Integration
Ihr Schicksal verbindet junge Flüchtlinge miteinander, nicht selten entwickeln sich zwischen ihnen Freundschaften. Auch die jungen Migranten in Achern halten bei Problemen zusammen und helfen sich gegenseitig. | Foto: Dominic Körner

Unbegleitete Flüchtlinge in Achern

Die Integration beginnt im Wohnheim

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Heimweh, Sprachbarriere, Traumata: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kämpfen auch nach ihrer Flucht oft mit vielen Problemen. In Achern erhalten sie Unterstützung von Pädagogen – und helfen sich gegenseitig über manche Krise hinweg. Am 10. September berichteten wir über die Eröffnung eines Wohnheims in der Friedrichstraße für minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung nach Deutschland gekommen waren. Gut drei Monate später wird deutlich: Ihre Integration kann gelingen, einfach ist dieser Prozess aber nicht.

Kulturelle Vielfalt

Heute leben 16 junge Flüchtlinge auf zwei Etagen in dem Eckhaus, das der Internationale Bund (IB) betreibt, ein freier Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Gambia. Ihre Vorgeschichte ist so unterschiedlich wie ihr kultureller Hintergrund. „Wir haben hier eine große Vielfalt“, sagt Betreuerin Stefanie Santo Ortiz, „und wir wollen sie auch“.

Unterschiedliche Probleme

Die Vielfalt – das Neue, Bunte und Andere – stellt die vier Pädagogen des Hauses aber auch vor Herausforderungen. „Jeder Bewohner hat andere Erwartungen an sein neues Leben und eigene Probleme“, weiß IB-Bereichsleiterin Elke Baumgartner. Psychisches Leiden könne ihre Integration erschweren: „Der Eine hat Heimweh, vermisst seine Familie oder tut sich mit der Sprache schwer“, erklärt sie, „andere leiden unter Traumata von ihrer Flucht.“

Betreuung rund um die Uhr

Nicht jeder Flüchtling kann und will sich den Pädagogen gleich öffnen, oft sind Geduld und Einfühlungsvermögen gefragt. „Viele brauchen eine Weile, bis sie von sich aus über ihre Probleme sprechen“, sagt Baumgartner.

Integration
Einen Betreuungsauftrag haben Stefanie Santo Ortiz, Elke Baumgartner und Martin Blumhofer (von links) vom Internationalen Bund. Er ist Träger des Wohnheims in der Friedrichstraße. | Foto: Dominic Körner

Weil rund um die Uhr ein Pädagoge vor Ort ist, kommt es auch schon mal vor, dass ein junger Bewohner nachts an dessen Tür klopft, wenn ihn etwas beschäftigt. Das habe keineswegs immer mit Flucht und Heimatverlust zu tun.

Hilfe in allen Lebenslagen

„Oft handelt es sich auch um die typischen Probleme eines Heranwachsenden, nicht anders als bei Deutschen“, erklärt Baumgartner und verweist schmunzelnd auf den Fall eines Bewohners, den der Liebeskummer umtrieb. „Wir bieten Hilfe in allen Lebenslagen“, sagt Regionalleiter Martin Blumhofer, wobei auch die Pädagogen an ihre Grenzen kommen. „Bei schwerwiegenden psychischen Beschwerden vermitteln wir die jungen Leute an einen Psychologen.“

Schicksal schweißt zusammen

Wie Stefanie Santo Ortiz beobachtet hat, helfen sich die in Doppelzimmern untergebrachten Bewohner bei kleineren Problemen oft gegenseitig: „Das Schicksal verbindet, viele sind miteinander befreundet.“ Die deutsche Kultur sollen die jungen Flüchtlinge, die in Offenburg eine Sprachschule besuchen, im Alltag kennenlernen. Über Unterschiede zur Heimat und etwaige Anpassungsschwierigkeiten bei der Integration spricht man beim Mittagessen oder in der Hausversammlung, die auf jeder Etage einmal wöchentlich stattfindet. Eigene Kurse, etwa mit verpflichtender Teilnahme, gibt es dafür nicht.

Wir leben Gleichberechtigung vor

Dass sich die ausschließlich männlichen Flüchtlinge in Deutschland teilweise auch an neue Geschlechterrollen gewöhnen müssen, hält Santo Ortiz nicht für problematisch: „Wir leben den Jungs vor, dass Mann und Frau bei uns gleichberechtigt sind.“ So gebe es in der Einrichtung einen männlichen Hauswirtschafter, in den Herkunftsländern einiger Flüchtlinge sie dies dagegen eine klassische Frauenaufgabe. „Sie sehen und lernen, was bei uns normal ist – und sie übernehmen das“, sagt Santo Ortiz. Schwierigkeiten habe es bislang keine gegeben.

Hierarchien und Hausregeln

„Unabhängig von den Geschlechterrollen ist es wichtig, dass die Bewohner Hierarchien und Hausregeln akzeptieren“, betont Baumgartner. Die Pädagogen vor Ort haben im Zweifel das letzte Wort, es gibt eine „Ausgangssperre“ (wochentags um 22 Uhr) und einen festen Putzplan. Während ihrer Flucht seien die jungen Männer lange auf sich allein gestellt gewesen, so Baumgartner, weswegen sie sich „nach Orientierung, Sicherheit und einem strukturierten Alltag sehnen“.

Integration durch Zusammenleben

Ihr Zusammenleben unter einem Dach vermittelt auch pädagogische Inhalte. „Weil die Jungs aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen, lernen sie so, was Toleranz bedeutet“, sagt Baumgartner. Bis sie 18 Jahre alt sind, dürfen die Flüchtlinge laut Gesetz in der Unterkunft wohnen.

Zwei junge Flüchtlinge teilen sich in Achern ein Zimmer. Oft helfen sich die Bewohner gegenseitig bei Problemen. Wenn das nicht ausreicht, steht ihnen rund um die Uhr ein Pädagoge als Ansprechpartner zur Verfügung.
Zwei junge Flüchtlinge teilen sich in Achern ein Zimmer. Oft helfen sich die Bewohner gegenseitig bei Problemen. Wenn das nicht ausreicht, steht ihnen rund um die Uhr ein Pädagoge als Ansprechpartner zur Verfügung. | Foto: Dominic Körner

Wer dann aber noch nicht bereit ist, sein Leben eigenständig zu bestreiten, wird nicht sich selbst überlassen. „Bei Bedarf lässt sich die Genehmigung um zwei Jahre verlängern“, erklärt Martin Blumhofer, „die Auslagerung einer Wohngruppe ist in solchen Fällen ebenfalls denkbar“.

Beratung in Berufsfragen

Der Internationale Bund berät die jungen Männer auch in Berufsfragen. „Ihr Interesse an Schule und Arbeitswelt ist groß“, weiß Baumgartner. Viele von ihnen seien beeindruckt, dass man in Deutschland auf ihre individuellen Neigungen eingehe. Ihre Berufswünsche sind unterschiedlich und reichen von der Metallbranche über Informatik bis zum Kfz-Bereich.
Eines eint Aziz, Khavari, Abdul und die anderen Jungs aber: Vor wenigen Tagen feierten sie ihr erstes Weihnachtsfest in Deutschland. Den Christbaum im Haus hatten sie gemeinsam geschmückt.

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