Positive Bilanz gezogen: Wolfgang Schlund ist einer der beiden Leiter des Nationalparks Schwarzwald | Foto: Michael Moos

Wolfgang Schlund im Interview

„Der Nationalpark ist ein Instrument des Naturschutzes“

Anzeige

Parkende Autos allenthalben, genervte Busfahrer, die mit ihren Fahrzeugen im Ausflugsverkehr steckenbleiben und ihre Fahrpläne nicht mehr einhalten können. Ein Parkplatz, der angeblich für ein teures Besucherzentrum geopfert wird. Ist tatsächlich der Nationalpark Schwarzwald „schuld“ an dem fast schon regelmäßigen Verkehrschaos auf der Schwarzwaldhochstraße? Dazu und zu vielen anderen Fragen äußert sich der Leiter des Nationalparks, Wolfgang Schlund, im Interview.

Der Nationalpark Schwarzwald besteht nun seit fünf Jahren. Wie ist Ihre Bilanz?

Schlund: Wenn Sie jetzt den Leiter des Nationalparks fragen, kann er gar nicht anders: Da muss er sagen, dass sie gut ausfällt. Aber ganz ehrlich – wir haben in den ersten fünf Jahren unseren Nationalparkplan erstellt mit all den Modulen. Da geht es um die pädagogische Arbeit, das Wildtiermanagement oder die Frage, wie wir die Besucherzentren thematisch füllen; aber auch um das Tourismuskonzept, das Verkehrskonzept und natürlich das Wegekonzept. Die Planungen stehen, und jetzt gehen wir an die Umsetzung.  Das wir all das erreichen, hätten wir vor fünf Jahren nicht gedacht. Ein großer Schritt war außerdem, gewissermaßen aus dem Nichts eine Verwaltung aufgebaut zu haben, die es in der Form in Baden-Württemberg zuvor nicht gab. Heute haben wir ein schlagkräftiges Team mit etwa 120 Personen auf 89 Stellen.

Im Vorfeld der Gründung des Nationalparks gab es heftigen Widerstand, vor allem auf der schwäbischen Seite. Heute, fünf Jahre später: Könnte es ein Zurück geben?

Schlund: Ausgeschlossen ist nichts auf der Welt, aber die politische Unterstützung der großen Parteien ist uns sicher. Von den Grünen sowieso, von der SPD und jetzt auch der CDU. Wer sich mit uns noch immer etwas schwer tut, ist die FDP. Jedenfalls sind die heftigen Auseinandersetzungen der Diskussionsphase schon längst zum Erliegen gekommen. Was für mich heute wichtiger ist, sind die Gespräche, die Kritik und die Anregungen, die ich höre und die ich sehr ernst nehme und die dann in unsere Arbeit einfließen. Und wir werden auch mal gelobt, beispielsweise für das Spuren der Loipen oder für unsere Forschungsergebnisse.

Kann es  sein, dass die zunehmende Attraktivität des Nationalparks tatsächlich „verantwortlich“ ist für ein erhöhtes Verkehrsaufkommen entlang der Schwarzwaldhochstraße?

Schlund: Früher war die Verkehrslage noch chaotischer. Das zeigen alte Dokumente. Man muss aber auch sehen, dass dieses Problem allenfalls 15 bis 20 Tage pro Jahr betrifft, ansonsten gibt es keine Schwierigkeiten. Natürlich geht es um die Frage, wie die Menschen am besten in den Nationalpark kommen. Und hier setzen wir auf die Umsetzung unseres Verkehrskonzepts. Das geht aber nicht von heute auf morgen. Weil 70 Prozent der Autos aus dem Ortenaukreis sowie aus den Kreisen Rastatt, Baden-Baden, Freudenstadt und Calw kommen, wäre für die meisten der Platz in der heimischen Garage der Richtige. Damit die Leute aber auf den öffentlichen Nahverkehr umsteigen, brauchen wir eine andere Taktung, andere Verkehrszeiten, ein gutes Informationssystem und bessere auf die Bedürfnisse etwa von Skifahrern und Radfahrern ausgerichtete Fahrzeuge. Auch über eine Bewirtschaftung der im Höhengebiet zur Verfügung stehenden Parkplätze müssen wir nachdenken, auch wenn man dafür einen Ordnungsdienst bräuchte. Experten sagen uns aber auch, dass damit maximal 20 Prozent des Individualverkehrs vermieden werden könnte. Momentan liegt der Anteil des öffentlichen Nahverkehrs bei zwei Prozent.

Wie „touristisch“ ist der Nationalpark eigentlich?

Schlund: Vorweg gesagt: Der Nationalpark ist ein Instrument des Naturschutzes. Und das ist gewährleistet. Klar ist aber auch, dass das Naturerlebnis boomt, ebenso das Wandern. Das liegt auch daran, dass die Menschen einen Ausgleich zu einem zunehmend technisch geprägten, hektischen Leben suchen. Weil der Nationalpark außerdem inmitten einer dicht besiedelten Gegend liegt, ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Menschen kommen. Allerdings sind die Wenigsten nur wegen des Nationalparks hier, sondern weil sie Erholung suchen. Für uns bedeutet das aber auch, dass sich die Gäste im Nationalpark an die hier geltenden Regeln halten müssen. Wir bauen Wege zurück oder sperren sie. Mit dem Wegekonzept schaffen wir in bestimmten Bereichen Ruhe, andere wiederum werden geöffnet. Und was den Tourismus betrifft: Weil die Gemeinden in der Region davon leben, ist es doch verständlich, wenn diese mit dem Nationalpark werben.

Die Besucherzentrum ist durch die Baukostensteigerung in die Kritik geraten. Für was braucht man das – und was erwartet man davon?

Schlund: Die Idee eines Nationalparks ist ja, dass man für wichtige Ziele des Naturschutzes wirbt. Und wenn ich für Naturschutzmaßnahmen Akzeptanz möchte, brauche ich die öffentliche Begeisterung dafür. Es wird erwartet, dass man ohne, dass man an einer Führung durch den Wald teilnimmt, Informationen zur Region und über den Nationalpark bekommt. Eine große Ausstellung wird die ökologischen Zusammenhänge unseres Schwarzwalds, unserer Natur und unseres Walds darstellen. Dadurch erreichen wir auch eine gewisse Besucherlenkung. Übrigens entstehen hier in der aktuellen Ausbaustufe 500 Parkplätze, bisher waren es 350. Also mehr als vorher. Weitere Parkplätze gibt es am Vogelskopf oder am Seibelseckle.

Was sind Ihre Vorstellungen für die Zukunft des Nationalparks?

Schlund: Mit der Umsetzung unserer Pläne werden wir zum vielleicht strengsten Nationalpark in Deutschland. Wenn wir zum Beispiel im Bereich der Waldentwicklung eingreifen, dann nur in unserer Managementzone und nur zum Teil in der Entwicklungszone. Eine Baumentnahme erfolgt nach dem Beschluss des Nationalparkrats bei uns ausschließlich unter Naturschutzaspekten. Auch gilt ein klares Wegegebot. Wir wollen ein gutes Wanderwegnetz erhalten, auch mit Loipen und Radstrecken, aber andere Wege massiv verringern. Beim Wildtiermanagement geht es darum, dass wir in den Kernzonen die Jagd reduzieren. Auch unsere eigenen Mitarbeiter halten sich mit Einsätzen im Park zurück, Forschungen werden auf das Nötige beschränkt. Ein weiteres Ziel ist es, in den nächsten Jahren die Kernzonen – derzeit 33 Prozent – zu erweitern. Dort wird auf die Motorsäge und auf jeglichen Eingriff verzichtet.

Nationalpark Schwarzwald
Seit dem 1. Januar 2014 besteht der Nationalpark Schwarzwald als erster und bisher einziger Nationalpark Baden-Württembergs. Mit einem großen Eröffnungsfest mit 10.000 Gästen im Mai 2014 wurde das entsprechend gefeiert. Vorausgegangen war ein rund zweijähriger Diskussionsprozess, an dem auch die Region umfassend beteiligt wurde. Vorrangiges Ziel des Nationalpark Schwarzwald – Motto „Eine Spur wilder“ – beinhaltet dessen Ziel „Natur Natur sein lassen“, jedoch soll der Park auch den Menschen als Freizeit- und Erholungsort zur Verfügung stehen, damit diese sich von der Hektik des Alltags erholen können.
Der Arten- und Biotopschutz spielt im Nationalpark eine wichtige Rolle. Besonders berücksichtigt werden dabei die Lebensgemeinschaft Grinden und die sogenannten Natura-2000-Arten, die besonderen Schutzes bedürfen.
2020 soll das neue Nationalparkzentrum am Ruhestein eröffnet werden. In Herrenwies wird der denkmalgeschützte „Rossstall“ zu einem Nationalparkhaus umgebaut. Ziel ist es, in beiden Einrichtungen sowohl über die pflanzlichen und tierischen Lebensgemeinschaften in einem wilder werdenden Wald wie auch über das Leben der Menschen im und mit dem Wald zu informieren. Aktives Entdecken und unterhaltsames Lernen für alle steht dabei im Mittelpunkt. red

 

Zur Person: Wolfgang Schlund
Der 58-jährige Wolfgang Schlund hat in Tübingen studiert und ab 1997 das Naturschutzzentrum Ruhestein mit aufgebaut. Zuvor arbeitete er an der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege in Karlsruhe. Nun ist der promovierte Biologe gemeinsam mit Thomas Waldenspuhl Leiter des Nationalparks Schwarzwald.
Die Nationalparkverwaltung ist eine Sonderbehörde des Landes Baden-Württemberg und dem Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg zugeordnet. Derzeit arbeiten rund 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in fünf Fachbereichen an vier Standorten – in der ehemaligen Villa Klumpp am Ruhestein, in der sich auch das jetzige Nationalparkzentrum befindet, im ehemaligen Winterdienstgehöft an der Alexanderschanze, in Klosterreichenbach und im ehemaligen Hotel Adler in Seebach. Zusammen mit dem neuen Nationalparkzentrum soll am Ruhestein auch ein neues Verwaltungsgebäude entstehen, das dann Hauptsitz der Nationalparkverwaltung sein wird. red