Neue Technik im Weinberg: Jerome Ragueneau bei der Arbeit, beobachtet von Jungwinzer Louis Wilhelm, der den Beruf des Obstgärtners erlernt und die Rebveredelung der anderen Art interessiert verfolgt. | Foto: Roland Spether

In den Mösbacher Reben

Aus „rot“ mach „weiß“

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Von Roland Spether

Es klingt wie ein Wunder der Natur: Aus Rebstöcken für Rotwein werden in Mösbach innerhalb eines Jahres Rebstöcke für Weißwein. Die Lösung des Geheimnisses heißt „T-Budding“ und „Chip-Budding“. Die Methode stammt ursprünglich aus Amerika, und es handelt sich hierbei um eine etwas andere Art der „Augenveredelung“ von roten Trauben zu weißen Trauben.

Ein scharfes Messer, ein gutes Auge und viel Erfahrung sind nötig, um die Chips mit den Augen des Edelreisers zuzuschneiden. | Foto: Roland Spether

Noch nicht so geläufig

„Diese Methode ist hier bei uns noch nicht so geläufig“, sagt Winzer Stefan Wilhelm, der diese Veredelung direkt am Standort der Rebstöcke von den Mitarbeitern einer Fachfirma aus Südfrankreich („Worldwide Vineyards“) vornehmen ließ. Denn dazu bedarf es Experten in Sachen „Pfropfen“, da diese Methode mit Schnitten in das grüne Holz einer Operation am offenen Herzen gleichkommt und dazu viel Erfahrung erforderlich ist. Hierzu reiste die „Company“ von Jerome Ragueneau, die von Portugal über Italien bis nach Deutschland tätig ist, auch in die Rebanlage von Stefan Wilhelm im Lochhof und setzte mit fachkundigen Schnitten den Startschuss für die dann folgende natürliche Standortveredelung von Rot auf Weiß.

Weniger Aufwand

„Der Vorteil für uns besteht darin, dass wir nicht die Rebstöcke mit viel Aufwand entfernen und neue setzen müssen“, so Stefan Wilhelm, der seinen Betrieb mit Wein- und Obstbau im Vollerwerb führt. Der Grund für diese Form der Veredelung liege zum einen darin, dass auch bei der Ernte der Trauben zunehmend Maschinen eingesetzt werden, was vor allem seinen Grund in den gestiegenen Lohnkosten habe. Der Maschineneinsatz sei aber nur sinnvoll, wenn die Reihe von unten bis oben aus einer Rebsorte bestehe.

Mit Folie werden die eingesetzten Augen gesichert. | Foto: Roland Spether

Zu viel Rotwein auf dem Markt

Ein weiterer Grund liegt für den Winzer aus dem Kirschendorf darin, dass zu viel Rotwein auf dem Markt ist und dieser auch nicht mehr so nachgefragt werde, wie dies vor Jahren der Fall war. Deshalb wollte er in seinem Betrieb den Anteil des Rotweines reduzieren und mehr Weißwein produzieren, um damit auch eine bessere wirtschaftliche Grundlage zu haben. Wenn die Rebstöcke etwa 20 oder 25 Jahre alt seien, ergebe es keinen Sinn mehr, diese direkt am Stock zu veredeln. Dann würde man sie entfernen und neue setzen. Die jetzt veredelten Stöcken wurden erst 2003 gesetzt und deshalb werden sie noch einige Jahre einen guten Ertrag bringen, berichtet Stefan Wilhelm. Ein weiterer Grund, diese Form der Veredelung vorzunehmen, lag in den Frostschäden dieses Frühjahres, die einen deutlich geringeren Ertrag als in normalen Jahren zur Folge haben werden. Deshalb sei der Ausfall, der durch den Frost und das Veredeln entstehe, eher verkraftbar, zumal im Jahr darauf schon wieder mit einer Ernte gerechnet werden könne. Bei einer Neupflanzung von Reben hingegen sei eine Vollernte erst drei Jahre später möglich. Deshalb entschied er sich für das „Chip-Budding“ der Fachfirma, deren Mitarbeiter mit Expertenblick die richtige Stelle für den „Goldenen Schnitt“ und das Einpfropfen der Weißweinrebe aussuchten und einen Stock nach dem anderen umwandelten.

Die Ruten von Weißweinstöcken („Edelreiser“) hat Stefan Wilhelm im Winter in seinem Weinberg geschnitten und bei entsprechender Kühlung gelagert, bis nun mit warmen Temperaturen und langen Tagen der optimale Zeitpunkt für die Veredelung kam. Für diese bedarf es den fachmännischen Blick, ein scharfes Winzermesser und ein Folienband, um die sogenannten „Augen“ der „Edelreiser“ (Triebknospen) mit der Unterlage zu verbinden und gut einzupacken. Zuvor wird durch einen T-Schnitt die innere, intakte Rinde am Rebstock vorsichtig aufgeschnitten. Hier wurde dann das vorbereitete „Auge“ eingesetzt, leicht angedrückt und anschließend mit einem Band umwickelt. Danach erfolgt unterhalb des eingesetzten „Auges“ eine Einkerbung in die Rinde, um die Saugkraft der Rebe etwas zu unterbinden und den Saftstrom des neuen „Auges“ zu gewährleisten. Aus diesem entwickelt sich schon wenige Tage später der Trieb, an dem sich dann 2018 die ersten weißen Trauben wachsen sollen. Sollte sich die Marktlage in absehbarer Zeit wieder zugunsten von Rotwein verändern, kann mit einem Stammaustrieb ohne ein Verlustjahr wieder auf Rotwein umgestellt werden. esp