In der „Galerie hervorragender Ärzte und Naturforscher“ fand sich auch Illenau-Gründer Christian Roller (untere Reihe Vierter von links). Mit im Bild sind die Mediziner Dick, Zeller, Gudden, Laehr und Stimmel (oben, von links) sowie Danerow, Kern und Martini sowie Flemming und Müller (unten). | Foto: Werner-Zeller-Stiftung

Illenau-Gründer Roller

Aus ethischen Gründen kein akademischer Unterricht

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau.

Von Michael Karle

Im Mittelpunkt der Heil- und Pflegeanstalt Illenau standen heilbare Patienten und „Pfleglinge“. Für den Gründer der Anstalt, Christian Roller, sowie für Mitarbeiter und Fachkollegen war auch die psychiatrische Lehre ein hohes Anliegen.

Vorlagen vielfach kopiert

Mit der Heil- und Pflegeanstalt Illenau hat Christian Roller eine „Pflanzschule der Psychiatrie“ gegründet, „der an universeller Bedeutung und Wirksamkeit kein anderes der damals bestehenden Institute gleichkam“ schreibt Max Fischer, Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch in einer eher idealisierenden Würdigung. Der vormalige Illenauer Oberarzt (1902 bis 1904) war 1989 erstmals in die Illenau gekommen, wechselte 1894 an die Heil- und Pflegeanstalt in Emmendingen, kam 1898 zurück und wurde 1900 in der Illenau zum Anstaltsarzt bestellt. 1904 erhielt Max Fischer die Berufung als Direktor nach Wiesloch. Fischer erläutert, dass die Vorlagen der Illenau in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens vielfach kopiert wurden. „Das „badische Statut im Aufnahme- und Entlassungswesen, die Illenauer Hausordnung, die Dienstanweisungen usw. wurden die Vorbilder – für viele ähnliche Verordnungen – anderer Länder.“

Kosmopolitische Neuerung

Ob Christian Rollers Schöpfung jedoch, wie Max Fischer schreibt, „eine einzig dastehende Großtat, nicht nur für die Heilwissenschaft im allgemeinen und für die Seelenkunde im besonderen, sondern weit darüber hinaus für die ganze Kulturwelt – eine kosmopolitische Neuerung ohne Vorbild“ war, darf bestritten werden. In seinem Grundlagewerk von 1831 „Über die Irrenanstalt in allen ihren Beziehungen“ hat sich Roller durchaus mit Vorbildern beschäftigt. Köstlin und Zeller waren ihm mit Winnenthal vorangegangen und schließlich ist auch Flemmings Klinik mit dem Wechsel von zwei- und dreistöckigen Bauten ein Vorbild. Hingegen, so räumt Max Fischer ein, habe sich Roller mit „der Bewegung zugunsten der Universitätskliniken, die gegen Ende seines Lebens an Boden gewann – nicht befreunden (können). Er war der Überzeugung, dass man das ohnehin immer umfangreicher werdende Studium der Medizin nicht auch noch mit der schwierigen Materie der Psychiatrie belasten sollte.“

Irrenanstalt keine Ausbildungsstätte

Zur Frage von universitärer und sogenannter „Anstalts-Psychiatrie“ entwickelte Christian Roller schon in seinen Heidelberger Zeiten eine klare Haltung. Aus ethischen Gründen entschied sich Christian Roller gegen den akademischen Unterricht. „Eine Irrenanstalt darf nie als Klinikum (Ausbildungsstätte) benützt werden.“ Die Demonstration von Kranken vor Studenten sei verletzend. Roller bevorzugte das französische Schema, „nach dem erst der „élève intern“ in die Psychiatrie eingeführt werden soll, nicht der Student“ (Martin Schrenk). In Frankreich war ein solcher Eleve ein „Gehülfe in klinischen Instituten, welcher an der praktischen Versorgung der Kranken teilnimmt im Gegensatz zum Externist – der mehr als Zuhörer, Auscultant sie besucht“ (Universallexikon, 1843).  Durch den Ausschluss der Studenten sei Roller „ohne es vielleicht zu wollen – zum Wegbereiter einer Entwicklung (geworden), die auf die Zweiteilung zwischen Anstalts- und Universitätspsychiatrie hinauslief –“, ist bei den Illenauer Stiftungen kritisch angemerkt.

„Hochschule für Irrenheilkunde“

Gleichwohl besuchte eine „Vielzahl von jungen Ärzten die Illenauer Anstalt, um sich psychiatrisch zu bilden“, beschreibt Katharina Banzhaf in einer Dissertation von 2014. „Roller hatte beim badischen Ministerium bewirkt, dass bereits ab 1851 eine dreimonatige assistenzärztliche Arbeitszeit in einer psychiatrischen Anstalt zur bevorzugten Behandlung bei einer Bewerbung auf eine sogenannte Physikatsstelle (Kreisarzt-Stelle, Anmerkung) führte. Der Psychiater Melchior Josef Bandorf (1845 bis 1901) bezeichnete die Illenauer Anstalt sogar als „Hochschule für Irrenheilkunde“. Und so formulierte Heinz Faulstich in seinem Festvortrag zum 150. Jubiläumsjahr der Illenau 1992 im Acherner Bürgersaal: „Für fast zwei Jahrzehnte wurde Roller der Lehrer der Irrenärzte der Welt – das Monopol zu lehren besaß de facto Roller allein.“

Intensiver Einsatz

Der intensive Einsatz Christian Rollers für die Entwicklung der Psychiatrie und übergreifende fachliche Zusammenarbeit zeigte sich auch darin, dass er gemeinsam mit Heinrich Damerow (Halle) und Carl Friedrich Flemming (Sachsenberg bei Schwerin) im Jahr 1844 als „erstes allgemeines Organ für unsere Wissenschaft – die „Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie“ ins Leben“ rief. In ihr hätten sich „sämtliche (Anstalts-) Direktoren von Ländern deutscher Zunge“ vereinigt, war 1842 in einer Subskriptionseinladung zu lesen. Dirk Blasius nennt diese Zeitschrift „das „erste stabile Fachorgan“ der deutschen Psychiatrie. „Die Anstalten bildeten (im 19. Jahrhundert, Anmerkung) den Erfahrungsraum, in dem sich der Konstitutionsprozess der Psychiatrie als Wissenschaft vollzog“, schreibt der Historiker Dirk Blasius im Jahr 1994. Bereits im zweiten Heft der ersten Ausgabe beschreibt Roller 1844 die Illenau unter den Überschriften „Verlegung der Irrenanstalt von Heidelberg nach Achern, Notizen aus der Illenau im ersten Jahr sowie das Statut der Anstalt mit Bemerkungen.“

Engagement mit Leidenschaft

Heinrich Damerow war, wie Christian Roller für Illenau, leidenschaftlich für den Aufbau der Irren-, Heil- und Pfleganstalt Nietleben bei Halle engagiert, deren Leiter er 1844 wurde. Der Vorreiter der Psychiatrie in Sachsen initiierte zusammen mit Roller und Flemming in einem Aufruf „Pro Memoria an Deutschlands Irrenärzte“ 1842 den „Verein der deutschen Irrenärzte“ aus dem später die „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde“, die heute zweitälteste psychiatrische Fachgesellschaft der Welt, wurde.

Verein gegründet

1867, so ein weiteres markantes Datum der Zusammenarbeit des Illenauer „Netzwerkers“, gründete Christian Roller in Karlsruhe den „Verein südwestdeutscher Irrenärzte“. Schon nach seiner programmatischen Schrift von 1831 war Roller die Ehrendoktorwürde der medizinischen Fakultät Heidelbergs zuerkannt worden. In seinem Buch „Psychiatrische Zeitfragen“ behandelte Roller 1874 die bedeutendsten „Controversen auf dem Gebiet der Irrenfürsorge“, schreibt Melchior Josef Bandorf zur Rolle und Bedeutung Rollers in der Wissenschaft. Als Christian Roller am 4. Januar 1877 sein 50. Amtsjubiläum feierte, wurde ihm der 33. Band der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie gewidmet.

Standort-Vorschlag kam von Roller

Der Beginn einer akademischen Psychiatrie in Heidelberg mit der Gründung eines Lehrstuhls und der Eröffnung einer Klinik erfolgte erst 1878, im Todesjahr Christian Rollers. Mit ihr war auch die 50 Jahre währende, auch durch Roller getragene Epoche der Dominanz der Anstaltspsychiatrie beendet. Die „Universitäts-Psychiater“ um Wilhelm Griesinger entwickelten eine mehr naturwissenschaftlich und klinisch-empirisch fundierte Psychiatrie. Ebenfalls im Jahr 1878 wurde in Baden die Entscheidung getroffen, eine psychiatrische Klinik in Emmendingen aufzubauen. Den Vorschlag für den Standort nahe der Universitätsstadt Freiburg hatte Christian Roller gemacht.