Aus der Ferne soll das Dach des 780 Millionen Euro teuren Bauwerks je nach Lichtverhältnis wie Wasser schimmern. Ingenieurskunst aus Sasbach macht dies möglich. | Foto: pr

Ingenieurskunst aus Sasbach

Aluminiumkreise auf der Elbphilharmonie

Auf der Hamburger Elbphilharmonie, die am Mittwoch, 11. Januar, ihre Pforten öffnet, sitzt viel Ingenieurskunst aus Sasbach. Die Firma Wittenauer hat die 7000 Quadratmeter große Dachsilhouette des neuen Hamburger Bauwerks gefertigt. Charakteristisch an der Konstruktion sind 6000 runde und auf den Dachfirsten teils geknickte Pailletten aus Aluminium, die aus der Ferne wie Wasser schimmern sollen. Sie werden anhand einer von Wittenauer ebenfalls konzipierten und angefertigten Unterkonstruktion aus Edelstahlstreben getragen, die sich auf dichtem Wellblech und Stahlträgern befindet.

Wellenförmiges Dach mit 32 Meter Höhenunterschied

„Die besondere Herausforderung bei dem Projekt war die Topografie der Dachfläche“, erzählt Klaus Storz, Projektplaner der Wittenauer GmbH. Denn das Dach des Konzerthauses setzt sich aus acht sphärischen und konkav gekrümmten Flächen zusammen. „Die Linienführung ist einzigartig“, so Storz. Mitunter ragen einige Flächen steil nach oben. Mit bis zu 32 Meter Höhenunterschied wartet das wellenförmige Dach auf. „Die kleinen Löcher in den Pailletten lassen Wind sowie Rauch im Brandfall durch“, meint Storz. Zudem machen sie das Dach trittfest. Um Rost aufzuhalten, sind die Teile mit einem besonderen Lack veredelt. So halten sie nach Herstellerangaben der Hamburger Witterung bis zu 30 Jahre stand.

Das Dach der Hamburger Elbphilharmonie mit Ingenieurskunst aus Sasbach.

Mehr als 90000 Einzelteile „made in Sasbach“

Für Storz sei die Elbphilharmonie von der Architektur und der Leistung der beteiligten Handwerker das qualitativ hochwertigste Bauprojekt, das er in seiner 45-jährigen Ingenieurslaufbahn begleitet habe. Am Computer erstellte Storz mit seinem Team für jedes Bauteil ein individuelles dreidimensionales Modell. Die verschiedenen Elemente, mehr als 90000 Einzelteile fertigten etwa 40 Mitarbeiter von Wittenauer in Sasbach auf 1300 Quadratmeter Produktionsfläche. „Eine Spedition brachte die Teile zur Großbaustelle nach Hamburg“, schildert Storz.

Weitere Firmen aus der Ortenau beteiligt

Auch weitere Firmen aus der Region holte die Wittenauer GmbH bei dem Großprojekt für das Dach der Elbphilharmonie mit ins Boot. So zum Beispiel ein Verglaser für die Dachfenster und Zulieferer für Gummi- und Metallteile. „Fast das gesamte Sasbacher Industriegebiet war mit beschäftigt“, ergänzt Firmeninhaber Roman Wittenauer.

Um die Pailletten auf das Dach zu montieren, müssen Industriekletterer einen steilen Aufstieg überwinden.
Um die Pailletten auf das Dach zu montieren, müssen Industriekletterer einen steilen Aufstieg überwinden. | Foto: pr

Elbphilharmonie: Baustopp und verworfene Planungen

Die Konstruktion der Dachfassade lief für die Sasbacher Firma nicht immer reibungslos. Zunächst kam ein Stahlproduzent in Lieferschwierigkeiten. Dann folgte der lange Baustopp von Ende 2012 bis Frühjahr 2014. Der Grund: Angesichts steigender Kosten gerieten die Stadt Hamburg als Bauherrin und das beauftragte Bauunternehmen Hochtief in Streit. Ein weiterer Knackpunkt war die Sicherungskonstruktion am Dachrand, an dieser sich Fensterputzer abseilen können. Die Behörden verlangten ein Geländer, das die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron aus ästhetischen Gründen ablehnten. In der Zwischenzeit planten die Ingenieure von Wittenauer eine klappbare Geländerkonstruktion. „Wegen der besonderen Geometrie brauchte das Geländer verschiedene Einzelteile, da sich die Form beim ein- und aufklappen verändern würde“, erklärt Storz. Der Bauherrin waren die Kosten zu hoch, die Idee wurde letztlich verworfen. Die Lösung: eine unauffällige Leistenkonstruktion.

Sechs Jahre Bauzeit

Letztlich summierte sich die Bauzeit von geplanten zwei auf sechs Jahre. „Als im Oktober 2009 alles begann, waren die Komplikationen noch nicht vorherzusehen“, so Firmenchef Wittenauer. Im Oktober 2015 war für die Sasbacher das Abenteuer Elbphilharmonie fast vorüber. Vergangenes Jahr folgte der „letzte Feinschliff“.

Hier ein Einblick in die Elbphilharmonie:

Die Sasbacher Firma Wittenauer ist ein auf außergewöhnliche Fassaden- und Dachkonstruktionen spezialisiertes Unternehmen. Es war bereits an verschiedenen größeren Bauprojekten beteiligt. So entwarfen und bauten Mitarbeiter der Sasbacher Firma die Fassade des Medienparks in Offenburg und des Lufthansa Aviation Centers in Frankfurt. Auch im Windkanal-Gebäude von BMW in München steckt Expertise aus Sasbach „Da wurde Hochtief auf uns aufmerksam“, erinnert sich Projektleiter Klaus Storz. So sei letztlich der Auftrag zur Dachkonstruktion der Elbphilharmonie zustande gekommen. Das Unternehmen beschäftigt über 50 Mitarbeiter. Die Produktionsfläche beträgt 1 300 Quadratmeter.

Auch eine Firma aus Bretten war am Bau der Elbphilharmonie beteiligt: