Viele Hausärzte wollen in den kommenden Jahren im Ortenaukreis aufhören. Wie man mit diesem Problem umgeht, war eines der Themen bei den Strukturgesprächen zur Gesundheitsversorgung. | Foto: Weissbrod

Ein sperriges Thema

Gesundheitswesen im Ortenaukreis: Strukturgespräche kommen nur mühsam voran

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Ein sperriges Thema hat sich der Ortenaukreis mit seinen Strukturgesprächen zur Gesundheitsversorgung vorgenommen. Ausgehend von der emotional geführten Debatte um die Zukunft der Kliniken soll das gesamte Gesundheitswesen auf den Prüfstand – insbesondere auch der Bereich der niedergelassenen Ärzte, in dem die Veränderungen mindestens so fundamental sein werden wie bei den Krankenhäusern.

Beinahe jeder dritte Mediziner wird in den kommenden fünf Jahren seine Praxis auf- oder übergeben. Und Nachfolger, so machte Evelyn Bressau, ärztliche Leiterin der kommunalen Gesundheitskonferenz im Ortenaukreis im Festsaal der Illenau deutlich, stehen nicht unbedingt Schlange.

Work-Life-Balance

Das liegt nicht nur, aber auch an geänderten Lebensentwürfen: Den Hausarzt, der sieben Tage die Woche rund um die Uhr zur Verfügung steht, den gibt es fast nicht mehr, sagt Bressau. Man arbeite lieber angestellt, mit festen Arbeitszeiten. Dazu kommt: Der Trend vom Land weg in die Stadt ist am Arztberuf nicht vorbeigegangen. Eines von vier Themen, die am Mittwoch im Festsaal der Illenau im Mittelpunkt standen und für die – natürlich – in den drei vorgegebenen Stunden keine Lösung gefunden werden konnte.

Nur 20 Interessenten

Dies umso mehr, als der Besuch überschaubar blieb. Rund 20 Interessenten, darunter die Bürgermeister von Rheinau, Sasbach und Kappelrodeck, saßen in dem Saal der gesamten Expertise gegenüber, die Kreis und Klinikum aufzubringen hatten: Neben den Vertreterinnen der Gesundheitskonferenz standen beispielsweise Reinhard Kirr, Dezernent für Sicherheit und Gesundheit, Reinhard Müller, Chef der strategischen Konzernentwicklung beim Ortenau Klinikum, oder auch Michael Haug von der Rettungsdienst Ortenau gGmbH als Ansprechpartner bereit.

In Arbeitsgruppen wurden die Themen wie hier die Notfallversorgung besprochen. | Foto: fl

Eineinhalb Stunden lang konnten in Arbeitsgruppen Ideen gesammelt werden – am Ende freilich standen vor allem Allgemeinplätze wie der Wunsch, in einen „patientenorientierten“ medizinischen Versorgungszentrum möglichst alle Fahrtrichtungen unter einen Hut zu bringen, den Ärzten weniger Bürokratie aufzubürden, oder auch die Verfügbarkeit von Rettungswagen zu verbessern und zu verhindern, dass diese durch Überführungsfahrten zwischen Hospitälern blockiert sind. Ein Thema, das durch die Klinikreform nicht eben entschärft wird: „Wir brauchen künftig mehr Fahrzeuge für den Transfer zwischen den Standorten“, räumte Reinhard Müller in einer Arbeitsgruppe ein, die sich mit der Notfallversorgung befasst.

Rettungswagen verlegt

Ein heikles Thema, wurde doch eben ein Rettungswagen von Achern nach Appenweier verlegt. Der sei damit für Achern nicht verloren, betonte Reinhard Kirr, werde nur von einer anderen Basis aus eingesetzt und zudem nun 24 Stunden am Tag statt zwölf; und doch: Das Thema kreiste in der Arbeitsgruppe, obwohl man vielleicht auch über die Frage hätte sprechen können, wie die wegfallenden Notaufnahmen in kleineren Kliniken kompensiert werden. Gleich sechs Moderatoren hatte das Zentrum für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung der Uni Stuttgart für diesen Abend – einen von sechs im gesamten Kreis – aufgeboten. Sie sahen sich einer Fülle von Vorschlägen gegenüber, von denen nur die wenigsten in der Schlussrunde aufgegriffen werden. Am Ende sollen alle im Internet Erwähnung finden.

Input für Stuttgart

Der Kreis erhofft sich von der mit großem Aufwand betriebenen Bürgerbeteiligung dennoch mehr als nur ein wenig Balsam für die Seelen der Kommunen, die ihr Krankenhaus verlieren: Das Land warte auf den Input zur Frage, wie man den Medizinbetrieb neu strukturieren könne, sagt Bressau: „Ich bin optimistisch, dass das Ganze hier nicht versandet“.

Heikle Gespräche kommen noch

Das wird sich im Herbst zeigen. Bislang fanden die Strukturgespräche in Haslach und Achern statt, in Regionen also, in denen keine Klinikschließung ansteht. Die richtig dicken Bretter werden im Herbst zu bohren sein – am 26 September in Oberkirch zum Beispiel.