Dieter Puhane steht auf der Veranda von einem seiner "Tiny Houses" | Foto: Winter

„Tiny House“ Rheinau

Freiheit auf 21 Quadratmetern

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Das hellbraun lackierte Holzhaus glänzt in der Sonne. Es macht schon von außen einen stattlichen Eindruck mit dem Schornstein an der Seite und dem giebelartigen Aufbau des Daches mit den roten Ziegeln. Einem Haus ähnelt die fahrbare Unterkunft in jedem Fall mehr als einem herkömmlichen Wohnwagen. Aber darin wohnen? Die zu Beginn etwas, zugegeben, befremdliche Vorstellung wird mit jedem Schritt weniger absurd, die man sich dem Häuschen mit den Rädern nähert. Spätestens, wenn sich einem das schicke Innere öffnet, sind jedoch alle Zweifel verflogen: das von Dieter Puhane gefertigte „Tiny House“ ist so wohnlich eingerichtet, dass sich jeder unmittelbar wohlfühlt, der es betritt – und zumindest in Gedanken bereits eingezogen ist.

Ein „Tiny House“ versorgt sich weitestgehend autark

Denn wer bei 21 Quadratmeter Wohnfläche nur an eine muffige Studentenwohnung denkt, wird sich wundern, wie geräumig, wie hell man auf so engem Raum wohnen und leben kann. Puhane öffnet die Tür und präsentiert sein kleines Reich. Von der Couch bis zur Dusche, vom Herd bis zum Holzofen – für die Grundbedürfnisse reicht die schicke Einrichtung allemal. Vor dem Eingang ist sogar eine kleine Veranda samt Tisch. Und das beste: „Das Haus ist fast zu 100 Prozent autark“, sagt Puhane. Eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach und ein eingebauter Akku liefern den Strom, gekocht und warm geduscht wird mit Gas. Für Frischwasser gibt es einen Tank, solange das Haus nicht an eine Wasserleitung angeschlossen ist.
Um diese Autarkie geht es auch bei den meisten Personen, die Dieter Puhane beauftragen. „Viele sind sehr ökologisch eingestellt und wollen deshalb in einem ,Tiny House’ leben“, sagt er.

„Flexibilität wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger“

Ein weiterer Grund ist die Beweglichkeit der mobilen Häuschen. „Flexibilität wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger“, meint der Diersheimer, „das wirkt sich auch auf die Nachfrage aus.“ So ein „Tiny House“ bedeue eben auch ein stückweit Freiheit. Zu seinen Kunden gehören nicht nur Rentner, sondern auch Studenten, die unter der Wohnungsknappheit in den Städten leiden. Puhane selbst kann es sich dagegen nicht vorstellen, langfristig in einem seiner „Tiny Houses“ zu leben. „Wenn ich Single und nochmal jünger wäre, vielleicht“, sagt der 59-Jährige und lacht, aber mit seiner Patchworkfamilie, den fünf Kindern, seiner Frau und den Haustieren bevorzugt er doch das hergerichtete Fachwerkhaus im Diersheimer „Grüneck“.

Puhane hat mit seinem Unternehmen eine Marktlücke entdeckt

Welche Welle der gelernte Gas- und Wasserinstallateur mit seiner Geschäftsidee losgetreten hat, hatte der gebürtige Münchener selbst nicht erwartet. Puhane war der Erste, der den Trend aus den USA erkannte und nach Deutschland brachte. Und stieß damit direkt in eine Marktlücke. Der Diersheimer zimmert die Häuser nun im dritten Jahr und kann sich vor Anfragen kaum retten. Etliche Fernsehsender haben bereits bei ihm gedreht, er war in Zeitungen und im Radio. Fast wöchentlich bekomme er Interviewanfragen, die er gar nicht alle beantworten könne, sagt Puhane. Und die viele Werbung wirke sich natürlich auch auf die Kundschaft aus. 58 Häuser hat er mit seiner Firma „Tiny House Rheinau“ gebaut, vier weitere warten in der Werkshalle in Memprechtshofen auf ihre Fertigstellung. „Es hätten deutlich mehr sein können, hätte ich jeden Auftrag angenommen“, sagt Puhane. Aus den USA gab es allein eine Anfrage für 100 seiner fahrbaren Hütten. „Mich reizt aber die Individualität, da kann ich mich selbst einbringen“, sagt er.

Jedes Haus wird individuell gezimmert

Massenfertigung komme für ihn nicht in Frage. Jedes der Häuser wird nach den Wünschen und Bedürfnissen des Kunden individuell angefertigt. Dafür sorgen auch seine vier Mitarbeiter in der Werkstatt. Seine Frau erledigt die immer mehr werdende Büroarbeit, beantwortet Anfragen und schreibt Aufträge und Rechnungen. Wegen der guten Auftragslage hat Puhane diesen Monat nochmals zwei Zimmermänner und einen Schreiner eingestellt. In der Werkstatt wird fleißig geschraubt, gesägt und gezimmert, in diesem Jahr sollen es über 30 neue Häuser werden. Bei der Elektrik und der Sanitäreinrichtung arbeitet das Unternehmen mit anderen Firmen aus Rheinau zusammen.

Preis liegt bei über 50.000 Euro

Zwischen 55 000 und 60 000 Euro kostet ein „Tiny House“. Dafür verwendet Puhane die Produkte weitestgehend aus der Region. Das Holz kommt beispielsweise aus Appenweier. Wichtig ist ihm auch der Einbau hochwertiger Produkte. So werden beispielsweise, im Gegensatz zur Anfangszeit der Firma, keine Campinggeräte mehr eingebaut. Auch auf Plastik wird generell verzichtet, das wünschen sich auch die ökologisch eingestellten Kunden. Das Ergebnis: Hohe Qualität und ein Garantieversprechen. „Bei entsprechender Pflege spricht nichts dagegen, dass das Haus 50 Jahre oder länger hält“, ist Puhane überzeugt.

Der Trend, in kleinen beweglichen Häusern, den sogenannten „Tiny (=winzigen) Houses“ zu wohnen, kommt aus den USA. Dort hat sich die alternative Weise, zu wohnen, in einer eigenen Bewegung („Small House Movement“) gesammelt. Immer mehr Deutsche entscheiden sich auch für eine solche Lebensweise, meist aus dem Grund, „einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen“, sagt Dieter Puhane. Vom Rentner-Ehepaar bis zum Studenten seien die Interessierten sehr breit gefächert.
In den meisten Fällen werden die Häuser tatsächlich nicht als Urlaubsdomizil sondern als Hauptwohnsitz genutzt. Abgestellt werden sie auf Campingplätzen, Bauernhöfen oder Bauplätzen. Dass die Tiny Houses noch bewegt werden können, gibt es klare Vorschriften: Es darf maximal vier Meter hoch, sieben Meter lang und 2,55 Meter breit sein. Außerdem darf es nicht über 3,5 Tonnen wiegen.