Rote Zahlen schreibt das Klinikum Achern/Oberkirch, das erst zu Beginn des vergangenen Jahres aus einer Fusion entstanden war. Im Frühsommer steht eine Grundsatzdebatte über alle Krankenhäuser im Ortenaukreis an. | Foto: Dominic Körner

Ortenauer Klinikchef im Interview

„Dürfen nicht nur über Wirtschaftlichkeit diskutieren“

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Die Kiniken sind, wieder einmal, in finanzieller Not. In einer Klausurtagung will der Kreistag Mitte Mai die Weichen für die künftige Struktur der Krankenhäuser stellen – und dabei wohl auch über die Frage sprechen, ob alle Häuser erhalten werden können. Eine Vorgabe, die bislang in der Ortenau als unumstößlich galt. In Vorfeld der Grundsatzdebatte sprach Klinik-Geschäftsführer Christian Keller mit unserem Redaktionsmitglied Frank Löhnig über die Perspektiven des mit neun Häusern größten kommunalen Krankenhausträgers im Land.

Die Zukunft der Kreiskrankenhäuser wird das zentrale politische Thema das Jahres 2017 sein. Die Diskussion hat längst begonnen, im Renchtal gab es, quasi vorsorglich, schon die erste Resolution eines Gemeinderats für den Erhalt des Oberkircher Krankenhauses. Wie lange darf eine Klinik rote Zahlen schreiben, bis die Debatte über den Erhalt des Standorts nicht mehr aufzuhalten ist?

Christian Keller: In Oberkirch und anderen kleinen Häusern steht auf Dauer nicht ausschließlich die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund, sondern die Frage, ob wir weiterhin noch qualifiziertes Personal gewinnen können. Das wird letztlich die Entwicklung lenken.

Da der Bund keine direkten Einflussmöglichkeiten auf die Gesundheitspolitik und die zuständigen Länder hat, fährt er einfach mit dem Rasenmäher drüber.

Und es geht ebenso um gesetzliche Vorgaben zu Qualitätsstandards. In den kleinen Häusern leisten wir eine sehr gute Basisversorgung. Bei größeren, spezialisierten Eingriffen gibt es jedoch bundesweit einen klaren Trend zur Zentrenbildung. Deshalb müssen wir die Maßnahmen gut austarieren. Wir dürfen nicht nur über Wirtschaftlichkeit diskutieren, sondern müssen auch über Qualität und Personal sprechen.

Der Tonfall in der Debatte über die Krankenhäuser hat sich in den vergangenen Monaten verändert. Provokant gefragt: Ist Ihr Vorgänger Manfred Lörch gerade noch rechtzeitig in den Ruhestand gegangen, bevor es in der Ortenau zum Schwur kommt?

Keller: Allen Klinikverantwortlichen in Deutschland ist klar, dass es zum Schwur kommen muss. Das war 2013 oder 2014 nicht anders. Seit zehn bis 15 Jahren haben wir die Situation, dass die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben immer weiter auseinandergeht. Und es wird jedes Jahr schwieriger.

Erwarten Sie, dass der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen wieder ändert, den Kliniken ein wenig mehr Spielraum gibt?

Keller: Nein. Es ist klares Ziel der Bundespolitik, die Lohnnebenkosten stabil zu halten. Da der Bund keine direkten Einflussmöglichkeiten auf die Gesundheitspolitik und die zuständigen Länder hat, fährt er einfach mit dem Rasenmäher drüber und entzieht dem System willkürlich Geld. Dort wo die Klinikträger ein finanzielles Rückgrat haben – starke Kreise oder Kommunen – da bleiben die Halme stehen, die anderen knicken ab. Allerdings habe ich Zweifel, dass dies bei der Versorgung der Menschen mit Gesundheitsleistungen der richtige Ansatz ist.

Jeder Partner im Gesundheitswesen hat seine Berechtigung und seine Rolle.

Auch Herr Lörch hat wiederholt darauf hingewiesen, dass es immer schwieriger werden wird. Schon das Strategiegutachten 2012/2013 hat deutlich gemacht, dass die Dinge sich weiter zuspitzen werden. Dass wir jetzt über neue Konzepte im Verbund nachdenken, kommt für niemanden überraschend.

Das von Ihnen angesprochene Strategiegutachten hat zu Unruhe und auch zu Einschnitten geführt. Ist damals alles umgesetzt worden, was das Gutachten vorgegeben hat?

Keller: Was aus Sicht des Trägers und der Gremien sinnvoll war, hat man realisiert. Aber die Entwicklung geht weiter. Fünf Jahre sind im Klinikbereich beinahe wie 50 Jahre im Leben eines Menschen. Deshalb müssen wir uns erneut Gedanken machen.

Das Gesundheitswesen hat sich in den vergangenen Jahren insgesamt verändert, die medizinischen Versorgungszentren zum Beispiel haben natürlich Auswirkungen auf die niedergelassenen Ärzte, manche Praxen finden kaum noch Nachfolger. Ändert sich dadurch auch die Rolle der Kliniken, weil die Menschen vielleicht gleich ins Krankenhaus gehen statt wie früher zum Hausarzt? Die Notaufnahmen jedenfalls sind, wie man hört, brechend voll…

Keller: Es ist ganz klar so, dass viele Patienten sich auch bei kleineren Beschwerden für das Krankenhaus entscheiden, obwohl sie eigentlich in eine Praxis gehen könnten. Das hat unterschiedliche Ursachen. Ganz wichtig ist: Wir sind als Kliniken nur für die akuten Notfälle zuständig und wir wollen uns nicht in die Aufgaben der niedergelassenen Ärzte einmischen. Jeder Partner im Gesundheitswesen hat seine Berechtigung und seine Rolle.

Klinik-Geschäftsführer Christian Keller | Foto: Ortenau Klinikum

 

Eines der Kernprobleme ist, dass viele Patienten nicht ausreichend informiert sind, was sie tun sollen. Wir werden in diesem Jahr im Kreis, gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten, genau zu diesem Thema eine kleine Informationskampagne starten und darauf hinweisen, wann der Weg ins Krankenhaus richtig ist und wann in die Praxis. Wir wissen aber auch, dass die Wartezeiten bei Fachärzten – von diesen unverschuldet – oft ein Problem sind, und oftmals auch die Öffnungszeiten der Praxen. Wer erst abends nach der Arbeit zum Arzt geht, wird vor verschlossenen Türen stehen und dann zu uns kommen. Da bekommt er von uns das volle Leistungspaket und wir legen im Zweifel finanziell drauf.

Warum zahlen die Kliniken bei ambulanten Fällen drauf?

Keller: Eine ambulante Behandlung in der Notaufnahme kostet rund 110 Euro. Wir erhalten 30 bis 60 Euro, je nachdem wie man es berechnet. Wir legen bei jedem Fall drauf. Dazu kommt: Oft werden in der Notaufnahme die Wartezeiten beklagt. Diese entstehen auch, weil wir viele Patienten haben, die keinen akuten Notfall darstellen und wir uns natürlich erst um die akuten Notfälle kümmern.

Nun fährt der Kreis sein Angebot bei den Notaufnahmen zurück – in Oberkirch wurde das Angebot ebenso eingeschränkt wie in Offenburg. Wie geht das zusammen?

Keller: Das stimmt nicht ganz, wir haben das Angebot sogar ausgebaut. In Offenburg haben wir am Ebertplatz die Kapazitäten deutlich erweitert und stattdessen die nur wenige Minuten entfernte Einrichtung in der früheren Josefsklinik geschlossen. Es ist sehr viel sinnvoller, die Notaufnahme an einem Standort zu konzentrieren und dort auszuweiten. Wir haben am Ebertplatz jetzt viel mehr Personal, Räume und Gerät.

Wird es da noch weitere Einschnitte geben?

Keller: Wir wollen so viele Angebote aufrechterhalten wie möglich. Viele Angebote werden wir sogar ausbauen. Wir müssen unsere Prozesse an allen Standorten aber auch kontinuierlich überprüfen und den Gegebenheiten vor Ort entsprechend gestalten.

Eine Frage abseits der Strukturdebatte: Immer wieder und immer öfter hört man in den zurückliegenden Jahren, dass es in den Krankenhäusern zu Konflikten kommt – von verbalen Auseinandersetzungen bis hin zu regelrechten Handgreiflichkeiten. Was ist da los?

Keller: Die Situation hat sich bundesweit erheblich verschlimmert. Wir haben da in Südbaden vergleichsweise noch Glück. Doch es kommt auch bei uns vermehrt zu Übergriffen auf das Personal – durch Betrunkene, durch demente Menschen oder auch einfach durch aggressiv auftretende Personen.

Ein Sicherheitsdienst ist nur gefühlte Sicherheit.

Wir bereiten gerade hierzu ein Deeskalationskonzept für alle Häuser vor. Dabei geht es vor allem darum, die Mitarbeiter zu schützen – durch Schulungen, aber auch durch präventive Maßnahmen.

Gibt es dann auch einen Sicherheitsdienst mit breiten Schultern?

Keller: Ein Sicherheitsdienst ist nur gefühlte Sicherheit. Ein Krankenhaus ist viel zu groß und komplex, um es so ohne Weiteres absichern zu können. Wir brauchen ein umfassendes Maßnahmenbündel und müssen die Mitarbeiter in die Lage versetzen, auf brenzlige Situationen angemessen reagieren zu können – angefangen von der Besetzung der Dienste bis zur Verstärkung der Mitarbeiterzahl, wenn beispielsweise große Feste in der Region sind.

Wir haben uns bei den Kreistagsfraktionen erkundigt, ob sie bereit sind, ein Defizit der Kliniken aus dem laufenden Betrieb zu übernehmen. Da war durchaus auch Skepsis zu hören. Für 2015 sind die Weichen nun gestellt, für 2016 zeichnet sich wieder ein Minus im einstelligen Millionenbereich ab.

Keller: Die politische Gretchenfrage ist generell, wie viel Struktur wollen wir und können wir uns im ländlichen Raum leisten. Unser Landrat sowie unsere Gremien sind gut und klug und werden das Richtige tun.

Werden Sie Haushalte vorlegen, die von vorneherein einkalkulieren, dass der Kreis ein Defizit aus dem laufenden Klinikbetrieb in den kommenden Jahren trägt oder wäre das ein Fass ohne Boden?

Keller: Die Kernfrage ist, was der Landkreis als Eigentümer möchte. Bei den privaten Häusern ist die Grundrichtung klar, da gibt es eine eindeutige wirtschaftliche Renditevorgabe. Wir haben als kommunaler Klinikträger eine andere Grundausrichtung und eine kommunale Kultur.

Wie die gesundheitliche Versorgung aussehen wird, ist letztlich eine politische Frage.

Unser Kernauftrag lautet, die Bevölkerung mit einer tragfähigen medizinischen Infrastruktur zu versorgen. Ich glaube aber, dass es umgekehrt auf Dauer auch schädlich wäre, zu hohe Defizite zu fahren. Wir brauchen einen vernünftigen Mittelweg, den „Ortenauer Mittelweg“.

Was sind Ihre Erwartungen an die Klausurtagung zu den Kliniken am 10. Mai? Lässt sich das in Euro beziffern?

Keller: Meine Erwartung ist eine offene, transparente und sachliche Diskussion, und so wie ich die Gremien kenne, kann man das auch erwarten. Aber natürlich gibt es unterschiedliche Interessen. Es geht nicht um einzelne Standorte sondern es geht um eine gut austarierte Gesamtlösung für eine effektive gesundheitliche Versorgung. Wie die aussehen wird, ist letztlich eine politische Frage.

Bislang galt in der Ortenau: Es werden auf keinen Fall Krankenhäuser geschlossen. Ist dies auch das Credo der kommenden Jahre?

Keller: Das Management wird eine Spannbreite an alternativen Vorschlägen unterbreiten. Es gibt mehrere Modelle und Alternativen. Letztlich entscheiden darüber die Gremien des Kreises.