Optimale Bedingungen für die Eisweinlese hatten die Kappelrodecker Winzerinnen und Winzer. | Foto: Berthold Gallinat

Eiswein geerntet

Bei klirrender Kälte unterwegs im Weinberg

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Von Berthold Gallinat
Noch ist es dunkel und die Temperaturen liegen bei minus zehn bis minus zwölf Grad. Im Hof des Winzerkellers Hex vom Dasenstein in Kappelrodeck stehen dick vermummte Männer und Frauen und schützen sich gegen die winterliche Kälte. Was treibt sie an einem bitterkalten Wintermorgen aus dem Bett? Rund vierzig Winzerinnen und Winzer beteiligten sich an der letzten Lese des Weinjahres 2016: In den Reben im „Hofackerteich“ und im „Steinebach“ wurde der Eiswein in den Winzerkeller geholt. Die Temperaturen waren ideal für die Lese der letzten Riesling- und Spätburgundertrauben, mindestens minus sieben Grad Celsius benötigt es bekanntlich, damit Eisweintrauben gelesen werden können.

Unter den Füßen knirscht der trockene Schnee

Kurz vor acht Uhr geht es los. Nach kurzer Fahrt ist man am Ort, die Traubenwannen werden ausgeladen, die Rebscheren in die Hand genommen. Unter den Füßen knirscht der trockene Schnee, als sich die Winzerinnen und Winzer aufmachen in die Rebzeilen. Auch Bürgermeister Stefan Hattenbach ist mit von der Partie. Es ist seine erste Eisweinlese, denn die letzte Eisweinlese gab es 2008 in Kappelrodeck, das war vor seiner Wahl zum Bürgermeister.

Meisterstück

Eiswein kann nicht jedes Jahr gelesen werden, daher ist eine Eisweinlese für Winzer immer spannend. Die Entscheidung für Eiswein ist in gewissem Sinn ein Pokerspiel, wenn im Herbst absolut gesunde und hochwertige Trauben in ausgewählten Rebstücken in Folie verpackt hängen bleiben. Die Folie muss sein, sonst fänden sich sicher bald schon ungebetene Gäste wie Vögel, Rehe und Wildschweine, die sich mit Genuss an den süßen Früchten laben würden. Trotzdem reizt es jeden Winzer und auch Kellermeister, das Meisterstück Eiswein zu versuchen, zumal es etwas Einzigartiges ist. Eiswein kann nur in den nördlichen Weinregionen produziert werden – aber wenn der Winter nicht kalt genug ist, bleibt bestes Traubengut am Stock.

Es ist kein Zuckerschlecken

Rebstock für Rebstock geht es vorwärts. Erst lösen die Winzerinnen und Winzer die Folie und schon fallen die ersten geschnittenen und tief gefrorenen Trauben in die Traubenwannen. Alles geht sehr professionell vor sich. Auch der neunjährige Silas Schnurr, Sohn des Winzers Klemens Schnurr, schneidet die Trauben in die Wanne, als ob er noch nie etwas anderes getan hätte. Was so selbstverständlich aussieht, ist nicht einfach. Die Kälte macht trotz der Handschuhe kalte und starre Finger, auch kalte Füße bleiben nicht ganz aus. „Es ist ungeachtet der süßen Frucht kein Zuckerschlecken und ich möchte es nicht jedes Jahr machen wollen“, meint lachend die Winzerin Cäcilie Geiser und lässt wieder eine volle Traube in ihre Wanne fallen. Die Dunkelheit ist inzwischen dem Morgen gewichen, ein herrlicher Wintertag kündigt sich an. Im Hofackerteich sind die Traubenwannen voll, weitere werden benötigt. Daniel Huber informiert per Handy, dass die Traubenwannen aus dem Steinebach gerade im Winzerkeller ausgeleert und dann gebracht werden.

Im Winzerkeller hat das Team um Kellermeister Alexander Spinner alles bestens vorbereitet, damit die gefrorenen Trauben in ihrem eisigen Zustand schnell in die Kelter kommen und so gekeltert werden können, dass das Eis auf der Kelter zurückbleibt, während der süße Traubensaft, dessen Gefrierpunkt tiefer liegt als der von Wasser, als hoch konzentrierter Most gewonnen wird. Alexander Spinner freut sich über das hervorragende Lesegut. „Das gibt einen exzellenten Eiswein“, ist er sich sicher.

Tiefgefroren müssen die Trauben für den Eiswein sein, damit aus ihnen der edelsüße, hochwertige Most gewonnen werden kann.
Tiefgefroren müssen die Trauben für den Eiswein sein, damit aus ihnen der edelsüße, hochwertige Most gewonnen werden kann. | Foto: Berthold Gallinat

182 Öchsle beim Spätburgunder Rotwein

Gegen 9.30 Uhr war die Lese zu Ende und seine Prognose bestätigte sich. „Wir haben hervorragende Mostgewichte mit 173 Oechsle beim Riesling und mit 182 Öchsle beim Spätburgunder“, teilt Geschäftsführer Marco Köninger freudestrahlend nach der Lese mit. 128 Öchsle gelten als Mindestmostgewicht für einen Eiswein. An Mengen erbrachte die Lese rund 400 Liter Riesling und 700 Liter Spätburgunder ein. Bei einer Lese im Herbst hätten dieselben Trauben mehrere tausend Liter Wein erbracht. Aber das tolle Ergebnis, da waren sich am Ende ihrer Eisweinlese Winzer, Kellermeister und Winzer einig, war es wert, das Pokerspiel Eiswein zu wagen. Eiswein ist ein grandioser Begleiter festlicher Anlässe, zum Beispiel als Aperitif oder als Begleiter fruchtiger Desserts, Eis und Sorbets. Und auch zu reifem Edelschimmelkäse genossen ist er ein Geschmackserlebnis.  Absatzsorgen gibt es nicht: Eiswein  ist  sogar international gefragt. Touristen, etwa  aus Großbritannien, vor allem aber auch aus Asien,  greifen dafür gerne etwas tiefer in die Tasche.

Auch andernorts haben die Winzer in der Ortenau den aktuellen Kälteeinbruch durch Tief „Axel“genutzt und Eiswein geerntet: Darunter die Winzergenossenschaft Waldulm (der ABB berichtete) und das Weingut Schloss Ortenberg, aber auch mehrere Betriebe in Durbach – auch das ZDF hatte sich zu Dreharbeiten angesagt.