120 Jahre Achertalbahn
Akribische Archivarbeit: Alterskamerad Manfred Geiser aus Oberachern mit einer Kopie der Festzeitung von 1898, die zur Eröffnung der Achertalbahn erschienen war. | Foto: Roland Spether

Festzeitung aus dem Jahr 1898

Das „Achertal-Bähnel“ kam schnellstmöglich aufs Gleis

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„Nunmehr ist das große Werk vollendet: das idyllische, von einer arbeitsamen, rührigen, unternehmungslustigen Bevölkerung bewohnte, wein-, wald-, und sagenreiche Acherthal ist dem großen Welteisenbahnnetze angeschlossen.“ Wer den durchaus emotionalen Leitartikel auf Seite 1 des Acher- und Bühler Bote vom 1. September 1898 schrieb und in höchsten Tönen von der Achertalbahn und dem „so ungemein segensreich regierenden Großherzog Friedrich“ schwärmte, ist leider nicht vermerkt.

Was die Bürger im Herzen Badens unter der Schlagzeile „Rückblick auf die Entstehung der Bahn“, umrahmt von einem Foto „Seiner königlichen Hoheit Großherzog Friedrich von Baden“, Schwarz auf Weiß lesen können, ist eine Lobeshymne auf die Großherzogliche Regierung nebst Landesherr. Alle politisch Verantwortlichen nahmen sich in „warmer Weise“ des Projekts an, denn es wurde schnellstens ein Gesetzesentwurf auf den Weg gebracht, diesen beiden Kammern vorgelegt und „ohne jede Gegnerschaft“ befürwortet. Immerhin: Der Anlass war beachtlich, die Achertalbahn ist noch heute unverzichtbare Verkehrsader in das Achertal.

Manfred Geiser erforscht Feuerwehrwesen in Achern

Der Oberacherner Alterskamerad Manfred Geiser erforscht mit Begeisterung das Feuerlöschwesen in Achern und trägt viel dazu bei, die Geschichte der Feuerwehr und seiner „Floriansjünger“ zu bewahren. Bei seinen Recherchen stieß er auf eine Sonderausgabe des Acher- und Bühler Bote, die Festzeitung zur „Eröffnung der Nebenbahn Achern-Ottenhöfen“. Darin wird ausführlich über die Vorgeschichte und die Notwendigkeit einer solchen Bahnlinie geschrieben, auf einer ganzen Seite geht es, wie konnte es bereits damals anders sein, um das liebe Geld.

Holzwirtschaft im Achertal als Grund für den Bau

Mit Vorplanung und „Ertragsberechnung“ wurde der Ingenieur Karl Müller aus Freiburg beauftragt, der den finanziellen Aufwand einschließlich Geländekauf auf etwas mehr als eine Million Mark bezifferte. Der Großherzog steuerte einen „einmaligen Staatsbeitrag“ von 250 000 Mark bei, denn ein wesentlicher Punkt des Finanzkonzepts war, dass ein jährlicher Überschuss von 28 300 Mark errechnet wurde. Ein zentraler Grund für den Bau waren die Holzwirtschaft sowie die vielen Firmen, die im Achertal seit jeher angesiedelt sind. Auch der Tourismus blühte in schönster Pracht, denn in der Festzeitung werden die reizvollen Orte und bedeutende Ausflugsziele wie Edelfrauengrab, Mummelsee und Allerheiligen in Wort und Bild vorgestellt.
Die reizvollen Ziele werden in Gedichten geradezu besungen, wie das „Lob des Schwarzwaldes“ gegenüber Wandervögeln, die es in Richtung Süden zieht: „Wer schaut’ Italiens sonn’ge Höhn, meint wohl, im Schwarzwald sei’s nicht schön. Man sehe da nur düstre Tannen, ein rohes Volk – die Alemannen“.

120 Jahre Achertalbahn
Historischer Moment: Die Eröffnung der Achertalbahn war vor 120 Jahren, hier eine Aufnahme aus Furschenbach. | Foto: Roland Spether

Der Autor kommt nach allerlei südlichen Nachteilen von Räubern bis Malaria zu seinem Fazit: „Wenn andre gen Italien ziehn, mich lockt es wahrlich nicht dahin. In meinem Schwarzwald will ich wandern, von einem Berg und Thal zum andern“. Dies konnten die Sommerfrischler aus der Stadt mit dem „Bähnel“ nun tun, ebenso die Bürgermeister, Wirte und Fabrikanten wie der Steinbruchbesitzer Leuther aus Kappelrodeck sowie die Oberacherner Fabrikanten Florentin Ziegler (Wattefabrik) und Wilhelm Nauwerk (Bindfadenfabrik).
Nach einer Begehung der geplanten Strecke gaben das zuständige Großherzogliche Ministerium am 19. Juli 1895 und die zweite Ständekammer am 6. März 1896 grünes Licht für den Bau der 10,7 Kilometer langen Bahnlinie.

Mit der Eisenbahn kam des Ende des Post-Omnibusses

Als die Dampflokomotive, „Feuriger Elias“ genannt, durch das Achertal fuhr und für manches Federvieh zum „Entenköpfer“ wurde, gab es nicht nur Freudenrufe. So findet sich in der Festzeitung auch ein kritischer Artikel mit der Überschrift „Der letzte Acherthal-Omnibus“, denn mit dem „Dampfross“ kam eine gravierende „Umwälzung“: Der Einzug der Eisenbahn bedeutete das Ende des „Post-Omnibus“, der seit dem 1. August 1860 zwischen Ottenhöfen und Achern verkehrte. Nur im Kriegsjahr 1870 wurde der Verkehr aufgrund von Straßen-Barrikaden eingestellt, und ein Postbote war mit dem Rad unterwegs, um die „nach Neuigkeiten lüsternen Thalbewohner durch allerhand wahre und erfundene Kriegsgeschichten in Aufregung zu versetzen“.

Ehrentrunk in jedem Bahnhof bei der Eröffnungsfahrt

Die feierliche Eröffnung der Achertalbahn mit einer preußischen T3-Lok war am 1. September 1898. Die Dampflok startete um 8 Uhr in Ottenhöfen, sammelte unterwegs die Gäste ein und fuhr an den Bahnhof in Achern, wo die Stadtväter in der „Bahnhofsrestauration“ eine Erfrischung kredenzten. Dann ging es zurück ins Achertal, an jedem Bahnhof gab es einen Ehrentrunk und Ansprachen der Bürgermeister ebenso wie um 12.30 Uhr ein Festessen in Ottenhöfen. Um 17.20 Uhr ging es wieder zurück, und wer immer noch Hunger und Durst hatte, konnte sich abends in Kappelrodeck „in sämtlichen Wirtschaften“ an Banketten laben.

120 Jahre Achertalbahn
Aufgereiht vor der Lok „Badenia“ steht das Personal der Achertalbahn auf dieser Aufnahme aus dem Jahr 1905. | Foto: Roland Spether

Wie lebenswichtig die Bahn war, zeigte eine Episode vom 21. Mai 1909: Im Höhengebiet war ein großer Waldbrand, und telefonisch wurden von Obertal aus alle Feuerwehren der Region alarmiert, auch die Acherner. Die Kameraden rückten aus, fuhren mit dem „Entenköpfer“ in Richtung Ottenhöfen, und bis sie endlich dort ankamen, war der Brand gelöscht. Der ABB berichtete von einem „unfreiwilligen Ausflug“, und da es an dem Tag ziemlich heiß gewesen sein muss, löschten die Kameraden ihren „nicht unbeträchtlichen Durst“ in einem Gasthaus im Beisein „hilfsbereiter“ Feuerwehrler aus dem Mühlendorf. Vom früheren Kommandanten Konrad Schneider kam der Hinweis, dass nach einer Explosion in der alten Papierfarbik Lenk am 26. Februar 2003 ein so heftiger Brand entstand, dass dieser auf andere Gebäude übergriff und auf den Straßen kein Durchkommen mehr war. Einsatzkräfte aus Ottenhöfen wurden mit ihrem Gerät von einem Triebwagen der Achertalbahn an den Einsatzort gefahren.

Lok „Badenia“ lieferte 1912 die Feuerspritze an

Einen großen Bahnhof gab es am 6. Oktober 1912 in Oberachern, als die Metz Feuerspritze Nr. 8 mit der Lok 28 „Badenia“ angeliefert wurde und am Gründungstag der Oberacherner Wehr mit einer Übung in Dienst gestellt wurde. Die Alterskameraden Josef Bürkle, Manfred Geiser, Karl Merkle, Hermann Müller, Gerhard Münch, Gerhard Rest, Konrad Sackmann und Werner Stieber restaurierten das gute Stück, und am 22. September 2007 wurde das Szenario von „Anno Dubak“ mit der Befüllung des „Feurigen Elias“ nachgestellt.

Von Roland Spether