Gleitschirm Lauf Achern
Weit weg sind Wald und Häuser beim Flug über Lauf. Die Thermik könnte besser sein: Nach 13 Minuten gefühlter Schwerelosigkeit kommt der Landeplatz in Sicht. | Foto: Christian Schäfer

Tandemflug

Federleicht mit dem Gleitschirm über Lauf

Am Anfang ist alles ein großes Durcheinander. So scheint es zumindest, aber der Pilot weiß, was er tut. Vor allem, wenn er Passagiere mitnimmt: Matthias Basler steht am Omerskopf hoch über Lauf und entwirrt die unzähligen bunten Schnüre, die über der Wiese ausgebreitet und mit seinem Gleitschirm verbunden sind. Diese knapp 35 Quadratmeter orangefarbener Stoff sollen ihn gleich durch die Lüfte tragen – mitsamt der BNN-Redakteurin.

Gleitschirm Lauf Achern
Bereit zum Abheben: Der Vorsitzende der Laufer Windeckfalken, Matthias Basler, macht den Gleitschirm am Omerskopf startklar. | Foto: Christian Schäfer

Nach der Einweisung – und dem Versuch, die doch etwas flatterhaften Nerven zu beruhigen – geht es erst schnell: Geschirr umgeschnallt, Sicherheitsgurte geschlossen, Helm aufgesetzt. Das Variometer im Rucksack piept, die Anspannung steigt. Dann geht es auf den steilen Abhang – und dort ist Warten angesagt: Die bunten Windsäcke im Blick, passt der Vorsitzende der Laufer Windeckfalken den richtigen Moment ab – der kommt nicht immer: „Erst hier oben fällt die Startentscheidung“, sagt er. „Da muss man ehrlich zu sich sein. Ich stand schon oft hier und habe den Gleitschirm wieder eingepackt, weil die Thermik doch nicht gepasst hat.“

Ein paar Laufschritte bis zum Abheben

An diesem Tag aber passt sie für einen Start, und auch die Gewitterwolke, die sich über der Hornisgrinde aufgetürmt hat, zieht in die andere Richtung ab. Ein kleiner Schritt nach vorne, noch einer, und dann: „Lauf!“, ruft Basler von hinten. Und während man noch damit beschäftigt ist, bloß nicht über die eigenen Füße zu stolpern, hat man ihn auch schon verlassen, den sicheren Boden.

Gleitschirm Lauf Achern
Als der Wind stimmt, sind es nur ein paar Laufschritte, bis der Schirm aufgeht und fliegt. | Foto: Christian Schäfer

Der sieben Kilogramm schwere Schirm im Rücken macht sich mit einem Zug bemerkbar, als er sich mit Luft füllt. Der Wind zerrt an der Jacke, es ruckelt, das ganze Gespann sackt kurz ab, der Magen wird flau. Und dann kommt der Aufwind, die Thermik: Immer weiter in die Höhe schraubt sich der Schirm. Weit unten im Dunst taucht die Burgruine Neuwindeck im Sichtfeld auf, die Häuser am Laufer Ortsrand und der Landeplatz an der Laufbachstraße. Der muss noch warten: Erst fühlen sich die Flieger noch ein paar Minuten federleicht.

Es ist wie eine Sucht

Matthias Basler erzählt: „Es ist wie eine Sucht.“ Bei der Bundeswehr ist er mit dem Fallschirm gesprungen, in Obersasbach, wo der 43-Jährige wohnt, sah er immer die Gleitschirme am Himmel und wusste: Dieses Hobby muss es sein. Das war vor 13 Jahren. „Es ist toll, Leute mitzunehmen und zu sehen, wie sie danach das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen“, sagt er heute.

Gleitschirm schwebt wie in Zeitlupe

Ein Zug an den Schnüren in der linken Hand, und der Gleitschirm dreht sich sanft in die Linkskurve. So schnell das Herz vor dem Start beim Blick in den Abgrund geklopft hat, so sehr wird man in der Luft wieder ausgebremst: Als hätte jemand auf den Knopf für die Zeitlupe gedrückt, gleitet der Schirm langsam über dunkle Bäume, geschwungene Waldwege, Wiesen, Felder. Unten saust ein Auto um die Kurve, aber oben ist diese Alltagshektik ganz weit weg.

„Heute ist die Thermik nicht so gut“, meint der Pilot. Er hat sich mehr versprochen: Nach einer Viertelstunde, die sich aber anfühlt wie in Watte gepackte Ewigkeit, ist der Ausflug vorbei, und es heißt: Bereit machen zur Landung. Die ist Teil der Prüfung, die zwischen Flugschule und Flugschein steht. Auch alle sechs Tandempiloten der Windeckfalken haben sie hinter sich gebracht. „Die Verordnungen sind deutlich verschärft worden“, sagt Matthias Basler. Sicherheit steht an erster Stelle, damit es nicht zu Unfällen kommt, wie in der jüngeren Vergangenheit zum Beispiel in Oppenau.

Nach 13 Minuten wieder auf dem Boden

Die Landung fällt dann nicht ganz so sanft aus: Über der abgemähten Wiese geht es im Kreis herum und doch nochmal ein Stück in die Höhe. „Laufbereit sein“, kommt das Kommando. Die Beine ausgestreckt – keine Ahnung, wie weit der Boden eigentlich wirklich noch weg ist – und dann hat die Erde die Flieger schon wieder. Das leichte Gefühl ist sofort weg, dafür ist etwas anderes da: das angekündigte Grinsen im Gesicht.