche Vereinigung: Waren in Offenburg vor fünf Jahren noch 24 Prozent der Hausärzte kooperativ tätig, sind es heute bereits 31 Prozent, rechnet Kai Sonntag vor. Damit liege die Stadt zwar unter dem Landesschnitt, der zwischen 40 und 45 Prozent schwankt. Dafür sind die Ärzte hier mit rund 57,2 Jahren allerdings etwas älter als im Rest Baden-Württembergs (55,8 Jahre).

Die Situation wird sich verschärfen

In Zukunft werden es Patienten in Offenburg, aber auch anderswo, bei der Hausarztsuche schwerer haben. „Die Situation wird sich verschärfen“, schätzt Sonntag. Und das, obwohl die Zahl der Ausbildungen im Bereich der Allgemeinmedizin zugenommen habe. Doch neue Ärzte nehmen weniger Patienten an als diejenigen, die aufhören. Um das Level zu halten, müssten drei Einsteiger zwei Ausscheidende ersetzen.
In den kommenden fünf bis zehn Jahren werden in Baden-Württemberg rund zehn Prozent der Arztpraxen – rund 500 – ohne Nachfolger bleiben. Geht die Zahl der Hausärzte insgesamt zurück, bleibe auch Offenburg nicht außen vor. „Welche Praxen das wann sind, wissen wir natürlich nicht“, so Sonntag.

Bedarfsplanung aus Arzt-Einwohnerverhältnis abgeleitet

Im Großraum Offenburg, zu dem die die KVBW auch Achern, Kehl, Lahr, Haslach, Hausach und Wolfach zählt, sei die Versorgungslage „gut“. Das belegen laut Sonntag aktuelle Zahlen von Ende 2016. Rein rechnerisch existierten zu diesem Zeitpunkt mehr Hausärzte als notwendig wären. Die Bedarfsplanung werde aus dem Arzt-Einwohnerverhältnis abgeleitet. „Ob die Zahlen die Versorgungsqualität widerspiegeln und die Bevölkerung das auch so sieht, ist eine andere Frage“, kommentiert der KVBW-Sprecher.

Neu-Patienten bekommen oft keine Termine

Hören im Frühjahr allein in Offenburg drei Ärzte auf, dürfte sich die Situation nicht nur statistisch deutlich verschlechtern. Oft bekommen Neu-Patienten keine Termine mehr. „Wir können viele Anfragen nicht kompensieren“, bestätigt Ulrich Geiger. Richtig schwer hätten es Pflegeheim-Bewohner, die nicht in der Lage sind, aktiv zu suchen. Zugezogenen rät er, verschiedene Eisen im Feuer zu haben und immer wieder vorzusprechen.

Kreisärzteschaft will Weiterbildungsnetzwerk stärken

Um die Situation zu entschärfen, will die Kreisärzteschaft das Weiterbildungsnetzwerk stärken und bei jungen Ärzten im Krankenhaus mit den Vorzügen der ambulanten Medizin, zum Beispiel die flexiblere Zeiteinteilung, werben. Gleichzeitig müsse aber auch die Patientensteuerung effektiver werden. „Die wirklich Kranken brauchen die Termine“, so Geiger.