Fahrausbildung Fahrprüfung
Alte Lehrmethoden: Heute lernen Fahrschüler Verkehrsregeln und richtiges Verhalten im Straßenverkehr nicht mehr mit Material aus Papier, sondern mit einer Handy-App. | Foto: Michaela Gabriel

Achern: Theorie-Selbstversuch

Fahrprüfung früher und heute: Tablet statt Pappschablone

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Vor 125 Jahre legte zum ersten Mal ein Autofahrer eine Fahrprüfung ab. Aus diesem Anlass stellt sich auch die Frage: Wie wäre es, sich Jahre nach der eigenen Führerscheinprüfung noch einmal den Theoriefragen zu stellen? Neun Jahre ist das bei der Test-Redakteurin her, nicht allzu lange also – da müsste man sich doch noch leicht an die richtigen Antworten erinnern, könnte man meinen. In einer echten Prüfung mitzuschreiben, ist aus rechtlichen Gründen nicht möglich, also startet der Selbstversuch im Internet: TÜV und Dekra bieten online die Übungsversion einer Theorieprüfung an, so wie sie die Führerscheinanwärter heute auf Tabletcomputern ablegen. Kreuzchen auf gelben Papierbögen machen und nachher mit einer Pappschablone abgleichen, welche Antworten richtig sind, das gibt es heute in der Prüfung nicht mehr.

Antwortmöglichkeiten oft sehr ähnlich

Los geht es mit 20 Fragen Grundstoff – und das geht glücklicherweise leicht: Die Bedeutung eines Vorfahrt-gewähren-Schildes ist schnell geklärt, manche Antworten sind ganz offensichtlich falsch („Kinder schätzen die Geschwindigkeit von Fahrzeugen immer richtig ein und warten am Fahrbahnrand“), manche andere dann aber doch nicht, weil sich die Auswahlmöglichkeiten sehr ähneln und eine, zwei oder alle drei richtig sein können. 20 Fragen sind geschafft, es folgen zehn speziell für die künftigen Autofahrer.

Fahrprüfung Führerschein
Video und Beamer kommen heute zum Einsatz – hier Mario Penk von der Fahrschule MP an einer digitalen Tafel. | Foto: Michaela Gabriel

Dazwischen gibt es statt Schwarz-Weiß-Fotos Animationsfilme, inklusive Blick in sämtliche Spiegel. Fünfmal kann man sich das ansehen, dann erst wird die Frage zur Situation gestellt. Ein Beispiel: Man biegt auf eine schmale, kurvige Straße ein, es folgt ein Motorrad, ein Lastwagen kommt entgegen. Warum man für einen von beiden anhalten müssen soll, erschließt sich nicht so ganz – im echten Leben würde man eben langsamer fahren. Glücklicherweise ist der Großteil dieses Testbeispiels nah an der praktischen Realität – man erinnert sich nämlich auch noch an Fragen zum Beladen von Anhängern oder die Aufgabe, einen Bremsweg auszurechnen.

Zehn Fehlerpunkte sind erlaubt

Der Abschluss fällt dann aber doch in diese Kategorie: Wer nur schätzen kann, welchen Abstand ein am Straßenrand geparktes Auto zur Mittellinie haben muss, kassiert natürlich Fehlerpunkte. Je nach Aufgabe sind das unterschiedlich viele. In diesem Test sind es sechs Punkte geworden, zehn sind erlaubt. Das heißt: knapp bestanden. Trotzdem gut, dass der Test nur ein Test war.


Fahrprüfungen früher und heute im Vergleich

Von Michaela Gabriel

Die erste Fahrprüfung soll am 14. August 1893 in Paris abgelegt worden sein. Die dortige Regierung hielt schon sieben Jahre nach der Patentierung des ersten Fahrzeugs mit Gasmotorenbetrieb von Carl Benz eine Fahrerlaubnis für angebracht, um Unfälle mit motorisierten Personenkraftwagen zu vermeiden. 1901 wurde in Österreich eine Ausbildung mit Prüfung eingeführt, in Preußen 1903. Die erste deutsche Fahrschule wurde laut Wikipedia 1904 in Aschaffenburg eröffnet. Was hat sich bei den Prüfungen bis heute geändert?

Prüfung war in zehn Minuten erledigt

Seit 1949 gibt es in Achern die Fahrschule Nock. Stadtrat Manfred Nock und Albert Nock sind ihre heutigen Inhaber. „Mein Opa hat erzählt, dass eine Führerscheinprüfung früher in zehn Minuten erledigt war“, weiß Manfred Nock noch. Heute dauere sie mindestens 45 Minuten, von denen rund 30 Minuten gefahren wird. Bis 1958 habe eine Frau noch die Einwilligung ihres Mannes gebraucht, um den Führerschein zu erwerben, berichtet er. In den Fahrschulen habe es Nachbauten von Beleuchtungs- und Bremssystemen gegeben, und es sei viel Fahrzeugtechnik geschult worden.

Theorieprüfung immer digitaler

Für Motorradfahrer habe es ausgereicht, eine Acht fahren zu können. „Heute üben Motorradfahrer Slalom, Schrittgeschwindigkeit und Gefahrenbremsungen, um mehr Sicherheit zu erreichen“, berichtet Manfred Nock. Die theoretische Ausbildung verlaufe außerdem immer mehr digital, für die praktische Ausbildung jedoch spielten pädagogische und psychologische Aspekte eine größere Rolle. „Die Systembedingungen haben sich stark geändert“, sagt der Fahrschulinhaber.

Damals reichten zwölf Fahrstunden

Hans-Peter Wiegert ist seit 30 Jahren Fahrlehrer in Achern und Geschäftsführer der Fahrschule Wiegert. Früher seien viel weniger Spurwechsel erforderlich gewesen, weil es weniger Spuren gab. Die Zahl der Verkehrsregeln habe sich deutlich erhöht. „Damals reichten zwölf Fahrstunden, heute sind es oft 40.“ Es habe Zeiten gegeben, in denen Fahrschüler nicht auf die Autobahn durften, weil man das für zu gefährlich hielt. Erst 1976 wurden Sonderfahrten über Land, auf der Autobahn und bei Nacht während der Fahrausbildung verpflichtend eingeführt.

Fahrprüfung Führerschein
Zeichnungen anstelle von virtuellen Bildern gab es in den 50er Jahren, wie der Blick ins Archiv der Fahrschule Nock zeigt. | Foto: Michaela Gabriel

„Früher gab es in Achern nur eine Ampel“, erzählt Wiegert weiter. Um einen Kreisverkehr kennen zu lernen, musste man nach Baden-Baden fahren, doch auch der sei dann abgeschafft worden. „Kreisverkehre heute erhöhen den Verkehrsfluss, aber sie fordern Fahrschülern sehr viel ab“, so Wiegert: Beobachten, Lücken einschätzen, Entscheidungen treffen falle nicht leicht. Entscheidungen zu treffen, auch beim Suchen von Parklücken oder geeigneten Wendemöglichkeiten, sei heute ein sehr schwieriges Thema, sagt Mario Penk, Geschäftsführer der Fahrschule MP in Achern. Er kritisiert, dass Eltern ihren Kinder so viel abnehmen, dass diese mit der geforderten Verantwortung für das eigene Handeln im Straßenverkehr oft überfordert seien. Die Handy-Generation sei häufig nicht bei der Sache und habe eine schlechte Orientierung. Das ziehen am Handbremsenknopf lerne sie nur mühsam: „Sie sind nur das Drücken gewöhnt“.

Bedeutende neuere Änderung: Punktesystem

1999 wurde der Führerschein im Scheckkartenformat eingeführt. Seitdem stehen nicht mehr Klasse 1, 2 oder 3 drin, sondern Buchstaben; B zum Beispiel für Pkw. Wer Anhänger bewegen will, braucht heute eine eigene Ausbildung, wer Laster fahren will, ebenso. „Mit der früheren Klasse 3 durften Sie bis 7,5 Tonnen und dazu einen elf Tonnen schweren Anhänger bewegen“, daran erinnert Mario Penk. Die bedeutendste Neuerung in jüngster Zeit war laut Hans-Peter Wiegert die Änderung des Punktesystems bei Verkehrsverstößen im Jahr 2014. Während ein Autofahrer vorher bis zu 18 Punkte in Flensburg anhäufen konnte, bevor ihm die Fahrerlaubnis entzogen wurde, sind es heute nur noch acht.

Führerschein mit 17: weniger Unfälle

Manfred Nock erinnert an die Einführung des begleiteten Fahrens ab 17 im Jahr 2008. Es habe die überdurchschnittlich hohe Beteiligung von Fahranfängern am Unfallgeschehen weiter gesenkt. Eine Sache habe sich bei der Fahrausbildung und Führerscheinprüfung allerdings nicht geändert: „die anfänglichen Probleme mit der Kupplung“. Das Auto ab und zu abzuwürgen, gehöre für Fahrschüler immer noch dazu.