Berlin
Rege Diskussionen über den Anschlag in Berlin gibt es in diesen Tagen auch an den Schulen der Region, hier ein Bild aus dem Unterricht am Acherner Gymnasium. | Foto: Dominic Körner

Schulunterricht in Achern

Berlin macht vor Klassenzimmern nicht Halt

Es ist das Thema der Woche, auch in Klassenzimmern und auf Schulhöfen rund um Achern: Der Anschlag von Berlin. Die Hintergründe der Tat noch ungeklärt, nutzen sie Hetzer für ihre Zwecke, gerade im Internet. Schulleitung und Lehrer gehen deshalb nicht zur Tagesordnung über; vielmehr sprechen sie mit Schülern über ihre Ängste – und manipulative Tendenzen in neuen Medien. Ihre Ansätze orientieren sich individuell an den Bedürfnissen der einzelnen Klassen.

Raum für Fragen

„Die Kollegen sind sensibilisiert, sie haben einen Blick dafür, ob Gesprächsbedarf besteht“, sagt Stefan Weih, Schulleiter am Acherner Gymnasium. Und sie haben darin Erfahrung: „Leider häufen sich die Anschläge in Europa“, so Weih. Schon auf die Terrorakte in Frankreich und Belgien sei man im Unterricht eingegangen – wenn die Schüler daran interessiert waren. Grundsätzlich gebe es zwei Ansätze, sagt Weih. Man könne „zur Normalität übergehen“ oder die Vorkommnisse im Klassenzimmer behandeln, etwa in Ethik, Religion, Gemeinschaftskunde oder Geschichte. Generell, so sein Eindruck, beschäftige die Schüler das Thema sehr.

Die Kollegen sind sensibilisiert

Bisweilen werfe auch der Lehrplan aktuelle Fragen auf. „Beschäftigt sich eine Klasse mit der NS-Zeit, dann geht es immer auch um die Verfolgung Andersdenkender“, erklärt Weih, „und die betreibt auch der Islamische Staat.“

Soziale Medien im Fokus

Besonders geschult werden Fünftklässler im Umgang mit neuen Medien. Man wolle verhindern, so Weih, dass die Heranwachsenden im Internet manipuliert werden. Erst kürzlich war ein Medienexperte am Gymnasium zu Gast, um Schüler und ihre Eltern über die Risiken im Netz zu informieren. „Das Gefahrenpotenzial ist groß“, sagt Weih mit Blick auf „Whats- App“-Gruppen einzelner Klassen, in denen täglich mehrere hundert Nachrichten versendet und empfangen werden. „Kinder und Jugendliche sind gerade in sozialen Netzwerken sehr aktiv“, hat der Pädagoge beobachtet, „und oft beherrschen sie den Umgang mit ihnen nicht – auch wenn sie das behaupten.“ Man müsse ihnen „dringend raten, ihre Quellen kritisch zu hinterfragen.“

Fall in Berlin weckt Erinnerungen

In die gleiche Kerbe schlagen die Rektorenkollegen Heinz Moll (Gemeinschaftsschule Achern) und Wolfgang Flegel (Schlossbergschule Kappelrodeck). Der aktuelle Fall von Berlin wecke in ihm Erinnerungen an die Schießerei von München im Sommer, sagt Flegel, wo eine „Vorverurteilung stattgefunden“ habe. Die Tat in der bayerischen Landeshauptstadt war letztlich nicht islamistisch motiviert, wie zunächst fälschlicherweise in sozialen Medien kolportiert. „So etwas wollen wir vermeiden“, sagt Flegel. Den Fall Berlin behandle man „natürlich“ im Unterricht, „weil er zur Lebensrealität der Schüler gehört“.

Keine Fächergrenzen

Dabei mache das Thema nicht vor Fächergrenzen Halt, so Flegel: „Das kann auch der Bio-Lehrer sein, wenn er merkt, seine Schüler beschäftigt es.“ Ähnlich handhaben es Heinz Moll und sein Kollegium an der Acherner Gemeinschaftsschule: „Wenn die Kinder und Jugendlichen darüber reden wollen, tun wir das – egal in welchem Fach.“ Nicht jede Klasse habe Gesprächsbedarf, der Ansatz sei je nach Fach ein anderer. In seinem Religionsunterricht hätte Schüler vor allem die Frage umgetrieben, „warum Gott so etwas wie in Berlin zulässt“.

Kritischer Umgang mit Quellen

Moll ist wichtig, dass sie zu einem kritischen Umgang mit ihren Quellen in den neuen Medien erzogen werden und vorschnelle Reaktionen ausbleiben. „Hier sind auch die Eltern in der Pflicht“, betont Moll, viele erfüllten diese Aufgabe sehr gut. Wenn es Probleme gebe, wolle man im Unterricht gegensteuern. Man müsse die „Schüler da abholen, wo sie und ihre Sorgen sind.“

Können Zeit nicht zurückdrehen

Ihre Ängste ernst nehmen und ihnen entgegenzuwirken, ist das Ziel an der Schlossbergschule, erklärt Wolfgang Flegel. Zur regen Nutzung sozialer Medien durch seine Schüler hat er eine pragmatische Einstellung: „Das ist nun mal so, wir werden können die Zeit nicht zurückdrehen.“ Entscheidend sei das Thema Internet-Kompetenz. Hierzu gibt es an allen Schulen, in Achern und Kappelrodeck, ein für Fünft- und Sechstklässler verpflichtendes Fach.