Nach 40 Jahren erfolgreichen Wirkens bei der Stadt Achern geht Kulturbeauftragter Joachim W. Lemme Ende Juni in den Ruhestand. | Foto: Robert Ullmann

Joachim Lemme

Die Kultur in Achern entscheidend geprägt

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Von Robert Ullmann

Rund 1 500 Veranstaltungen hat Joachim „Jochen“ Lemme in den 40 Jahren seiner Tätigkeit für die Stadt Achern organisiert und betreut: Musik, Theater, Kleinkunst, darunter allein rund 450 Konzerte jener Reihe, die er selbst gegründet hat und die unter dem Signum „Alte Kirche Fautenbach“ bundesweit bekannt und zu einer der erfolgreichsten Kammermusikreihen zwischen Basel und Mannheim wurde.

„Nur“ freier Mitarbeiter

Das ist keine schlechte Bilanz für einen, der „nur“ freier Mitarbeiter der Stadt war, mit einem eigenen Büro im Rathaus und einem bei der Stadt angestellten Mitarbeiterstab von 1,5 Stellen. Am 30. Juni geht Jochen Lemme in den Ruhestand, tags darauf, am 1. Juli, bestreitet er sein Abschiedskonzert, das er selbst dirigieren wird, mit einem Orchester aus alten Freunden, ehemaligen Kollegen und Mitgliedern des Orchesters „Collegium musicum“, das er lange Zeit leitete.

 „Alte Küche Fautenbach“

Durch die 1994 begonnene Zusammenarbeit mit dem damaligen Südwestfunk Baden-Baden und der dortigen Leiterin der Kammermusik-Abteilung, Lotte Thaler, waren die Konzerte in der Alten Kirche Fautenbach auch in anderen Senderbereichen der ARD zu hören. Lemme, der etliche Anekdoten aus seinem Leben erzählen kann, hat auch dazu eine: Bei einem Aufenthalt in Berlin wurde er von Musikern angesprochen. „Es gibt da eine Kammermusikreihe, die haben wir im Radio gehört und würden dort gern auftreten. Kennst du die?“ wurde er gefragt. „Die muss irgendwo bei euch da unten sein – Alte Küche Fautenbach oder so …“ Zwar wurde im Gehörgang des betreffenden Musikers aus der Alten Kirche eine Alte Küche – doch seit er mit seinem Ensemble in Fautenbach auftrat, weiß er Bescheid.

Start mit dem Abegg-Trio

Zu Lemmes Engagement für die Acherner Kultur kam es 1976 durch ein Konzert des später weltbekannten Abegg-Trios im Acherner Bürgersaal. Dessen Geiger Ulrich Beetz lebte in Achern und war Kollege von Lemme beim SWR-Orchester. Lemme: „Der Abend war schlecht besucht, die Öffentlichkeitsarbeit war miserabel gewesen.“ Verärgert sprach er den Zuständigen, VHS-Chef Hans-Georg Mennig, an und beschwerte sich. Als Reaktion bot Mennig ihm an, eine Kammermusikreihe zu organisieren. Budget: 10 000 D-Mark (etwa 5 000 Euro). In der ersten Saison 1977/78 habe man durch persönliche Ansprache 320 Abonnenten für die noch völlig unbekannte Reihe geworben. Lemme: „115 warb ich persönlich.“

Unterstützung durch den Oberbürgermeister

Auch der damalige Oberbürgermeister Winfried Rosenfelder gehörte zum Kreis der Abonnenten, obwohl er der Sache sehr skeptisch gegenüber stand. Lemme: „Das wandelte sich, und er wurde ein großer Unterstützer.“

Konzertsaal mit außergewöhnlichem Ambiente

Die entscheidende Wende kam, als der Acherner Unternehmer Karl Bold die Fautenbacher Kirche von der Erzdiözese Freiburg kaufte. Bold war begeistert von der Idee, die Konzertreihe vom Bürgersaal in „seine Alte Kirche“ zu verlegen, und investierte erhebliche Summen in den konzertgerechten Umbau. So entstand ein Konzertsaal mit außergewöhnlichem Ambiente und einer herausragenden Akustik. Bereits in der Startsaison meldeten sich 440 Abonnenten an – bei 286 Plätzen. So musste man die stets Sonntags stattfindenden Konzerte sowohl um 11 wie um 19 Uhr anbieten, ein Rhythmus, der sich bis heute erhalten hat.

Nachfolgerin erhält 0,75-Prozent-Stelle

Zeitgleich mit dem Umzug der Kammermusikreihe in die Alte Kirche wurde Lemme zum Kulturbeauftragten der Stadt Achern ernannt. Nach einigen Einzelveranstaltungen wurde in der Saison 1989/90 mit dem „gong Achern“ eine zweite Veranstaltungsreihe mit Theater, Literatur, Folk, Jazz, Kleinkunst und Kabarett gegründet. Was ihn freut: Dass seine Nachfolgerin Nicole Reuther zumindest eine 0,75-Prozent-Stelle erhält. Lemme: „Obwohl der Arbeitsanfall deutlich darüber liegt.“

Vater war ein exzellenter Pianist

Schon sein Vater, ein exzellenter Pianist, hatte in Bühl Konzerte veranstaltet, erzählt Lemme. Er selbst habe sich von Anfang an für die Geige interessiert, doch erst im Alter von zehn Jahren Unterricht erhalten. Seine Entwicklung deutete schnell auf einen späteren professionellen Weg hin. Während des Studiums in Freiburg unterstützten ihn Erich und Elma Doflein, ein berühmtes Musikpädagogenpaar. Durch sie kam er Mitte der 1960er Jahre an die damals neue Städtische Musikschule Lahr. Als wichtigen Lehrer bezeichnet er den amerikanischen Cellisten George Neikrug, von dem er unglaublich profitiert habe. 1971 erspielte sich Lemme eine Stelle als Geiger im Südwestfunkorchester Baden-Baden, später wurde er zum stellvertretenden Solobratscher gewählt. Lemme ist Fußballfan. In jungen Jahren trainierte regelmäßig bei seinem Heimatverein VfB Bühl und war Spielführer der SWR-Orchesterkicker. Heute ist er mehr der „Fernseh-Sportler“.

Ein Jahr ohne Termine

Für sein erstes Jahr im Ruhestand hat sich Jochen Lemme etwas sehr Ambitioniertes vorgenommen: Ein Jahr lang keinerlei Termine. Die letzen 50 Jahre habe er stets nach dem Kalender gelebt, daher sein Entschluss: „Ich mach ein Jahr lang nix!“

 

Kommentar:

Der Lotse geht von Bord. Joachim Lemme hat die Acherner Kulturszene geprägt wie kein anderer. Nach vier Jahrzehnten unermüdlichen Wirkens macht der 73-jährige Kulturbeauftragte nun Schluss und wechselt Ende kommender Woche in den Ruhestand. Standesgemäß mit einem Abschiedskonzert – und ganz sicher mit einer Träne im Knopfloch.„Der Musiker aus Leidenschaft ist ein begeisterungsfähiger, vielseitiger Künstler und zugleich ein beharrlicher, umsichtiger und nüchtern kalkulierender Kulturmanager. In seiner Person vereinigen sich konzeptionelle Kraft, mitreißende Leidenschaft und künstlerisches Gespür“, schrieb ABB-Kulturkritiker Thomas Lubkowski im Januar 2004 zu Lemmes 60. Geburtstag. Dem ist nichts hinzuzufügen. Lemme hat dem einst von der Volkshochschule begründeten Acherner Kulturbetrieb einen klangvollen Namen verliehen. Weit über die Grenzen der Stadt hinaus strahlt der Stern der Konzertreihe „Alte Kirche Fautenbach“, aber auch das „gong“-Programm sorgt dank der klugen Auswahl der Künstler immer wieder für „Paukenschläge“ in der Region. Doch das ist noch lange nicht alles – „Achern im Visier“ oder die „Foto-Biennale“ zeigen die Fähigkeit Lemmes, neue innovative Impulse zu setzen – ebenso wie das legendäre Kulturfestival „On Stage“, das er 1995 auf den „Illenau-Wiesen“ veranstaltete. Ihm gelang das Kunststück, dies alles trotz eines stets überschaubaren Budgets zu stemmen. Kein Zweifel, Lemme hat durch sein segensreiches Wirken in der Hornisgrindestadt große Fußstapfen hinterlassen. Er ist, und daran gibt es nicht den mindesten Zweifel, ein absoluter Glücksfall für Achern. Michael Moos