Karl Blessig lebte einst als „Pensionist“ in der Illenau. | Foto: Stadtarchiv Achern

Patienten in der Illenau

Aus dem russischen Reich nach Achern

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Der Erfolg der Heil- und Pflegeanstalt Illenau zeigt sich auch darin, dass Reiche und „Pensionäre“ in den ersten Jahrzehnten an Zahl deutlich zunahmen.

Versetzung nach Pforzheim erspart

Wolfgang Gerke stellt in seiner Arbeit über „Die Reformanstalt Illenau und ihre Bedeutung für die badische Irrenfürsorge in der Ära Roller“ fest: „Es kam … zu einer immer deutlicheren Akkumulation von wohlhabenden Patientinnen und Patienten aus höheren, bürgerlichen Ständen.“ Konkret sei die Zahl der „vermöglichen“ Patientinnen und Patienten bis 1865 kontinuierlich von 60 auf 257 gestiegen. Die Zahl der „Unvermöglichen“ sei im Gegenzug zurückgegangen. Den Vermögenden, so zeigt Gerke, sei die Versetzung in das Irrenhaus in Pforzheim, das im Gegensatz zur therapeutisch ambitionierten, verbundenen Heil- und Pflegeanstalt Illenau eher als „Verwahranstalt“ galt, durchweg erspart geblieben. Die Versetzung von Patienten nach Pforzheim, wo das Land das Siechenhaus, in dem einst Rollers Vater Direktor war, in den 1860er Jahren mit deutlich weniger Aufwand wie einst in Achern zur zweiten „Heil- und Pflegeanstalt“ Badens gemacht hatte, brachte der Illenau die Möglichkeit, alljährlich wieder genügend neue und möglichst heilbare, also noch nicht lange Erkrankte aufzunehmen.

Unterschiedliche Behandlung

Wolfgang Gerke gibt auch Hinweise auf unterschiedliche Behandlung der Kranken unterschiedlicher Stände aus einer Illenauer Beschreibung heraus. „(Nach dem Frühstück) … begeben sich die Arbeitsfähigen an ihre Arbeit … Andere körperlich gesunde aus der niederen Klasse, gehen in den Holzkeller und werden mit Sägen und Spalten des Holzes für die Anstalt beschäftigt … Kranke höherer Stände beschäftigen sich mit Lectüre, Zeitunglesen und halten sich theils in ihren hinlänglich bequem eingerichteten Zimmern, theils in den Speise- und Versammlungssälen auf …“

Ein voller Erfolg

Dass „Rollers auf die höheren Stände ausgerichtete Politik“ aus ökonomischer Warte „ein voller Erfolg“ gewesen sei, zeige die wirtschaftliche Bilanz der ersten 20 Jahre. Die Staatszuschüsse zum Betrieb der Illenau konnten zurückgefahren werden. Dies sei vorwiegend dem Anstieg vermögender „Pensionäre“ zu verdanken. Christian Roller schreibt: „Zur Zeit noch hält man es für kein Unglück, dass die wohlhabenden Kranken an den grossen Kosten für die Armen tragen helfen, dass die höheren Stände aus dem In- wie aus dem Auslande mit ungetheiltem Vertrauen der öffentlichen Anstalt sich zuwenden und dass nirgendwo im Lande eine Privatanstalt aufkommen kann.“

„Petersburger Verbindungen der Illenau“

Von den „Pensionären“, die „vermöglich“ waren, lassen sich zwei als „Petersburger Verbindungen der Illenau“ zusammenfassen. Karl Blessig, Jahrgang 1814 und in der Region als Ökonom und vermögender Pächter einer großen Jagd bekannt, verbrachte ebenso Jahre in der Illenau wie die Fürstin Bariatinsky, Gattin des Fürsten Alexander Iwanowitsch Bariatinsky, der bis 1861 ein enger Vertrauter und General des Zaren Alexander II. gewesen war.

Aus St. Petersburg ins Lindenhaus

Karl Blessig war der Sohn von Philipp Jacob Blessig, der 1752 in Straßburg geboren und im russischen Reich der Zarin Katharina II. ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann war.  Über den aus Reval (Tallinn) stammenden und im Sasbacher Lindenhaus lebenden Lewis von Harder, Ehemann der Sofie von Harder, zu dem er verwandtschaftliche Beziehungen hatte, kam Karl Blessig im November 1847 im Zusammenhang einer akuten Lebenskrise in die Illenau. Drei Jahre später wurde Blessig als geheilt entlassen. Unter anderem arbeitete Karl Blessig in seinen Illenauer Jahren an einer Sammlung italienischer Volkslieder und soll als geizig gegolten haben. Im Laufe dieser Jahre entdeckte Blessig dann wohl auch die Freude am Jagen, die zu einer echten Leidenschaft wurde.

Liegenschaftserwerb in Gamshurst

Für das Jahr 1851 sei dokumentiert, dass Blessig „um Staatserlaubnis zum Liegenschaftserwerb auf der Gemarkung von Gamshurst“ gebeten habe. 15 Jahre später erwarb Karl Blessig das Haus Hauptstraße 4 in Achern neben dem Gasthaus „Lamm“ aus dem Erbe des Freiherrn von Neuenstein.

1.000 Tiere pro Jahr erlegt

In der „Geschichte der Blessig-Familie“ findet sich der Hinweis, dass Karl Blessig während der 30 Jahre in Achern vor allem in Gamshurst aktiv war, wo er Ländereien besaß, wohl auch literarisch tätig war und in seiner Freizeit ganz besonders der Jagd gefrönt habe. „Seine Jahresstrecke betrug über viele Jahre hinweg durchschnittlich um die 1 000 Tiere.“ Zudem habe sich der „Ökonom in Gamshurst“ auch als „Geschworener“ ehrenamtlich in der Gemeinde engagiert. 1877, so ist bei Johannes Mühlan zu lesen, verkaufte Karl Blessig sein Haus an der Acherner Hauptstraße an die Stadt, die es für die Einrichtung der geplanten „Höheren Bürgerschule“ erwarb. Ein Jahr zuvor schon hatte Blessig seinen „Russischen Hof“ in Gamshurst, heute Gasthaus „Pflug“, verkauft.

1877 verkaufte Karl Blessig sein Haus an der Acherner Hauptstraße an die Stadt zur Einrichtung der „Höheren Bürgerschule“. Das der Weinbrenner-Schule zugeschriebene Gebäude steht mittlerweile unter Denkmalschutz. | Foto: Stadtarchiv Achern/Max Pache

Danach lebte Blessig in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau als „Pensionist“. In der Familiengeschichte heißt es dazu: „Karl Blessig starb im Dezember 1881 durch einen Herzanfall während der Jagd in einem Wald nahe Gamshurst … Er war 67 Jahre und unverheiratet. Sein Grab auf dem Illenauer Friedhof ist bis heute erhalten.“ Grundstücke mit allein 34 „Lagerbuch“-Nummern wurden aus dem Nachlass Karl Blessigs im Februar 1882 durch Gamshursts Bürgermeister Renner meistbietend versteigert.