Oft um Minuten geht es beim Einsatz des Rettungswagens. Vor dem Hintergrund der Verlegung des zweiten Rettungswagens aus Achern nach Appenweier wird nun der Ruf nach einer Reform des Rettungsdienstgesetzes laut. | Foto: Roland Spether

Rettungsdienst im Raum Achern

„Für organisatorische Experimente ungeeignet“

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Unterschiedlich bewerten die Bürgermeister im Raum Achern die Pläne zur Neuorganisation des Rettungsdienstes in der nördlichen Ortenau. Wie berichtet, soll im Rahmen einer zweijährigen Pilotphase einer der beiden am Acherner Klinikum stationierten Rettungswagen (RTW) nach Appenweier verlegt werden. Der entsprechende Vorschlag führt nun zu einer Grundsatzdebatte über den Einsatz des RTW.

Unterschiedliche Hilfsfristen

Acherns Oberbürgermeister Klaus Muttach verwies in einer Stellungnahme auf das Ergebnis einer Untersuchung des zuständigen Bereichsausschusses. Mit Blick auf die sogenannten Duplizitätsfälle, in denen ein Rettungswagen bereits im Einsatz ist und ein zweiter Notfall gemeldet wird, sei der Standort in Appenweier als „optimal“ definiert worden. Ein weitere Vorteil sei, dass der von Achern nach Appenweier verlegte RTW dann nicht nur tagsüber, sondern rund um die Uhr zur Verfügung stehen soll. Laut Muttach wird für Notfälle in den Versorgungsgebieten der Rettungswachen Rheinau, Achern, Kehl und Oberkirch, die örtlich näher am neuen Standort Appenweier liegen, künftig eine bessere Hilfsfrist erreicht. Er räumt aber auch ein, dass für Duplizitätsfälle im Bereich Ottenhöfen und Seebach die Hilfsfrist voraussichtlich „knapp überschritten wird“.

„Landespolitik muss sich Gedanken machen“

Genau davor warnen die Bürgermeister der Talgemeinden. „Durch die Verlegung eines Rettungswagens nach Appenweier befürchte ich, dass die Hilfsfristen in Lauf, insbesondere in den Außenbezirken, nicht mehr eingehalten werden können“, sagt Bürgermeister Oliver Rastetter. Dadurch werde die Arbeit der „Helfer-vor-Ort-Gruppe des DRK in Lauf noch wichtiger. Diese arbeite aber ehrenamtlich schon jetzt bis zur Belastungsgrenze. Rastetter: „Es kann in einem reichen Land wie Deutschland nicht sein, dass ein Rettungsdienst nur noch dauerhaft mit Hilfe Ehrenamtlicher funktioniert. Deshalb muss sich die Landespolitik mit den Krankenkassen Gedanken machen, den Rettungsdienst finanziell zu stärken und eine Personaloffensive zu starten.“

„Brauchen mehr Rettungswagen“

Rastetter fordert im Übrigen eine Trennung der Rettungs- und Krankentransporte: „Angesichts der demografischen Entwicklung und dem Wegfall vieler Kliniken im Land werden wir auf Dauer mehr Rettungswagen benötigen.“ Folglich wäre seiner Meinung nach auch vor dem Hintergrund der Klinikreform im Ortenaukreis eine Beibehaltung zweier Rettungswagen in Achern und der Aufbau eines zusätzlichen Standortes in Appenweier „mit Sicherheit der bessere Weg“.

Weit verzweigte Gemeinde

Eine Meinung, der sich auch Seebachs Bürgermeister Reinhard Schmälzle vorbehaltlos anschließt. Wie Rastetter geht auch Schmälzle davon aus, dass Hilfsfristen in seiner weit verzweigten Gemeinde nicht mehr eingehalten werden können, wenn der Acherner RTW unterwegs ist und das Fahrzeug aus Appenweier anfahren muss.

„Notfalls muss nach justiert werden“

Ottenhöfens Bürgermeister Hans-Jürgen Decker zufolge sei die 24-Stunden-Verfügbarkeit des zweiten RTW zwar grundsätzlich zu begrüßen, doch dürfe die Verlegung nach Appenweier „in keinster Weise“ die Einhaltung der Hilfsfristen gefährden: „Sollte dies der Fall sein, muss nachjustiert werden.“

Gesundheit wichtigstes Gut

Mit Skepsis nimmt auch Sonja Schuchter die Pläne zur Verlagerung des RTW zur Kenntnis: „Ich habe Bedenken, ob bei einer Verlegung des zweiten Rettungswagens nach Appenweier die Versorgung in unserem Bereich bis hoch zur Hornisgrinde noch vollumfänglich gewährleistet werden kann.“ Auch weil die „normalen“ Krankentransporte in Fachkliniken ständig zunehmen, erwarte sie, „dass nicht erst nach zwei Jahren eine Bilanz gezogen, sondern bereits bei den ersten Versorgungsproblemen reagiert wird.“ Das gelte insbesondere im Hinblick auf die zukünftige Krankenhauslandschaft: „Leben und Gesundheit sind unser wichtigstes Gut und eignen sich deshalb nicht für organisatorische Experimente.“

Reform des Rettungsdienstgesetzes gefordert

Handlungsbedarf sieht auch Kappelrodecks Bürgermeister Stefan Hattenbach – auch wenn seine Gemeinde durch die Nähe zu Rettungswache und Klinik in Achern vergleichsweise gut versorgt sei. Dennoch bestehe „dringender Handlungsbedarf“ für eine Reform des Rettungsdienstgesetzes. Das erhöhte Aufkommen an Krankentransporten dürfe nicht dazu führen, dass es in Notfällen zu Einbußen bei der Verfügbarkeit von Rettungskräften kommt. Hattenbach hält es in dem ländlich strukturierten Ortenaukreis grundsätzlich für wichtig, das Rettungswesen auszubauen und zu verbessern – auch wenn es Geld kostet. „Es geht im wahrsten Sinne des Wortes im Notfall ums Sein oder nicht Sein.“

 

Stichwort: Rettungsdienst
Für die Bedarfsplanung im Rettungsdienst ist der Bereichsausschuss für den Rettungsdienstbereich Ortenaukreis zuständig. Stimmberechtigte Mitglieder sind die Leistungsträger im Rettungsdienst (DRK-Kreisverband Bühl-Achern, DRK-Rettungsdienst Ortenau gGmbH, DRK-Kreisverband Wolfach) und die Kostenträger (Krankenkassen).
Der Versorgungsbereich der Rettungswache Achern umfasst den nördlichen Ortenaukreis mit der Großen Kreisstadt Achern und den Gemeinden Lauf, Sasbach, Sasbachwalden, Kappelrodeck, Ottenhöfen, Seebach sowie Rheinau und die Stadt Renchen. Seit April 2011 ist der Versorgungsbereich Achern dem Rettungsdienstbereich Ortenau zugeteilt. Die Disposition der Rettungsmittel erfolgt durch die Integrierte Leitstelle Ortenau.
Die Rettungswache Achern hält für die Bevölkerung in ihrem Einzugsgebiet bisher einen Rettungswagen rund um die Uhr sowie einen zweiten Rettungswagen von 7.30 bis 19.30 Uhr vor. Zusätzlich wird für die Notfallrettung ein Notarzteinsatzfahrzeug rund um die Uhr besetzt. Im Rahmen des Rendezvous-Systems nimmt dieses den Notarzt vom benachbarten Ortenauklinikum Achern auf und fährt zeitgleich mit dem Rettungswagen zum Einsatzort. Des Weiteren wird von der Rettungswache Achern ein Krankentransportfahrzeug vorgehalten, das an Werktagen tagsüber zum Einsatz kommt. red