Weitgehend abgebrochen wurden die Gebäude auf dem Gelände der ehemaligen Glashütte. Hier soll ein komplett neues Stadtviertel mit rund 400 Wohnungen sowie „nicht störenden Gewerbebetrieben“ entstehen. | Foto: Roland Spether

Ehemalige Glashütte in Achern

Die Geburt eines komplett neuen Stadtviertels

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Die Geburt eines komplett neuen Stadtviertels zu begleiten – das kommt nicht alle Tage vor in der Kommunalpolitik. In Achern ist dieses Projekt  „live“ zu erleben: Es geht um erste Details für die künftige Nutzung des Areals der ehemaligen Glashütte. Und auch eine wichtige Weichenstellung wurde nun vorgenommen: Der Bau- und Umweltausschuss beschloss, den Einzelhandel außen vor zu lassen. Das letzte Wort hat nun der Gemeinderat.

Supermarkt eine Absage erteilt

Die Karl-Gruppe im bayerischen Innernzell hat das elf Hektar große Gelände der ehemaligen Glashütte bekanntlich im Jahr 2015 erworben. Mittlerweile sind große Teile der einstigen Firmengebäude abgebrochen, nun steht die Sanierung der von der Glasproduktion stammenden erheblichen Bodenverunreinigungen an. Auf dem Gelände sollen vor allem Wohnungen, aber auch „nicht störende“ Gewerbebetriebe angesiedelt werden. Der Ansiedlung eines Supermarkts erteilte das Gremium einstimmig eine Absage.

Wollen den Einzelhandel stärken

Der Ausschuss folgte dabei einem Vorschlag des neuen Stadtplaners Rolf Bertram, der die Ablehnung eines großflächigen Einzelhandelsbetriebs nicht zuletzt mit dem Hinweis auf den in diesem Fall zu erwartenden zusätzlichen Verkehr in der ohnehin stark belasteten Fautenbacher Straße begründet hatte. Dagegen sprechen ferner städtebauliche Gründe, aber auch die Tatsache, dass Supermärkte für den täglichen Bedarf in ausreichender Zahl bereits in nächster Nähe zu dem künftigen Stadtviertel bereits vorhanden sind. Das sahen auch die Sprecher aller Fraktion nicht anders. Wie Manfred Nock (ABL) ergänzend anmerkte, gehe es letztlich auch darum, den Einzelhandel in der Innenstadt durch zusätzliche Kaufkraft zu stärken und nicht durch einen weiteren Markt zu schwächen.

„Platzhalter“ für eine Stadthalle

Fiel den Gemeinderäten die Entscheidung über die Nicht-Zulassung von Einzelhandelsbetrieben noch ziemlich leicht, zeichnet sich in anderer Hinsicht noch ein erheblicher Diskussionsbedarf ab. Dabei geht es nicht nur um den Neubau eines Kindergartens, sondern vor allem um die Frage, ob auf dem Glashütten-Areal Gelände für eine Stadthalle freigehalten werden soll – einen entsprechenden „Platzhalter“ gibt es wie berichtet im Bereich des ehemaligen Bahnhofsgeländes. Viel Zeit gibt es nicht für die Suche nach einer Antwort auf diese Frage: Oberbürgermeister Klaus Muttach erwartet eine Entscheidung über die Stadthalle „bis Ende des Jahres“. CDU-Fraktionschef Karl Früh ließ unter Verweis auf das noch unfertige „Kulturforum“ in der Illenau bereits wissen, dass ein „jahrzehntelanges Vorhalten“ einer Fläche für eine mögliche Stadthalle mit seiner Fraktion nicht zu machen sei. Klaus Muttach machte dazu deutlich, dass das „Kulturforum“ eine Stadthalle nicht ersetzen könne.

CDU-Fraktionschef will Einfamilienhäuser

Und noch etwas treibt den CDU-Fraktionsvorsitzenden um. Mit Blick auf die problemlose Vermarktung der Grundstücke im Neubaugebiet „Bölgen“ forderte Karl Früh die Ausweisung von Flächen für freistehende Einfamilienhäuser, am besten direkt an der Acher. Die Nachfrage sei vorhanden, argumentierte er, und es stelle sich die Frage, ob man das Abwandern eines kaufkräftigen Klientels riskieren wolle. Stadtplaner Rolf Bertram sprach sich gegen Einfamilienhäuser aus. Diese seien an dieser Stelle „städtebaulich falsch“. Und hochpreisige Angebote gebe es schließlich auch durch die Schaffung der Stadtvillen.
Als nächster Schritt zur Entwicklung des Glashütten-Areals stehen nun der Abschluss eines städtebaulichen Vertrags mit der Karl-Gruppe an. Detailfragen können dann im Bebauungsplanverfahren beantwortet werden.

Die Gebäude der ehemaligen Glashütte verschwinden aus dem Acherner Stadtbild.
Die Gebäude der ehemaligen Glashütte verschwinden aus dem Acherner Stadtbild. | Foto: Roland Spether

Stadtbild aufwerten

„Mit der Revitalisierung der Fläche der ehemaligen O-I-Glasfabrik  durch die Karl-Gruppe bietet sich die große Chance, diese innerstädtische Gewerbebrache einer neuen Nutzung zuzuführen und das Stadtbild aufzuwerten.“ So heißt es in der Erläuterung eines Planentwurfs des im Auftrag der bayerischen Investoren tätigen Projektentwicklers „R2area“ (Heidelberg). Auf der Fläche solle ein gemischtes lebendiges Quartier entstehen.

Ersten Entwurf vorgelegt

Der Entwurf des Fachbüros bildet die Grundlage für die gegenwärtige Debatte in den Gremien der Stadt Achern. Da auf eine Einzelhandelsnutzung verzichtet wird, könnte zur Fautenbacher Straße hin statt eines Supermarkts ein Riegelgebäude für Dienstleistung und Büronutzung entstehen. Entlang einer neu geplanten Haupterschließungsstraße würde eine eingeschränkte gewerbliche Nutzung beziehungsweise eine „gemischte Nutzung“, etwa mit einer Pflegeeinrichtung, Dienstleistungen, Arbeiten und Wohnen oder ein Gründerzentrum ermöglicht. Im Norden könnte in Richtung der neuen Bundesstraße 3 zudem eine Fläche für eine Stadthalle vorgesehen werden. Nördlich der Querstraße liegt eine altengerechte Wohnanlage, die sich zu einer hier ebenfalls geplanten Pflegeeinrichtung orientiert.

Stadtvillen und preisgünstige Wohnungen

Der Hauptteil des Gebietes soll der allgemeinen Wohnnutzung zugeführt werden. Dabei geht es auch um die Schaffung von Sozialwohnungen beziehungsweise günstigen Mietwohnungen. Im Süden sind nach dem Entwurf auch Grundstücke für Baugemeinschaften möglich. Entlang der Acher reihen sich Stadtvillen aneinander. Im Zentrum am sogenannten „Quartiersplatz“ sind auch öffentliche Nutzungen wie ein Kulturcafé und ein Vereinshaus denkbar. Im Zentrum des Gebietes entstehen autofreie Wohnhöfe mit Mehrfamilienhäusern, die sich eine Tiefgarage teilen.

Die ehemalige Glasfabrik in Achern - das Bild stammt aus dem Frühjahr 2015
Die ehemalige Glasfabrik in Achern – das Bild stammt aus dem Frühjahr 2015 | Foto: ug

„Glasplatz“ und „Champagnerplatz“

Der Entwurf nennt ferner erste Details für eine mögliche Verkehrserschließung. Die Haupterschließungsstraße verbindet die Fautenbacher Straße mit der neuen Bundesstraße 3. Zudem wird die bestehende Glashüttenstraße aufgenommen und über den „Glasplatz“ ins Gebiet geführt. Dort führt sie über den „Champagner-Platz“ zur Querstraße und zu den Wohnstraßen. Die innere Erschließung des Gebietes erfolgt durch zwei parallel verlaufende Wohnwege. Durch das Gebiet und entlang der Acher verlaufen Geh- und Radwege. Das Gebiet könnte für Fußgänger und Radfahrer über eine neue Acher-Brücke südlich des „Rewe-Markts“ mit der Innenstadt verbunden werden.

Viel „Grün“ und ein öffentlicher Park

Rund 40 Prozent der insgesamt elf Hektar großen Fläche soll begrünt werden. Entlang der Acher ist ein öffentlicher Park vorgesehen. Diese Grünfläche wird – wie berichtet – zum Großteil für den Ausbau des Acherufers im Zuge von Hochwasserschutzmaßnahmen und Hochwasserrückhaltung benötigt. Dort könnte auch ein Kinderspielplatz entstehen, so die Planer.

Mögliche Projekte:
Nach dem gegenwärtigen Diskussionsstand könnten auf dem Gelände der Glashütte folgende Projekte realisiert werden:
Stadthalle
Kindergarten
Haus der Vereine
Seniorenpflegeeinrichtung
Gastronomie
Gründerzentrum
Büros für Dienstleister
Insgesamt 409 Wohneinheiten: Reihenhäuser (15 Wohneinheiten), Doppelhäuser (zehn Wohneinheiten), Stadtvillen (70 Wohneinheiten), Mehrfamilienhäuser (259 Wohneinheiten) und kostengünstige Wohnungen (55 Wohneinheiten).