Ihr 175-jähriges Bestehen feiert die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt Illenau in Achern. Am 23. September 1842 kam die erste Gruppe Kranker aus Heidelberg unter Leitung von Karl Hergt an. | Foto: Stadtarchiv Achern

175 Jahre Acherner Illenau

„Der erste Narrenpalast auf deutschem Boden“

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Knapp 100 Jahre hatte die 1842 durch das Land Baden gegründete Heil- und Pflegeanstalt Illenau Bestand. In diesem Jahr feiert die Stadt Achern das 175-jährige Bestehen. Der Acher- und Bühler Bote widmet sich in einer Serie verschiedenen Aspekten der Geschichte und der Gegenwart der Illenau .

Von Michael Karle

Der evangelische Stadtpfarrer Gerhard Lötsch, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den „unsichtbaren Zaun“ des Vergessens um die Acherner Illenau zu beseitigen, führt in seinem 1996 erschienenen Buch „Christian Roller und Ernst Fink. Die Anfänge von Illenau.“ historische Daten auf. „Am 23. September 1842 kam die erste Gruppe Kranker aus Heidelberg unter Leitung von Karl Hergt in Illenau an. Am 16. Oktober trafen Direktor Christian Roller und eine letzte Gruppe ein.“ Der am 11. Januar 1802 in Pforzheim geborene Arzt Christian Roller prägte Gründung wie die ersten Jahrzehnte des Bestehens der Heil- und Pflegeanstalt Illenau entscheidend.

Die Illenau heute: Hier sind unter anderem die Stadtverwaltung und weitere Behörden untergebracht. | Foto: ug

Gegen „geistigen Mord“ an seelisch Kranken

1825 erhielt Roller den Auftrag der großherzoglichen Regierung in Karlsruhe, eine Studienreise zu den führenden europäischen „Irrenanstalten“ zu unternehmen. Ziel war, über die zeitgemäße Behandlung sogenannter „Geisteskranker“ zu berichten. In Heidelberg erhielt Christian Roller 1826 eine Stelle als Assistenzarzt am Jesuitenkonvikt, engagierte sich aus gegebenen Erfahrungen gegen unmenschliche Bedingungen und „geistigen Mord“ an seelisch Kranken. Christian Roller entwickelte den Vorschlag, eine „große, modern gestaltete Heil- und Pflegeanstalt von Grund auf neu zu errichten.“

„Badische Irrenhaus-Not“ soll von Grund auf gelöst werden

Offene Ohren, so berichtet Gerhard Lötsch, fand Christian Roller beim seinerzeitigen Innenminister Ludwig Winter in Karlsruhe. Dessen Anliegen war, die „badische Irrenhaus-Not“ von Grund auf zu lösen. Rollers grundlegendes Werk „Die Irrenanstalt nach allen ihren Beziehungen“ erschien am 7. November 1830. In ihm benennt Christian Roller die „Sorgfalt für die Irren“ als eine der „heiligsten Interessen der Menschheit“.
1833 untersuchte Christian Roller zusammen mit dem Baumeister Hans Voß und einer kleinen Kommission das Hubbad auf Tauglichkeit für die geplante Heil- und Pflegeanstalt. 1835 trat Karl Hergt, ebenfalls nach langer Studienreise zur einschlägigen Weiterbildung, auf Wunsch Rollers als Assistenzarzt ins Heidelberger Irrenhaus ein. Mehr als 40 Jahre arbeiteten Roller und Hergt fortan gemeinsam. „Dem Genie des kräftigen Willens eint sich das Genie des reichen Herzens“, wird diese Verbindung später umschrieben.

Erster Spatenstich am 26. Juli 1837

1835 berief die badische Regierung Christian Roller zum Direktor des Heidelberger Irrenhauses. Am 13. Oktober 1833 war das Gelände bei Achern als geeigneter Standort gefunden, am 26. Juli 1837 erfolgte der erste Spatenstich, an dem auch Großherzog Leopold teilnahm. „Über 400 Arbeiter, Wallonen zum größten Theil, waren bei dem Bau thätig“, heißt es in der Festschrift, die am 4. Januar 1852 zum 25-jährigen Jubiläum des ersten Dienstantritts Christian Rollers erschien.

Christian Roller war der erste Direktor der Illenau | Foto: Archiv Winter

Nach dem Illenbach wurde der Ort „Illenau“ benannt. Hans Voß, Schüler des Baumeisters Friedrich Weinbrenner, setzte Rollers Vision einer modernen Anstalt in Architektur um. Für die Außenanlagen konnte Christian Roller den Heidelberger Landschaftsarchitekten und Garteninspektor Johann Christian Metzger für die gärtnerische Anlage der Illenau gewinnen. Metzger war in Heidelberg für die botanischen Gärten und den Schlossgarten zuständig, freute sich mit Roller, die Landschaft „an einem der schönsten Punkte des schönen badischen Landes“ zu gestalten. Sie helfe, das Vertrauen zu gewinnen und erheitere den Schwermütigen, war Rollers Grundanliegen. Gerhard Lötsch beschreibt das seinerzeitige Großunternehmen mit Worten des Historikers Dieter Jetter. „Der erste riesige Narrenpalast auf deutschem Boden“ wuchs aus der Acherner Erde, „so wuchtig wie des Großherzogs Schloss.“

Der geliebte Director

Insgesamt 291 Pfleglinge siedelten im Spätjahr 1842 aus Heidelberg und Pforzheim nach Illenau um. Nach Christian Rollers Einzug waren neben ihnen, dem Direktor und zwei Ärzten, zwei Geistliche, 28 Wärter, 25 Wärterinnen, drei Oberaufseher, zwei Oberaufseherinnen, ein Verwalter, in Ökonom, Büroangestellte und Handwerker in Illenau. „Den 16. October 1842, Abends 4 Uhr, zog unser von den Seinigen begleiteter geliebter Director … von Denen, für die er das segenbringende Asyl bereitet, festlich und herzlich empfangen, in sein Illenau ein“, heißt es im Illenauer Tagebuch.

Große Familie

Der Grundgedanke einer großen, von Christian Roller vielfach als „Familie“ bezeichneten, von anderen auch als „Orden“ oder „Kloster ohne Gelübde“ verstandenen Dienstgemeinschaft kennzeichnete die Acherner Illenau von Beginn an. „Wer das Werk in Illenau soll fördern helfen, darf neben ihm nicht noch andere Meinungen haben…In Illenau hat der nicht genug gethan, der noch mehr hätte thun können…“ beschreibt Christian Roller ein anspruchsvolles Ethos und nennt im Illenauer Wochenblatt als zentrales Kriterium des Illenauer Geists die Gemeinschaft der Mitarbeiter. „Zwischen denen, die in Illenau mit Segen wirken wollen, darf keine Kluft der Abneigung oder Zwietracht herrschen.“