Winzer Desinfektionsmittel
Ein Sasbachwaldener Winzer von der Alde-Gott-Brennerei füllt gemeinsam mit Michael Becker von der Sasbacher Lender-Apotheke Desinfektionsmittel ab. | Foto: Archiv Benedikt Spether

Kreative Ideen

Diese Ortenauer Unternehmen entwickelten während Corona „Heldenprodukte“

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Während vielerorts Betriebe ihre Tore schlossen und Kurzarbeit angesagt war, hat eine Handvoll kreativer Unternehmen in der Ortenau in der Corona-Krise die Produktion umgestellt – auf Schutzausrüstung im Kampf gegen das Virus.

Von Michael Brück

Kreativität in Zeiten des Corona-Virus. Das war auch im Ortenaukreis bei zahlreichen Firmen gefragt. Wo die Wirtschaft weitestgehend heruntergefahren wurde, zahlreiche Betriebe ihre Tore geschlossen hielten und flächendeckend Kurzarbeit angesagt war, gab es am Oberrhein doch noch eine Handvoll innovativer Unternehmen, die ihre Möglichkeiten und freien Kapazitäten nutzten, um ihre Produktion umzustellen. Sie stellten her, was gerade am dringendsten benötigt wurde: Schutzausrüstung, mit der eine weitere Ausbreitung von Covid-19 eingedämmt werden sollte.

Das Netzwerk Wirtschaftsregion Ortenau (WRO) hat diesen Unternehmen im Internet mit der Seite „heldenprodukte.de“ eine Plattform geboten und so manches Produkt „Made in Ortenau“ für einen noch neuen Markt bekannt gemacht. Hygieneprodukte, Schutzmasken und Desinfektionsspender, aber auch Virenschutzscheiben, Medizinprodukte, Schnelltests oder Kunststoffvisiere für Kinder. Die Ortenauer Wirtschaft, so WRO-Geschäftsführer Dominik Fehringer, habe an dieser Stelle mit ihrer unglaublichen Produktvielfalt wieder einmal Zähne und den Biss an der richtigen Stelle gezeigt.

Unternehmen passten Produkte an diesen Markt an

Große Unternehmen wie der Wohnmobil-Hersteller Bürstner aus Kehl nutzten ihre Kapazitäten, um Produkte für diesen Markt anzupassen. In Kehl wurden so beispielsweise Hygienestationen gebaut – mit der Technologie, die üblicherweise beim Innenausbau der Wohnmobile zum Einsatz kommt.

Bekleidungshersteller wie Fischer aus Schweighausen im Schuttertal sattelten auf die Produktion von Mund-Nase-Masken um, und die Rheinauer Firma Stage Concept versuchte sich in Ermangelung von Live-Events sehr erfolgreich in der Bereitstellung von Inhouse-Studios für Live-Video-Konferenzen.

Hand-Held kommt auf die Türklinke

Besonders innovativ und erfolgreich zeigte sich die Zimmer Group aus Rheinau. Der Spezialist für Kunststofftechnik stellt an seinen Standorten in Freistett und Ottersweier Kunststoff- und Metallteile im so genannten Spritzgussverfahren her.

Um seinen Mitarbeitern einen bestmöglichen Schutz vor Corona-Ansteckungen zu ermöglichen hatte Jonas Zimmer, Geschäftsführer der Zimmer Kunststofftechnik, die Idee für einen Hygiene-Türöffner. Der so genannte Hand-Held kann auf jede Türklinke aufgesteckt werden. So lässt sich die Tür dann mit dem Unterarm öffnen. Der Griff mit der Hand zur Tür entfällt, und so lässt sich das Risiko einer Übertragung von Viren deutlich minimieren.

Türöffner
Jonas Zimmer zeigt den Türöffner der Zimmer Group. | Foto: privat

Vor allem einige Schulen in der Region freuten sich zunächst über diese Innovation, die von der Zimmer Group dort kostenlos montiert wurde. Online mutierte das Produkt zu einem Verkaufsschlager und wird auch jetzt noch auf einer eigenen Shop-Seite gut verkauft. „Die Nachfrage ist hoch. Bürger, Arztpraxen, Mittelständler und Großunternehmen aus der Region bestellen unseren Türöffner“, verriet Jonas Zimmer noch während der Corona-Einschränkungen unserer Zeitung.

Mit einer einfachen aber innovativen Idee genau zur richtigen Zeit hat die Zimmer Group damit ein neues Produkt entwickelt, das auch über die Corona-Zeiten hinaus genügend Potenzial hat, am Markt zu existieren.

Winzer und Apotheker packen zusammen an

Aus der schieren Not geboren war das Produkt, das der Sasbacher Apotheker Michael Becker mit Hilfe der Winzergenossenschaft Alde Gott in den Corona-Hochzeiten hergestellt hatte. Der Inhaber der Lender-Apotheke nutzte für sein stark nachgefragtes Desinfektionsmittel die Technik der Brennerei in der Winzergenossenschaft, die Geschäftsführer Uwe Lehmann für diesen besonderen Zweck nur allzu gerne bereit stellte.

Mehr zum Thema: Desinfektionsmittel statt Wein: Winzergenossenschaft kooperiert in Corona-Krise mit Apotheke

Die Rezeptur, so Lehmann, sei aber alleine Sache des Apothekers gewesen. Entsprechend möchte Lehmann dann auch nicht von einer Kooperation der beiden Betriebe sprechen und die Lorbeeren einheimsen. Für ihn sei es eine Ehrensache gewesen, die Brennerei für die Produktion eines dringend benötigten Hygienemittels zur Verfügung zu stellen.

Und Michael Becker? Der konnte mit seinem Cocktail aus Alkohol, Wasser Glycerol und Wasserstoffperoxid den zeitweise doch massiven Bedarf an Mitteln für die Handhygiene zumindest für seine Kunden befriedigen. „Doch jetzt bin ich sehr froh, dass die Ware unserer Industriepartner wieder verfügbar ist“, sagt der Sasbacher Apotheker.

Es sei für ihn eher eine Service-Leistung gewesen, kalkuliert mit einer üblichen Marge. „Wir hätten unseren Kunden nicht den Wahnsinn zugemutet, der etwa auf Internet-Plattformen zu erleben war. Dort hatte man zwischenzeitlich Preise von 30 Euro für 100 Milliliter aufgerufen“, sagt Becker.
Für ihn sei es eher ein großer Stress gewesen.

Mehrere hundert Liter Desinfektionsmittel hergestellt

„Ich war schon morgens in aller Frühe in der Apotheke, dann in der Winzergenossenschaft zur Herstellung und am Ende gingen uns dann auch noch die Sprühflaschen aus, weil auch hier der Markt eng wurde.“ Der Markt normalisiere sich langsam und er könne sich jetzt wieder auf sein Kerngeschäft konzentrieren. „Wir haben sehr fleißig mehrere hundert Liter Desinfektionsmittel nach einer Standard-Rezeptur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hergestellt. Jetzt bin ich ehrlich froh und erleichtert, dass dieses Kapitel abgeschlossen ist.“