Von der „Illenau der Acherner“ schwärmte Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer. | Foto: Michaela Gabriel

175 Jahre Illenau in Achern

„Eines der markantesten Kulturdenkmäler Südbadens“

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Von Michaela Gabriel

„Da geht einem das Herz auf.“ Viel Begeisterung für alles bisher Erreichte in der Illenau zeigte am Sonntag Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer. Sie hielt den Festvortrag zum Auftakt des Tages der offenen Tür und sprach von „der Illenau der Acherner“, die da sei für die Menschen vor Ort. „Wir dürfen gerade die Ernte vielfältiger Arbeit einfahren“, stellte Oberbürgermeister Klaus Muttach fest.

Attraktives Umfeld

Zur Feierstunde gekommen waren viele ehrenamtlich für die Illenau engagierte Menschen, Stadträte, die Landtagsabgeordneten Willi Stächele und Thomas Marwein, der ehemalige Oberbürgermeister Reinhart Köstlin, Bürgermeister a. D. Arno Haiss, die Mitarbeiter der Stadtverwaltung und die Mitarbeiter der neuen Mieter, die ab 1. Dezember in den frisch sanierten Südostflügel einziehen werden. Bürgermeister Dietmar Stiefel, der selbst seit acht Jahren in dem „attraktiven Umfeld“ arbeitet, beschwor ein Motto, das schon für die vor 175 Jahren gegründete Heil- und Pflegeanstalt galt. Er wünsche sich, dass alle bisherigen und neuen Dienstleister in der Illenau sich als Familie fühlen und „Illenauer“ werden.

Jubiläum: Vor 175 Jahren zogen die ersten Patienten in die Heil- und Pflegeanstalt Illenau in Achern ein. | Foto: Stadtarchiv Achern

Nach einer musikalischen Einstimmung durch Hagen Reisbach am Klavier und Charlotte Roß an der Oboe verteilte Oberbürgermeister Klaus Muttach im herbstlich dekorierten Festsaal viel Lob. Der Gemeinderat habe den Mut zu großen Würfen gehabt und sein Mandat hervorragend ausgeübt. Die Mitarbeiter der Verwaltung hätten die Herausforderungen angenommen und gut zusammengehalten. Bund und Land seien hervorragende finanzielle Unterstützer gewesen. Besonders in der sehr guten Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium Freiburg habe man viel Wohlwollen verspürt.

Ganz oben auf der Priritätenliste

„Eines der markantesten Kulturdenkmäler Südbadens“ sei die Illenau, so Bärbel Schäfer. Sie habe sich seit 1998 von einem „unwirtlichen Areal“ in einer außerordentlichen Kraftanstrengung zu einem innovativen Behördenzentrum entwickelt. Jetzt erlebe sie eine „unwahrscheinliche Renaissance“ und stehe in Stuttgart ganz oben auf der Prioritätenliste. Sie sei zuversichtlich, dass auch „die letzten anstehenden Aufgaben erfolgreich bewältigt werden können.“ Die Stadt Achern habe bewiesen, dass sie gut mit Bundes- und Länderfördermitteln umgehe, von denen bislang 11,8 Millionen Euro geflossen seien.

Mut der Verzweiflung

Jede Etappe der Entwicklung würdigte die Regierungspräsidentin: von der Aktivierung des Festsaals als Ort für kulturelle Veranstaltungen über den Ausbau des Technischen Rathauses, den Aufbau der Illenau-Werkstätten und der Begegnungsstätte mit Museum und Bistro bis zum Einzug der Behörden des Landkreises. Nach dem Kauf des Areals 1998 für drei Millionen Mark „mit einem gewissen Mut der Verzweiflung“ habe man die historische Chance begriffen und sei den „Weg der kleinen Schritte“ gegangen. Durch den Rahmenplan, den Oberbürgermeister Muttach 2009 aufgestellt habe, sei eine starke Dynamik entstanden. Ein vorbildliches Ergebnis habe man erzielt, weil man stets um die besten Lösungen gerungen habe. Klaus Muttach und viele andere hätten das Richtige getan.

Der Kommentar:
Die Illenau – ein Symbol von außergewöhnlicher Strahlkraft. Einst und heute Wahrzeichen von Achern. Dreh- und Angelpunkt der städtischen Geschichte. Alleinstellungsmerkmal. Von der in Fachkreisen weltberühmten Heil- und Pflegeanstalt bis zum schrecklichen Ende in der Verantwortung der Nationalsozialisten, von der Nutzung als „Reichsschule für Volksdeutsche“ und später als Kaserne für die französischen Streitkräfte bis hin zur mit vielen kommunalpolitischen Geburtswehen begleiteten Revitalisierung: An der Illenau ist auch ein Stück deutscher Geschichte ablesbar. Das macht das Gebäudeensemble am Eingang zur Acherner Innenstadt so einmalig.
Nun feiert die Illenau Geburtstag – 175 Jahre sind vergangen, seit im Herbst 1842 die ersten Patienten in die damals neu erbaute badische Heil- und Pflegeanstalt eingezogen sind. Die Stadt Achern feiert diesen Anlass gebührend – und darf sich dabei auch ein wenig im Glanz längst vergangener Tage sonnen, als Männer wie Christian Roller, Karl Hergt und Heinrich Schüle bei der Arbeit mit psychisch kranken Menschen hier wahrlich Pionierarbeit leisteten. Das Jubiläum gibt auch Anlass zu tiefen Einblicken in die gut bestückten Archive: Dank der Forschungsarbeit von Gerhard Lötsch und Wolfgang Winter sowie nicht zuletzt durch die aktuelle Artikelserie von ABB-Mitarbeiter Michael Karle rundet sich das Bild von der historischen Illenau als lebendigem Gemeinwesen mitten in Achern.
Mitten in Achern – dort liegt die Illenau auch heute wieder. Sie ist den Menschen ans Herz gewachsen. Das zeigt sich nicht nur bei Großveranstaltungen in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt, sondern auch an dem immensen Interesse am Dokumentarfilm von Frank König und Emre Özlü: Am Donnerstagabend bildete sich vor dem „Tivoli-Kino“ eine so lange Warteschlange, als stünde ein neuer „James Bond“ auf dem Spielplan und nicht „nur“ ein Film über die Illenau.
Heute ist die Illenau eine Erfolgsgeschichte. Daran haben – wie Gerhard Lötsch – viele Acherner mitgearbeitet. Zu nennen sind hier auch die Oberbürgermeister Reinhart Köstlin und Klaus Muttach: Der eine setzte den Kauf durch die Stadt durch, der andere schuf mit seinem „Rahmenplan“ ein Behördenzentrum, das Maßstäbe setzt. Fehlt nur noch eine zündende Idee für eine adäquate Nutzung des Zentralgebäudes.   Michael Moos