Stahlwerke Kehl
Wärme übrig haben die Badischen Stahlwerke in Kehl. Diese könnte jetzt französische Haushalte heizen. | Foto: Habura

Alte Idee wieder aktuell

Fernwärme aus Deutschland für Straßburger Haushalte

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Klimaschutz deutsch-französisch: Die Badischen Stahlwerke Kehl könnten demnächst Fernwärme an Tausende Straßburger Haushalte liefern – mit Spielräumen nach oben. Dass Industrieanlagen Abwärme ungenutzt in die Umwelt pusten, ist ein Ärgernis. Diese Energie einem neuen Zweck zuzuführen, gehört jedoch zu den attraktiven Ideen ökologischen Wirtschaftens. Vor diesem Hintergrund treiben das baden-württembergische Umweltministerium, die Badischen Stahlwerke Kehl (BSW) und die Eurometropole Straßburg ein ungewöhnliches grenzüberschreitendes Projekt voran. Demnächst könnten Tausende, vielleicht sogar Zehntausende Straßburger Haushalte mit Fernwärme aus Kehl beheizt werden.

Stuttgart mit am Tisch

Die konkrete Idee kam, wie bereits berichtet, im Juni bei einem Arbeitstreffen mit Vertretern aus Stuttgarter Ministerien sowie der Städte Kehl und Straßburg auf. In den nächsten Tagen wird das Baden-Württembergische Umweltministerium dazu eine Machbarkeitsstudie als Forschungsauftrag ausschreiben. Bis Ende des Jahres, heißt es, rechne man mit einem Ergebnis. „Es gibt aber bei einem Vorhaben dieser Größenordnung sehr viele Fragen, die im Vorfeld diskutiert und beantwortet werden müssen“, so ein Sprecher auf Anfrage dieser Zeitung.

Technische Umsetzung ungeklärt

In der Machbarkeitsstudie müssten die Fragen der technischen Umsetzung, etwa wie Abwärme ausgekoppelt und transportiert werden könne, sowie die dafür nötigen Investitionen geklärt werden. „Das wird in den nächsten Monaten passieren, erst danach lässt sich sagen, ob und wie die Idee realisiert werden kann“. Das enorme Abwärmepotenzial der Badischen Stahlwerke zu nutzen, sei jedoch „im Interesse des Klimaschutzes und der Energiewende eine tolle Sache, die wir grundsätzlich unterstützen“. Dass dabei über ein grenzüberschreitendes Projekt nachgedacht werde, verleihe dem Vorhaben „einen besonderen Charme“.

Idee kam bereits 2014 auf

Bereits 2014 hatte der Energieversorger Badenova die Möglichkeit untersucht, die Abwärme des seit 1955 im Kehler Hafen ansässigen Stahlwerks in Heizwärme umzuwidmen. Für Kehl allein wäre die Menge allerdings zu viel gewesen. Letztlich hatte sich das Stahlwerk aus dem Projekt zurückgezogen.
Während sich die BSW zu den noch jungen aktuellen Plänen nicht äußern wollen, reagieren die Stadt und Eurometropole Straßburg geradezu euphorisch. „Das Potenzial ist gigantisch“, sagt Thierry Willm, der bei der Eurometropole Straßburg für den Energiesektor verantwortlich ist. „Das Kehler Stahlwerk konsumiert tagtäglich so viel Strom wie eine Großstadt“, betont Willm. Entsprechung viel, von 10 bis 15 Prozent ist die Rede, fallen dabei ungenutzt ab.

Großes Interesse in Straßburg

Straßburgs Interesse an der Zusammenarbeit mit dem badischen Stahlkocher ist umso größer, als sich die Eurometropole beim Ausbau erneuerbarer Energien ein ehrgeiziges Ziel gesetzt hat. Heute liegt der Ballungsraum mit einem Anteil von 16 Prozent bereits um fünf Prozentpunkte vor denen anderer französischer Agglomerationen. Bis 2050 will Straßburg sich jedoch schrittweise auf 100 Prozent steigern. Dabei spielen energieeffizientes Bauen und Sanierungen, Biomasse-Kraftwerke, Methanisierung und Tiefengeothermie eine gewichtige Rolle.

Geothermie in Reichstett

Anfang 2019 geht auf dem Gelände der stillgelegten Erdölraffinerie Reichstett nördlich von Straßburg eines von derzeit vier bei Straßburg geplanten Geothermiekraftwerken in Produktion. Gleichermaßen setzt man auf die Erschließung der in der Industrie ungenutzten Abwärme. Heute schon werden 55 000 Wohnungen und etliche öffentliche Gebäude über Fernwärme versorgt.

Bärbel Nückles