Karin Spiegel
Frühere Kolleginnen treffen sich in Italien: Karin Spiegel (rechts) mit Patrizia Schek, Jutta Kleinschmidt und Andrea Peterhansel (von links). | Foto: red

Karin Spiegel aus Ottenhöfen

Die Rennfahrer-Karriere begann über Umwege

Anzeige

Zwölf Jahre war Karin Spiegel mit ihrem Motorrad auf den Rennstrecken der Welt unterwegs. Nach längerer Pause fährt die Ottenhöfenerin inzwischen wieder. Dabei wäre es Mitte der 80er Jahre fast nicht zur großen Karriere gekommen.

Es war wie eine Reise in die Vergangenheit: Als Karin Spiegel aus Ottenhöfen, ehemals Schnurr, bei einem Enduro-Turnier in Italien auf ihre früheren Mitstreiterinnen traf, hatten sich die Motorradfahrerinnen viel zu erzählen. Dort traten rund 120 Geländesportlegenden gegeneinander an – fast wie ein kleines Klassentreffen für die Damenmannschaft: „Das war besonders, wir waren ja damals schon Pionierinnen“, sagt die 52-Jährige. Wie ihre Kolleginnen, die Paris-Dakar-Siegerin Jutta Kleinschmidt, Rallye-Legende Patrizia Schek und Rallye-Pilotin Andrea Peterhansel (ehemals Mayer) hat auch die Achertälerin eine bewegte Rennfahrergeschichte hinter sich.

17-jährige Karin nahm an Motocross-Lehrgang teil

Die begann vor 34 Jahren eigentlich mit viel Widerwillen: 1984 wurde in Baden-Baden erstmals ein Motocross-Lehrgang für Frauen angeboten. Ihr Vater Hermann Schnurr machte die damals 17-jährige Karin, beide Mitglied im Motorsportclub Renchtal in Oberkirch, auf den Kurs aufmerksam. Motocross heißt in diesem Fall, die etwa 1,5 Kilometer langen Runden in einer Gesamtzeit von 15 bis 20 Minuten möglichst schnell zu durchfahren. „Ich fand das ganz furchtbar“, erzählt Karin Spiegel. „Die anderen konnten schon gut fahren, ich dagegen bin ständig auf der Nase gelegen.“ Fast wäre es also gar nicht zur großen Karriere gekommen, über Vereinsfreunde ging sie dann aber doch zum Training – und fuhr vier Monate später ihr erstes Motocross-Rennen. „Damals hatte ich noch keinen Autoführerschein, deshalb hat meine Mutter mich zu den Rennen gebracht.“

Karin Spiegel
Ihr erstes Rennen fuhr Karin Spiegel im Jahr 1984 „rund um den Kutzenstein“, ein Jahr später stand sie zum ersten Mal auf dem Siegertreppchen. | Foto: red

Die Familie spielt auch bei ihren Anfängen auf dem Zweirad eine wichtige Rolle: „Wir hatten eine Tankstelle, da musste ich sonntags helfen und durfte zur Belohnung mit einem Moped fahren“. Zum ersten Mal saß sie mit zehn Jahren auf dem Gefährt. Mit 15 Jahren machte sie ihren Mofaführerschein, mit 16 den fürs Moped – „das war die Hochzeit der Mopeds, fast jeder hatte eins“ – und mit 18 den Motorradführerschein. Im ersten Jahr sei sie bei den Turnieren immer im Mittelfeld gelandet, 1985 gelang der erste Sieg. Das erste Mal ganz oben auf dem Treppchen, der erste Siegerkranz: Das sei der schönste Moment ihrer Rennfahrerzeit gewesen, erinnert sich die 52-Jährige.

Vor der Pause zwölf Jahre im In- und Ausland aktiv

1985 und 1986 gewann sie dann auch die Deutsche Motocross-Meisterschaft. Als Frau im Rennsport sei sie eine Exotin gewesen, erklärt Karin Spiegel: In ganz Deutschland gab es nur zehn bis zwölf weibliche Motocrossfahrer. „Früher wurden wir belächelt. Meine Mutter hat das am Streckenrand mitbekommen. Einmal stand da ein Mann und meinte zu einem anderen: ,Komm schnell und schau, jetzt fahren die Weiber.’“ Mittlerweile hätten sich Frauen in dem Sport aber etabliert. Zwölf Jahre lang war Karin Spiegel im In- und Ausland bei Rennen aktiv: Sie entdeckte das sogenannte Drei-Stunden-Enduro für, sich, bei dem es viel mehr auf Ausdauer statt auf Tempo ankommt, war fast jedes Wochenende unterwegs und wurde von ihren Sponsoren unterstützt. Dann ließ irgendwann die Motivation nach: „Ich habe gemerkt, dass ich nicht mehr bereit war, alles dafür zu geben“, sagt sie. 1996 beendete sie ihre Laufbahn – vorerst.

Wir haben viele Urlaube auf dem Motorrad verbracht

In der Zwischenzeit stand anderer Sport im Mittelpunkt. Fußball habe sie schon immer gern gespielt, dazu fing sie an, Tennis zu spielen und zu laufen. „Laufen habe ich früher wie die Pest gehasst“, schmunzelt sie. Dann sei sie zu der Initiative „Laufend helfen“ gekommen, nahm unter anderem am Eisweinlauf und am Partnerschaftslauf von Sasbach nach Marmoutier teil und organisiert auch einen eigenen Lauf in Ottenhöfen. Außerdem trainiert sie die Jugend beim FC Ottenhöfen gemeinsam mit ihrem Mann Raimund Spiegel. Der fährt zwar auch Motorrad („Viele Urlaube haben wir auf dem Motorrad verbracht“), aber nicht im Gelände, und die elfjährige Tochter interessiert sich eher für Fußball und fürs Tanzen. Beruflich blieb sie motorisierten Fahrzeugen treu: Während ihrer aktiven Zeit arbeitete sie in einem Motorradgeschäft, heute macht sie die Buchhaltung in einem KFZ-Betrieb.

Begeisterung kam nach wenigen Metern wieder

Die Wende kam 2013: Zum 60-jährigen Vereinsbestehen des MSC Renchtal fand eine Jubiläumsfahrt statt, der damals 78-jährige Hermann Schnurr nahm teil, und auch seine Tochter sollte mitfahren. „Ich bin dann in den Keller gegangen, um zu schauen, ob die Ausrüstung noch passt, und habe mir ein Motorrad geliehen“, sagt sie. „Ich war kaum 300 Meter gefahren, da habe ich wieder gemerkt, wie toll das ist. Seitdem fahre ich mit meinem Vater gemeinsam Classic Enduro – er ist jetzt 83.“ Verlernt habe sie das Fahren in der Zeit überhaupt nicht, und leihen muss sie sich ihr Fahrzeug längst nicht mehr: Zwei Motorräder stehen heute in der Garage. Sogar dasselbe Modell wie vor 30 Jahren.