Kopie der Eugenie
Soll das Interesse der Wissenschaft an der Illenau wecken: Florian Hofmeister (links) und Christian Gospos mit Skulptur und Kopie der Eugenie. | Foto: Michael Karle

„Eugenie“-Kopie in Berlin

Attraktive Botschafterin aus Achern

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Eugenie Gaetschenberger, jung verstorbenes Kind eines Patienten der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Illenau und auf dem Illenau-Friedhof durch eine engelhaft anmutende Skulptur schon zur Berühmtheit geworden, reist in ärztlicher Begleitung nach Berlin. Der Acherner Mediziner Christian Gospos, Vorstandsmitglied im Förderkreis Forum Illenau, wird eine Kopie der Skulptur als Ausstellungsgegenstand im 3-D-Format zur Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde bringen.

Ausstellung mit Acherner Beteiligung

Der Kongress, der von heute an bis zum 1. Dezember im Berliner Messegelände stattfindet, ist mit 9 000 Teilnehmern und 1 500 Referenten so etwas wie das europaweite „Spitzentreffen“ in Sachen seelischer Gesundheit.
„Die Ausstellung ,Verortungen der Seele: Psychiatriemuseen in Österreich, der Schweiz und Deutschland’ begleitet diesen Kongress“, erklärt Christian Gospos. Über den Arbeitskreis „Psychiatriegeschichte“ des Landes Baden-Württemberg, der sein Jahrestreffen 2014 in der Illenau abgehalten hatte, kam die Einladung zur Teilnahme an der Berliner Ausstellung nach Achern.

Eugenie als Botschafterin

Im Förderkreis „Forum Illenau“ entschied man sich für „Eugenie“ als attraktive Botschafterin. Immerhin hat die Figur der Eugenie auf dem Illenau-Friedhof viele Menschen schon angesprochen, als die Illenau tatsächlich noch im Dornröschenschlaf war. Ihr werden immer noch Rosen gebracht. Angesprochen hat die kunstvoll gearbeitete Skulptur aber auch schon Anhänger okkulter Praktiken, die von ihren „glühenden Augen“ berichten.

Skulptur soll Interesse wecken

Winfried Hoggenmüller ist wie Christian Gospos und der Förderkreisvorsitzende Florian Hofmeister überzeugt, dass ihre „Eugenie“ auch unter Wissenschaftlern Interesse wecken wird, mehr über die Illenau und ihren der Humanität verpflichteten Behandlungsansatz zu erfahren. Natürlich gehört auch der unsägliche „Riss“ des Nationalsozialismus zu dem, was in Achern erforscht werden kann, ebenso die Architektur des badischen Baumeisters Hans Voss. In beiderlei Hinsicht ist das Acherner Museum eine gute Adresse.

Geschichtliche Verbindung zwischen der Illenau und Berlin

Dass „Eugenie“ in Berlin nun Botschafterin eines Ortes der seelischen Gesundheit ist, lässt eine geschichtlich interessante Verbindung zwischen der Illenau und Berlin deutlich werden. 1842, im selben Jahr, in dem die Illenau unter Direktor Christian Roller startete, gründete Wilhelm Griesinger zusammen mit anderen die heute DGPPN genannte Fachgesellschaft deutscher Irrenärzte. 1844 erschien die erste Ausgabe der „Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch-gerichtliche Medizin“ unter der Redaktion von Heinrich Damerow, Carl Friedrich Fleming (Schwerin) und Christian Friedrich Wilhelm Roller (Achern). Sie verstanden sich als „Gesellschaft von deutschen Psychiatern“.

Meinungen gehen auseinander

Nach diesen frühen Beziehungen verfolgten Roller und Griesinger später sehr unterschiedliche Wege. Sprach sich Christian Roller bis zu seinem Tod im Jahr 1878 für die Anstalt und gegen die Universität als Ort für seelisch Kranke aus, so favorisierte Wilhelm Griesinger eine naturwissenschaftlich begründete, in Stadtkrankenhäuser mit der somatischen Medizin integrierte psychiatrische Klinik. Gegen Ende seines Lebens war Griesinger Professor an der Berliner Charité und dort zugleich Direktor der psychiatrischen Klinik. „Seelische Krankheit ist eine vielfach heilbare Erkrankung des Gemüts“, hätte Christian Roller gesagt, „sie ist eine Erkrankung des Gehirns, hätte wohl Wilhelm Griesinger gesagt“, fasst Winfried Hoggenmüller zusammen.

Eugenie starb bei einem Unfall

Zwischen den Sterbedaten der beiden großen deutschen Psychiater liegen Geburts- und Todestag von Eugenie Gaetschenberger. Ihr Tod mit neun Jahren geht, wie Acherns Stadtarchivarin Andrea Rumpf erforschen konnte, auf einen Unfall in der Heilig-Grab-Schule in Baden-Baden zurück. Das neunjährige Mädchen hatte seinerzeit auf einem Stuhl gezappelt und fiel unglücklich herunter. Die Skulptur wurde hinterher von ihrer Mutter in Auftrag gegeben.

Michael Karle